2.Petrus 1.19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

„Umso fester haben wir das prophetische Wort“. Es ist wie ein Jubelruf über den Einblick, den Gott uns in sein Wesen und in seine Pläne gegeben hat (Ps 103,7), als er zu den Propheten sprach.
„Wir“
ist kein fest zugeordnetes Pronomen wie in Vers 18, wo es sich auf Petrus, Jakobus und Johannes bezieht. Vielmehr sind mit wir in Vers 19 alle Gläubigen gemeint. Als Gesamtheit besitzen sie das Wort, die Quelle der Wahrheit Gottes, die weitaus verlässlicher ist als ihre kollektiven Erfahrungen, selbst wenn Apostel diese gemacht haben.
Das „prophetische Wort“ bezeichnet nicht nur die prophetischen Bücher des AT, sondern das gesamte AT. Natürlich wurde das ganze AT von „Propheten“ im wahrsten Sinn des Wortes geschrieben, da sie das Wort Gottes redeten und aufschrieben und damit die Aufgabe eines Propheten erfüllten und in gewissem Sinne auf den kommenden Messias hinwiesen (vgl. Lk 24,27). halten wir nun fest. Das bedeutet nicht, dass das Augenzeugenerlebnis der Verklärung Christi die Schriften bestätigte.
Während Petrus von diesem unvergesslichen Erlebnis auf dem Berg der Verklärung sprach, kam ihm das andere Wort Gottes, das geschriebene Wort, wie es von den Propheten verkündet wurde, in den Sinn. Ja, Gottes Stimme auf dem Berg machte das prophetische Wort um so fester (bebaioteron; vgl. bebaian, V. 10), denn die Verklärung war ein Vorgeschmack auf die Erfüllung der alttestamentlichen Weissagungen.
Der Ausdruck dunkler Ort beinhaltet die undurchdringliche Finsternis der gefallenen Welt, die die Menschen davon abhält, die Wahrheit zu erkennen, bis das Licht der göttlichen Offenbarung hervorbricht und das Dunkel vertreibt. So vergleicht Petrus die Schrift mit einer Lampe, die einer dunklen und sündigen Welt Licht bietet.
Eine Lampe ist nichts, verglichen mit dem Morgenstern (phosphoros, „Lichtbringer“; das Wort kommt nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament vor). So wie eine Lampe bei Nacht ein Vorgeschmack des hellen Morgensterns ist, der sie überstrahlt, wenn er aufgeht, so ist die Prophetie des Alten Testaments ein Vorgeschmack des Kommens Christi, „des hellen Morgensterns“
Der Morgenstern ist Jesus Christus Selbst, wie Er in Offenbarung 22:16 sagt: „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der glänzende Morgenstern.“ So hatte Bileam es in 4.Mose 24:17 geweissagt: „Es tritt hervor ein Stern aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel“, worauf Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, sich bezog, als er sagte: „… um der innigsten Barmherzigkeit unseres Gottes willen, mit der uns der Aufgang aus der Höhe aufsucht“ (Luk.1:78).

2.Petrus 1,10 Darum, liebe Brüder, bemüht euch desto mehr, eure Berufung und Erwählung festzumachen. Denn wenn ihr dies tut, werdet ihr nicht straucheln

Die Berufung und Erwählung macht uns nicht zu „Marionetten“ in Gottes Hand, er läßt uns „Person“ bleiben mit eigener Verantwortung.
Die Erwählung ist kein Freibrief zum Sündigen. Gegen eine unberechtigte Selbstsicherheit wendet sich das NT mit seinen Imperativen, den Aufforderungen zum Gehorsam. Darum betont Petrus den Eifer, „Berufung und Erwählung festzumachen“. „Fest“ ist ein Begriff der Rechtssprache und bedeutet „rechtskräftig“ (vgl. Mk 16,20; Hebr 2,2f.; Phil 1,7). Die Heilsgewissheit beruht auf der rechtsgültigen Verheißung und im Wort Gottes (1. Kor 1,6.8; Hebr 6,16.19; 2. Petr 1,10.19).
Wir können unsere „Berufung und Erwählung“ nicht noch fester machen, als sie es schon sind, denn Gottes ewige Pläne können nicht umgestoßen werden. Leben in der Heiligung hält uns vom Straucheln ab. Es geht dabei nicht darum, dass wir in ewige Verdammnis fallen könnten, denn das Werk Christi errettet uns davor.
Hier ein versuch, anhand eines unvollkommenen Beispiels. Angenommen, jemand, der wohlhabend und gütig ist, ermöglicht einem armen Jungen, der von sich aus keine Gelegenheit dazu gehabt hätte, ein Universitätsstudium. Der junge Mann kann jedoch erst dann von ihm zuteil gewordenen Vorrecht Gebrauch machen, wenn er bereit ist, zu arbeiten, zu studieren und keine Mühe zu scheuen. Je härter er arbeitet, desto mehr nützt ihm das Vorrecht. Erst wenn das großzügige Angebot sich mit persönlicher Anstrengung verbindet, kann es voll wirksam werden. So verhält es sich auch mit Gott und uns. Gott hat uns zwar in seiner unverdienten Gnade und Barmherzigkeit berufen, doch wir selbst müssen uns gleichzeitig mit allem Fleiß darum bemühen, voranzukommen auf dem Wege zu ihm.

2.Petrus 1,9 Wer dies aber nicht hat, der ist blind und tappt im Dunkeln und hat vergessen, dass er rein geworden ist von seinen früheren Sünden.

Je mehr wir mit und für Christus leben, desto besser lernen wir ihn kennen. Uns in den genannten Tugenden immer mehr zu vervollkommnen heißt, Jesus Christus immer besser kennen und ihm immer näher kommen.
Wenn wir diese Mühe jedoch scheuen, geschieht folgendes, a) Wir werden blind; wir bleiben ohne das Licht, das uns die Erkenntnis Jesu Christi bringt. Ohne Christus leben, heißt nach Petrus im Dunkeln tappen und den Weg nicht erkennen können, b) Wir werden, was Petrus myöpazön nennt. Dieses Wort kann zweierlei bedeuten. Erstens kurzsichtig. Es ist nicht schwer, kurzsichtig zu sein im Leben und alles nur so zu nehmen, wie es sich im Augenblick darbietet, statt auf weite Sicht zu denken. Es ist nicht schwer, immer nur das Vordergründige, niemals aber das Hintergründige zu sehen. Das Wort kann aber auch heißen blinzeln, die Augen schließen. Auch das ist nicht schwer: die Augen vor dem zu verschließen, was wir nicht sehen möchten, zu leben, als hätten wir Scheuklappen, die unser Blickfeld auf das einengen, was zu erkennen uns angenehm ist, sowohl im Hinblick auf uns selbst als auch im Hinblick auf die Welt.
Der Vorwurf, sie hätten vergessen, dass sie die »Reinigung« ihrer „alten Sünden empfangen“ haben, ist hart. Schon David mahnt sich selbst: „… vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat: Der dir alle deine Sünde vergibt“ (Ps 103,2f.). Wer die Sündenvergebung vergisst, missachtet als Erstes Jesu und Gottes Liebe; der nimmt zum anderen Gottes Willen nicht ernst; schließlich steckt in diesem Wort die Mahnung, doch ja nicht vergebene Sünde neu in sich aufleben zu lassen bzw. alte (Lieblings -) Sünden, die eigentlich vergeben sein sollten, weiter mit sich zu tragen oder sich von ihnen beschweren zu lassen (1. Joh 3,19-21).
Reinigung ist die Übersetzung von katharismos, von dem sich das eingedeutschte Wort Katharsis („Läuterung“) herleitet. Die derartige Sünde eines Gläubigen macht ihn unsicher bezüglich seiner Reinigung und Errettung von seinem früheren Leben (Eph 2,4-7; 5,8.26; Tit 3,5-6; Jak 1,18; 1Petr 1,23; 1Jo 1,7). Diese Art geistlicher Vergesslichkeit führt dazu, dass solche Christen alte Sünden erneut begehen. Außerdem raubt sie ihnen ihre Heilsgewissheit.
Ohne Christus leben heißt der Gefahr ausgesetzt sein, einen kurzsichtigen oder engbegrenzten Lebensstandpunkt einzunehmen.

2.Petrus 1,8 Denn wenn dies alles reichlich bei euch ist, wird’s euch nicht faul und unfruchtbar sein lassen in der Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus.

Der Aufruf von Petrus ist sehr charakteristisch für die neutestamentlichen Belehrungen über Heiligkeit und Heiligung. Die Aufforderung zur Heiligung im Neuen Testament fußt niemals auf dem Gesetz; niemals wird uns diktiert, was wir im einzelnen zu tun und zu lassen haben. Anstelle von Hinweisen auf Einzelvorschriften werden unsere Einsicht und unser Verständnis angesprochen: Wenn ihr vorgebt, gewisse Dinge zu glauben und wirklich meint, was ihr sagt, dann müsst ihr notwendigerweise auch gewisse Dinge tun. Das Neue Testament macht die Heiligung zu einer sinnvollen und vernünftigen Angelegenheit, nicht aber zu einem gesetzlichen Zwang.
Die Wendung „wenn dies … bei euch ist“ betont, dass die genannten geistlichen Eigenschaften den Christen „angehören“. Sie müssen jedoch auch etwas mit diesen Tugenden anfangen. Ein wirksames und fruchtbares geistliches Leben führen sie, wenn dies alles reichlich vorhanden ist. Nur dann kommt es zu einem Fortschreiten in der Gnade. Ein Gläubiger, der sich in diesen sieben Gebieten nicht weiterentwickelt, ist faul und unfruchtbar in seiner Erkenntnis (epignosin, wörtlich „vollständige persönliche Kenntnis“; vgl. V. 2 – 3; 2. Petr 2,20) unseres Herrn Jesus Christus. Auch hier kann wie bei Vers 2 die Vorsilbe epi vor gnosis das tiefere Eindringen in die Erkenntnis unterstreichen. Zugleich ist der Satz auch wieder gegen die neuen Strömungen gerichtet, die ihre „Erkenntnis“ rühmen und gegen einen „bloßen Glauben“ ausspielen.
Der Vers wird zugleich gegen falsche Gnosis gewandt sein. Gnosis, die ohne sittliche Zucht zur Erkenntnis kommen wollte, ist auf falschem Weg. Nein, zur echten Erkenntnis kommen wir auf dem Wege der „Gnostiker“ gerade nicht. Nur die praktischen Betätigungen christlichen Lebens, die im Glauben ihre Wurzel haben (V. 5), bringen uns tiefer in die Erkenntnis unseres Herrn Jesus Christus hinein. Es geht ja nicht um das gedankenmäßige Erfassen von „Wahrheiten“, sondern um das Erkennen einer „Person“, um ein unmittelbares Erkennen, durch das personhafte Gemeinschaft zustande kommt.