Der Charakter der Psalmen

Ein menschliches Herz ist wie ein Schiff auf einem wilden Meere, welches die Sturmwinde von allen vier Himmelsrichtungen hin und her treiben: von hieher stößt Furcht und Sorge vor zukünftigem Unglück; von dorther fährt Gram und Traurigkeit über gegenwärtiges Übel; von da weht Hoffnung und Vermessenheit im Blick auf zukünftiges Glück; von dort bläst Sicherheit und Freude über gegenwärtigen Gütern. Solche Sturmwinde aber lehren mit Ernst reden und das Herz öffnen und es von Grund ausschütten. Denn wer in Furcht und Not steckt, der redet sehr viel anders vom Unglück, als wer in Freuden schwebt; und wer in Freuden schwebt, der redet und singt sehr viel anders von Freuden, als wer in Furcht steckt. Es kommt nicht von Herzen, sagt man, wenn ein Trauriger lachen oder ein Fröhlicher weinen soll; das will heißen: seines Herzens Grund steht nicht offen und kommt nicht heraus [ans Licht]. Was ist aber das meiste im Psalter anderes als solch ernstliches Reden in allerlei solchen Sturmwinden?
Wo findet man feinere Worte von Freuden als in den Lob- oder den Dankpsalmen? Da siehst du allen Heiligen ins Herz wie in schöne Lustgärten, ja wie in den Himmel; [du siehst], wie feine, liebliche, herzerfreuende Blumen darin aufgehen von allerlei schönen, fröhlichen Gedanken gegen Gott um seiner Wohltat willen.
Andererseits, wo findest du tiefere, von Klage und Jammer mehr erfüllte Worte der Traurigkeit als in den Klagepsalmen? Da siehst du abermals allen Heiligen ins Herz wie in den Tod, ja wie in die Hölle. Wie finster und dunkel ist’s da von allerlei betrübtem Anblick des Zornes Gottes! Ebenso auch, wo die Heiligen von Furcht oder Hoffnung reden, da gebrauchen sie solche Worte, dass dir kein Maler die Furcht oder die Hoffnung so abmalen und kein Cicero oder Redekundiger sie dir so schildern könnte. Und, wie gesagt, das Allerbeste ist, dass die Psalmisten diese Worte Gott gegenüber und mit Gott reden; denn das bewirkt, dass doppelter Ernst und zwiefältiges Leben in den Worten liegt. Denn wo man sonst Menschen gegenüber von solchen Dingen redet, geht es nicht so stark von Herzen, brennt, lebt und drängt nicht so sehr.
Daher kommt’s auch, dass der Psalter aller Heiligen Büchlein ist, und ein jeder, in welcher Lage er auch ist, Psalmen und Worte darin findet, die sich auf seine Lage reimen und so auf ihn passen, als wären sie nur um  seinetwillen so geschrieben; er könnte sie auch selbst nicht besser verfassen oder erfinden, noch sich bessere wünschen. Das ist dann auch dazu gut: wenn einem solche Worte gefallen und sie auf ihn passen, dann wird er dessen gewiss, er sei in der Gemeinschaft der Heiligen, — es sei ja allen Heiligen so ergangen, wie es ihm geht, weil sie alle das gleiche Liedlein mit ihm singen; — besonders dann, wenn er die Worte in solcher Weise auch Gott gegenüber reden kann, wie sie es getan haben. Dies muss freilich im Glauben geschehen, denn ein gottloser Mensch findet keinen Geschmack an solchen Worten.
Martin Luther, Vorrede zum Psalter (1528), WA DB 10, 1, Seite 100-102, abgedruckt in: Martin Luther, Das schöne Confitemini, Calwer Luther-Ausgabe, Bd. 7, Siebenstern: München-Hamburg 1967, Seiten 56-58.

 

Das Gebetsbuch Jesu Christi

„Der Psalter ist das Gebetsbuch Jesu Christi im eigentlichen Sinne. Er hat den Psalter gebetet, nun ist Er Sein Gebet für alle Zeiten geworden. Wird es jetzt begreiflich, wie der Psalter zugleich Gebet zu Gott und doch Gottes eigenes Wort sein kann, eben weil der betende Christus uns hier begegnet? Jesus Christus betet den Psalter in seiner gemeinde. Seine Gemeinde betet auch, ja, Einzelne betet, aber er betet eben … im Namen Jesu Christi. … Weil Christus das Psalmengebet des Einzelnen und der Gemeinde vor dem himmlischen Thron mitbetet, vielmehr weil die Betenden hier in das Gebet Jesus Christi miteinfallen, darum dringt ihr Gebet zu Gottes Ohren. Christus ist ihr Fürbitter geworden.“ Dietrich Bonhoeffer, Gemeinsames Leben.

Das große Lob des Wortes Gottes Psalm 119

Der 119. Psalm ist der längste Psalm und das umfangreichste Kapitel der Bibel.
1. Die poetischen Form
Psalm 119 ist ein Akrostichon. Dieser Ausdruck wird für eine literarische Technik verwendet, bei welcher der Verfasser den ersten Buchstaben oder das erste Wort einer Reihe von poetischen Einheiten so gestaltet ist, dass es eine Botschaft zum Ausdruck bringt. Diese „Einheit“ kann eine Zeile sein oder die erste von zwei Zeilen oder die erste von drei Zeilen oder auch die erste Zeile einer Strophe oder eines Abschnitts. In Psalm 119 wird ein alphabetisches Akrostichon in seiner vollendetsten Form dargeboten. Alle 22 Buchstaben des hebräischen Alphabets sind jeweils mit einer Strophe zu 8 Versen vertreten. Alle 8 Verse einer Strophe beginnen mit dem gleichen Buchstaben. In neueren Bibelübersetzungen wird am Anfang jeder Strophe der hebräische Buchstabe als Zwischenüberschrift angegeben. Die 8 Verse der ersten Strophe beginnen z.B. mit Alef, die der zweiten Strophe mit Bet usw. Im der hebräischen Bibel beginnt jede Zeile mit dem hervorgehobenen Buchstaben. Bei Übersetzungen lässt sich das leider meistens nicht so wiedergeben. Da sind die Verse oft auf zwei Zeilen verteilt, wobei die zweite Zeile zusammen mit der ersten einen Parallelismus bildet. Oft ist es einfach eine Fortsetzung oder Erläuterung des Gedankens der ersten Verszeile. Die zweite Zeile beginnt dann natürlich nicht noch einmal mit dem hervorgehobenen Buchstaben. Der Hauptzweck eines solchen alphabetischen Akrostichons ist es, Vollkommenheit auszudrücken. Im Psalm 119 geht es darum sorgfältig jeden Aspekt des Wortes Gottes zu beleuchten, sozusagen von A bis Z. Leider ist es nicht möglich, in Übersetzungen die überaus kunstvolle Form des Originals zu vermitteln. Weiterlesen