2.Petrus 1,6 und in der Erkenntnis Mäßigkeit und in der Mäßigkeit Geduld und in der Geduld Frömmigkeit

Die Vorstellung, dass das Christentum eine unendliche Folge von Bergerlebnissen sei, ist unrealistisch. Es gibt tägliche Routine, unangenehme Aufgaben, entmutigende Umstände, bitteres Leid und zerstörte Pläne. „Geduld“ ist die Kunst, angesichts alles dessen auszuhalten und weiterzumachen, mag auch vieles gegen uns stehen.
Zur Mäßigkeit, zur Selbstzucht muss Standhaftigkeit hinzukommen, hypomone, wie es im griechischen Text heißt. Dieses Wort ist in der revidierten Lutherbibel mit Geduld übersetzt, einem Begriff, der leicht zu passiv aufgefasst werden kann. Der Verfasser des Hebräerbriefes sagt von Jesus, um der zukünftigen Freude willen habe er das Kreuz erduldet und der Schande nicht geachtet (Hebr. 12, 2).
Jedes echte und wirksame Leben für Gott begegnet dem mächtigen Widerstand der Welt und ihres unheimlichen Fürsten. Da gilt es viel auszuhalten und zu tragen. Darum wird auf die Tragkraft „Geduld“ im NT immer wieder hingewiesen (auch Gal 5, 22). Wenn Petrus nun einfügt: in der Tragkraft aber die Frömmigkeit, dann kann uns das zunächst wundern. War nicht in V. 3 die Frömmigkeit als etwas Umfassendes und Grundlegendes genannt? Warum nun hier mitten in dieser Reihe? Vielleicht, damit wir Enthaltsamkeit und Tragkraft nicht hart und schwer empfinden, sondern es erwarten, dass gerade im Verzichten auf Lockungen, in unserer Selbstzucht und im standhaften Tragen von Leiden für Gott die Freude am Herrn und die Hingabe an ihn wächst. Vor allem aber wohl deshalb, weil wirkliche „Brüderlichkeit“ und eigentliche „Liebe“ erst möglich wird in unserem Verhältnis zu Gott. Immer ist es Gott, der „zuerst“ „liebt“ und durch die Hingabe Jesu in den Tod uns aus  dem Tod unserer Lieblosigkeit in das Leben der Liebe bringt. 
Frömmigkeit bezieht sich auf die Verpflichtung der Menschen zur Ehrfurcht vor Gott. Im heutigen Sprachgebrauch haben die Wörter „Frömmigkeit“ und „fromm“ leider nicht mehr den Klang und Stellenwert, der ihnen eigentlich zukommt.

1.Petrus 5,6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

Wenn wir uns unter Gottes starke Hand demütigen, erkennen wir damit bereitwillig sein Eingreifen als ein Mittel zu unserem eigenen Besten und zu Gottes Ehre an. Mit anderen Worten verzichten wir darauf, andere Menschen oder Ereignisse zu manipulieren. Wir sehen davon ab, Gottes Zeitplan forcieren zu wollen. Wir überlassen ihm die Planung. Und wir beugen uns unter seine starke, stabilisierende Hand. In unserer Ellbogengesellschaft findet sich immer irgendein Weg, um die Dinge voran zu treiben, wenn es uns zu langsam geht. Es gibt Leute, die man anrufen kann, Einflüsse, die man geltend machen kann, und Schwitzkästen, mit denen man drohen kann. Solche Methoden sind wirksam und schinden Eindruck – aber letzten Endes bereut man sie doch nur. Ein Gefühl der Unzufriedenheit und Enttäuschung macht sich breit. Nicht Gott hat gehandelt, sondern man selbst! Überlassen Sie es Gott, Sie zu erhöhen! Bis dahin bleiben Sie getrost unter seiner starken Hand. Mir ist zwar klar, dass ein solcher Rat unpopulär klingt, aber er ist goldrichtig. Zudem werden Sie sich in Zukunft nie fragen müssen, wer die Dinge ins Rollen gebracht hat, Sie oder Gott. Und wenn er Sie dann zu etwas ganz Großartigem einsetzt und Sie so erhöht, werden Sie keinen Grund haben, sich etwas darauf einzubilden. Alles Lob, alle Anerkennung geht allein an Gottes Adresse!
Demut ist die Konsequenz des Wissens, daß Gott die Niedrigen erhöht.
Demut kann nicht etwas Selbstgemachtes sein, sonst wirkt sie verkrampft und unglaubwürdig. Sie kann nur geschenkt sein. Echte Demut kann nur vom Wissen um die gewaltige Hand Gottes her kommen. Nur jene Hand selber kann wahrhaftig demütig machen (2. Mose 14, 31; vgl. 13, 3; 14, 8), aber eben so auch wahrhaft aufrichten, erhöhen. Rechte Demut hat nichts zu tun mit Minderwertigkeitskomplexen. Wer wirklich bis zu innerst weiß, dass er nur lebt von dem gnädigen Urteil Gottes über ihn und nicht von seinen eigenen Werten oder Unwerten, der kann ebenso getrost und demütig seine Werte wie seine Unwerte sehen.
Im Alten Testament, vor allem im Zusammenhang mit dem Auszug aus Ägypten, ist immer wieder von der „Hand des Herrn“ die Rede, die stärker ist als die „Hand der Ägypter“. „So errettete der Herr an jenem Tage Israel aus der Hand der Ägypter, und Israel sah die Ägypter am Gestade des Meeres liegen. Als Israel sah, wie gewaltig sich die Hand des Herrn an den Ägyptern erwiesen hatte, da fürchtete das Volk den Herrn“ (Ex 14,30 f.).
Das wird „zur Zeit“ (so wörtlich) geschehen. Das Griechische unterscheidet chronos, die regelmäßig ablaufende Zeit von kairos, der erfüllten, wesentlichen und prägenden, für das NT also der von Gott erfüllten Zeit. Damit ist in 1,5 (wie auch 5,6) die endgültig von Gott qualifizierte Zeit jenseits unseres Todes und unserer Welt gemeint.

 

1.Petrus 4,6 Denn dazu ist auch den Toten das Evangelium verkündigt, dass sie zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, aber nach Gottes Weise das Leben haben im Geist.

Hier wird Bezug genommen auf ein Argument von den Gegner der Christen. „Ihr redet von der Wiederkunft Christi und davon, daß ihr jetzt schon das ewige Leben besitzt – warum sterbt ihr dann wie wir andere auch?“ mag das Argument gelautet haben. „Die Sterblichkeit ist unter euch genauso hoch wie unter uns; euch widerfährt dasselbe Gericht wie uns.“ „Nein“, erwidert der Apostel, „jene die gestorben sind (die Toten) mögen zwar nach Menschenweise gerichtet werden im Fleisch, indem sie den physischen Tod erleiden, doch weil ihnen das Evangelium verkündigt wurde (als sie noch lebten und darauf eingingen), haben sie nun nach Gottes Weise das Leben im Geist“ V. 5 hatte die Universalität des Gerichts betont: Entweder begegnet der Mensch nach seinem Tod dem Gericht, oder er läßt bereits hier auf Erden das Gericht über seine Sünden durch die Vereinigung mit Christus über sich ergehen. Dann wird der Tod bloß das Tor zu einem erfülltere und freieren Leben im Geist sein; ein späteres Gericht wird er dann nicht mehr zu befürchten haben.
Was wir in diesem Vers lesen, ist nicht dasselbe, was in Kap 3,19 steht. Noah war der Prediger der Gerechtigkeit (2Petr 2,5). Er predigte das Gericht, aber keine frohe Botschaft. Die Schrift verwendet in Kap 3,19 und 4,6 ausdrücklich unterschiedliche Worte.
Die gute Botschaft in diesem Vers ist nicht speziell das christliche Evangelium. Es waren Botschaften Gottes, die den Menschen vergangener Epochen zu verschiedenen Zeiten verkündigt worden sind. Auch den Menschen zur Zeit Noahs wurde eine Botschaft verkündet, die sie gerettet hätte, wenn sie sie angenommen hätten. Von Adam an gab es die Kunde von einem kommenden Retter (1Mo 3,15); auch den Vätern Israels in der Wüste war eine gute Botschaft (Hebr 4,2) von dem verheißenen Land verkündigt worden, aber die meisten haben ihr nicht geglaubt und kamen in der Wüste um. Außerdem hatten alle Menschen das Zeugnis der Schöpfung, in Offb 14,6-7 „das ewige Evangelium“ genannt.