2.Petrus 1.19 Umso fester haben wir das prophetische Wort, und ihr tut gut daran, dass ihr darauf achtet als auf ein Licht, das da scheint an einem dunklen Ort, bis der Tag anbreche und der Morgenstern aufgehe in euren Herzen.

„Umso fester haben wir das prophetische Wort“. Es ist wie ein Jubelruf über den Einblick, den Gott uns in sein Wesen und in seine Pläne gegeben hat (Ps 103,7), als er zu den Propheten sprach.
„Wir“
ist kein fest zugeordnetes Pronomen wie in Vers 18, wo es sich auf Petrus, Jakobus und Johannes bezieht. Vielmehr sind mit wir in Vers 19 alle Gläubigen gemeint. Als Gesamtheit besitzen sie das Wort, die Quelle der Wahrheit Gottes, die weitaus verlässlicher ist als ihre kollektiven Erfahrungen, selbst wenn Apostel diese gemacht haben.
Das „prophetische Wort“ bezeichnet nicht nur die prophetischen Bücher des AT, sondern das gesamte AT. Natürlich wurde das ganze AT von „Propheten“ im wahrsten Sinn des Wortes geschrieben, da sie das Wort Gottes redeten und aufschrieben und damit die Aufgabe eines Propheten erfüllten und in gewissem Sinne auf den kommenden Messias hinwiesen (vgl. Lk 24,27). halten wir nun fest. Das bedeutet nicht, dass das Augenzeugenerlebnis der Verklärung Christi die Schriften bestätigte.
Während Petrus von diesem unvergesslichen Erlebnis auf dem Berg der Verklärung sprach, kam ihm das andere Wort Gottes, das geschriebene Wort, wie es von den Propheten verkündet wurde, in den Sinn. Ja, Gottes Stimme auf dem Berg machte das prophetische Wort um so fester (bebaioteron; vgl. bebaian, V. 10), denn die Verklärung war ein Vorgeschmack auf die Erfüllung der alttestamentlichen Weissagungen.
Der Ausdruck dunkler Ort beinhaltet die undurchdringliche Finsternis der gefallenen Welt, die die Menschen davon abhält, die Wahrheit zu erkennen, bis das Licht der göttlichen Offenbarung hervorbricht und das Dunkel vertreibt. So vergleicht Petrus die Schrift mit einer Lampe, die einer dunklen und sündigen Welt Licht bietet.
Eine Lampe ist nichts, verglichen mit dem Morgenstern (phosphoros, „Lichtbringer“; das Wort kommt nur an dieser einen Stelle im Neuen Testament vor). So wie eine Lampe bei Nacht ein Vorgeschmack des hellen Morgensterns ist, der sie überstrahlt, wenn er aufgeht, so ist die Prophetie des Alten Testaments ein Vorgeschmack des Kommens Christi, „des hellen Morgensterns“
Der Morgenstern ist Jesus Christus Selbst, wie Er in Offenbarung 22:16 sagt: „Ich bin die Wurzel und das Geschlecht Davids, der glänzende Morgenstern.“ So hatte Bileam es in 4.Mose 24:17 geweissagt: „Es tritt hervor ein Stern aus Jakob, und ein Zepter erhebt sich aus Israel“, worauf Zacharias, der Vater Johannes des Täufers, sich bezog, als er sagte: „… um der innigsten Barmherzigkeit unseres Gottes willen, mit der uns der Aufgang aus der Höhe aufsucht“ (Luk.1:78).

1.Petrus 4,19 Darum sollen auch die, die nach Gottes Willen leiden, ihm ihre Seelen anbefehlen als dem treuen Schöpfer und Gutes tun.

So schließt der Abschnitt, wie er begonnen hat, mit dem Thema des Leidens.
Anbefehlen ist ein Begriff aus dem Bankwesen, der sich auf die sichere Aufbewahrung eines Guthabens bezieht. Charakter und Fähigkeiten der Person, der ein solches Vertrauen entgegengebracht wird, sind für den Anvertrauenden von großer Wichtigkeit. Jesus gebrauchte dasselbe Wort am Kreuz, als er seinem Vater seinen Geist übergab.
Auffällig ist, daß Gott hier „als der treue Schöpfer“ den angefochtenen Christen vor Augen gestellt wird. Der Sache nach verweist auch Jesus auf das gütige Wirken Gottes in Schöpfung und Erhaltung der Welt (Mt 5,45; 6,25-32: „Euer himmlischer Vater weiß, was ihr alles braucht!“; Lk 12,22-31), weshalb er zu unbedingtem Vertrauen auf Gottes Vorsehung auffordert. „Gutes tun“, „rechtes Verhalten“, sind Schlüsselwörter des 1 Petr (2,14f.20; 3,6.17; 4,19; vgl. zum Verb noch Mk 3,4; Lk 6,9.33.35; Apg 14,17) und weisen darauf hin, daß für den Vf. dieses Schreibens das Verhalten und Handeln der Christen Zeugnischarakter hat und zugleich Ausdruck echten Glaubens ist. Durch Gebet und christliches Verhalten stellt ein Christ seine Sache Gott anheim und weiß sich von Gott geschützt, ermutigt und getragen. Letztlich kann die Leidensproblematik des Christen weder theoretisch gelöst noch durch Flucht umgangen, sie kann nur gläubig gemeistert werden.
Wie C. S. Lewis dazu andeutet, sind Prüfungen kein Wahlfach im Lehrplan des Christseins, sondern Pflichtprogramm. Der Kurs „Einführung in die Drangsale des Lebens“ ist eine Voraussetzung zur Nachfolge Jesu. Manchmal sind die Prüfungen aber so strapaziös und inhaltsschwer, dass wir den Kurs am liebsten abwählen würden. Besonders, wenn wir uns von Gott im Stich gelassen fühlen.
Ein Christsein, das uns auf dieser Welt nichts anderes als wolkenloses Glück bescheren will, ist nicht das Christsein der Bibel. Das ist Traumtänzerei und lustvolle Einbildung. Der Weg zur Herrlichkeit führt unvermeidlich durch Leid. Ohne Sterben wird niemand zur Auferstehung gelangen. Darum ist in der Bibel auch von den Kosten der Jüngerschaft die Rede. Das Heil ist umsonst. Aber die Nachfolge des Herrn Jesus hat ihren Preis, nämlich den Preis der Identifikation mit Jesus.“ Wolfgang Wegert

Hat der Herr Jesus im Totenreich gepredigt?

„Hinabgestiegen in das Reich der Toten“ heißt es im Apostolischen Glaubensbekenntnis. Früher wur – de das drastischer formuliert: „Niedergefahren zur Hälle“. Deshalb spricht man von einer „Höllenfahrt“ Jesu und meint damit, daß Er die drei Tage zwischen Seinem Tod und Seiner Auferstehung im Totenreich zugebracht hat, und zwar mit einer ganz bestimmten Absicht. Als Begründung für diese Lehre dienen vor allem folgende zwei Bibelabschnitte:

1. Pt. 3,18-20

18 Denn es hat auch Christus einmal für Sünden gelitten, der Gerechte für die Unge­rechten, damit er uns zu Gott führe, zwar getätet nach dem Fleisch, aber lebendig gemacht nach dem Geist. 19 In diesem ist er auch hingegangen und hat den Geis­tern im Gefängnis gepredigt, 20 die einst ungehorsam gewesen waren, als die Lang­mut Gottes in den Tagen Noahs abwartete, während die Arche gebaut wurde …

1. Pt. 4,6

Denn dazu ist auch den Toten gute Botschaft verkündigt worden, damit sie zwar den Menschen gemäß nach dem Fleisch gerichtet werden, aber Gott gemäß nach dem Geist leben mächten.

Für diese beiden Texte gibt es verschiedene Auslegungen:

  • Der Herr Jesus hat zwischen Seinem Tod und Seiner Auferstehung den Geistern der Verstorbe – nen, die vor der Sintflut gelebt hatten, das Heil verkündigt und angeboten.
  • Andere wenden dies auf alle Verstorbenen an nach 1. Pt. 4, 6: Denn dazu ist auch den Toten gute Botschaft verkündigt worden …
  • Wieder andere lehren, die „Höllenfahrt“ Jesu nach der Kreuzigung habe dazu gedient, den gefallenen Engeln Seinen Sieg zu verkündigen, wie ja auch das Apostolische Glaubensbekenntnis formuliert: „niedergefahren in das Reich der Toten“

Was ist zu diesen Auslegungen zu sagen?

1) Es gibt keinerlei biblische Belege für die Ansicht, daß der Herr Jesus den Geistern der Verstorbenen das Heil verkündigt und angeboten hat. Das Neue Testament lehrt ganz klar, daß es die Möglichkeit, das Evangelium zu hören und das Heil anzunehmen, nur während des irdischen Lebens gibt:

Joh. 3, 18

Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes.

2. Kor. 6, 2

Denn er spricht: «Zur angenehmen Zeit habe ich dich erhärt, und am Tage des Heils habe ich dir geholfen.» Siehe, jetzt ist die wohlangenehme Zeit, siehe, jetzt ist der Tag des Heils.

Außerdem muß 1. Pt. 4, 6 keineswegs so verstanden werden, daß es sich auf eine Verkündigung Jesu im Totenreich bezieht (dazu später noch mehr). Ich sehe die Gefahr dieser Auslegung darin, daß man aus ihr die Lehre einer zweiten Chance nach dem Tod ableitet. Aber wozu dann noch Evangelisation und Mission, wenn die Menschen nach dem Sterben sowieso noch eine Möglichkeit bekommen, den Herrn Jesus anzunehmen?

2)    Genauso unhaltbar erscheint mir eine Proklamation des Sieges Jesu gegenüber den gefallenen Engeln zwischen Seinem Tod und Seiner Auferstehung. Der Kontext von 1. Pt. 3 zeigt deutlich, daß die „Geister“, denen gepredigt wurde, keine Engelwesen waren, sondern die Zeitgenossen Noahs, die einst ungehorsam gewesen waren, als die Langmut Gottes in den Tagen Noahs abwartete, während die Arche gebaut wurde … (V. 20)

2)Ich ziehe folgende alternative Auslegung vor: 1

Die „Geister“ (pneumasin, ein Terminus, der normalerweise für übernatürliche Wesen gebraucht wird, jedoch mindestens in einem Fall auch auf menschliche „Geister“ bezogen wird, vgl. Hebr 12,23) werden in 1. Petrus 3,20 als jene gekennzeichnet, die einst ungehorsam waren, als Gott harrte und Geduld hatte zur Zeit Noahs, als man die Arche baute. Sie hatten sich in den 120 Jahren, die der Bau der Arche in Anspruch nahm, gegen die Botschaft Gottes aufgelehnt. Gott hatte erklärt, daß er die Schlechtigkeit der Menschen nicht für immer hinnehmen, sondern seine Geduld nur noch um 120 Jahre verlängern würde (1. Mose 6,3). Da die gesamte Menschheit außer Noah (1. Mose 6,5 – 9) bäse war, beschloß Gott, „die Menschen von der Erde zu vertilgen“. Die „Geister“, von denen Petrus in 1. Petr 3,19 spricht, sind wahrscheinlich die Seelen dieser schlechten Menschen, die zur Zeit Noahs lebten. Ihre „Geister“ sind nun „im Gefängnis“ und warten auf das Jüngste Gericht am Ende der Zeiten.

Problematisch bleibt die Frage, wann Christus diesen „Geistern“ predigte. Die Erklärung zur Auferstehung Christi in 1. Petr 3,18 – „nach dem Geist“ – enthält möglicherweise die Vorstellung, daß der präexistente Christus tatsächlich in Noah war und mit Hilfe des Wirkens des Heiligen Geistes durch ihn predigte. Petrus (1. Petr 1,11) spricht auch vom „Geist Christi“ in den alttestamentlichen Propheten. An anderer Stelle bezeichnet er Noah als „den Prediger der Gerechtigkeit“ (2. Petr 2,5). Der Geist Christi predigte durch Noah vor den gottlosen Menschen, die zur Zeit der Abfassung des Petrusbriefes „Geister im Gefängnis“ waren und auf das Gericht warteten.

Diese Deutung scheint dem Tenor dieses ganzen Abschnittes (1. Petr 3, 13 – 22), sich in ungerechter Bedrängnis ein gutes Gewissen zu bewahren, am ehesten zu entspre­chen. Noah wird zum Beispiel eines Menschen, der seinem Gewissen entsprechend handelte, obwohl er sich damit öffentlich lächerlich machte. Er schämte sich nicht vor seinen Zeitgenossen, sondern gehorchte Gott und verkündete die ihm aufgetragene Botschaft. Die Belohnung, die ihm dafür zuteil wurde, daß er, um sein Gewissen rein zu halten, die Schmähungen seiner Umwelt in Kauf nahm, war die Rettung seiner selbst und seiner ganzen Familie, die gerettet wurden durchs Wasser hindurch.

Ich gebe zu: diese Auslegung erscheint etwas künstlich, zumal die Elberfelder Bibel einen anderen Zeitablauf andeutet:

19 In diesem ist er auch hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt,

20 die einst ungehorsam gewesen waren, als die Langmut Gottes in den Tagen No­ahs abwartete, während die Arche gebaut wurde

Von der Verkündigung Jesu wird im Perfekt (unvollendete Vergangenheit) gesprochen, vom Ungehorsam der Menschen dagegen im Plusquamperfekt (Vorvergangenheit), so daß wir zwei verschiedene zeitliche Ebenen haben; demnach geschah die Verkündigung Jesu wesentlich später als zur Zeit Noahs.

1 John F. Walvoord/ Roy B. Zuck (Hrsg.): Das Neue Testament erklärt und ausgelegt, Neuhausen-Stuttgart:Hänssler 1992

Man muß jedoch beachten, daß die griechischen Zeitformen grundsätzlich gar nicht die Absicht haben, eine genaue zeitliche Abfolge wiederzugeben, und daß der Grundtext hier alles in der gleichen erzählenden Vergangenheitsform (Aorist bzw. Imperfekt) berichtet. Man kann also genauso übersetzen:

19 In diesem ist er auch hingegangen und hat den Geistern im Gefängnis gepredigt,

20 die einst ungehorsam waren, als die Langmut Gottes in den Tagen Noahs abwar­tete, während die Arche gebaut wurde

Das halte ich für die beste Übersetzung, zu der die oben zitierte Auslegung sehr gut paßt.
Wie ist aber 1. Petrus. 4, 6 zu verstehen?
1. Pt. 4,6  Denn dazu ist auch den Toten gute Botschaft verkündigt worden, damit sie zwar den Menschen gemäß nach dem Fleisch gerichtet werden, aber Gott gemäß nach dem Geist leben mächten.

Daß mit den Toten hier Menschen gemeint sind, die physisch lebendig, aber geistlich tot sind, schließt der Zusammenhang aus, denn im Vers davor wird gesagt, daß Gott Lebende und Tote richten wird; das kann sich eigentlich nur auf körperlich Tote beziehen, vgl. Offb. 20, 12. Ebenso unmöglich ist es, in diesen „Toten“ Menschen zu sehen, die im Totenreich (noch einmal) das Evangelium hören und so eine zweite Chance zur Entscheidung für den Herrn Jesus bekommen. Denn die Bibel sagt eindeutig, daß nur dieses irdische Leben die Gelegenheit bietet, die Vergebung der Schuld durch Jesus Christus anzunehmen (s.o.):
Hebr. 9, 27
Und wie es den Menschen bestimmt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht …
Nach dem Tod kommt das Gericht (für die Gläubigen das Preisgericht, das ihnen Lohn bringt, für die übrigen das Endgericht, das ihnen Strafe bringt), aber es gibt keine Möglichkeit der Entscheidung mehr.
Die beste und m.E. einzig richtige Auslegung dieses Verses ist, daß die „Toten“ hier verstorbene Gläubige sind, die zu ihren Lebzeiten das Evangelium gehört und angenommen haben.
Im vorliegenden Vers ermutigt Petrus seine Leser, im Gegensatz zu Vers 5, mit der Tatsache, daß diejenigen, die das Evangelium von Jesus Christus gehört und daran geglaubt haben, nicht dem Gericht für ihre Sünden, sondern einer vollkommen anderen Zukunft entgegengehen. Die Strafe für ihre Sünden ist von Christus am Kreuz bezahlt worden. Einzig der leibliche Tod besteht als Wirkung der Sünde auf Erden noch fort. Auch die Gläubigen sterben noch; sie werden nach Menschenweise gerichtet (vgl. das Leiden im Leben, „im Fleisch“, V. 1). Doch ihr leiblicher Tod mündet nicht in das Gericht, sondern in das ewige Leben: Nach Gottes Weise haben sie das Leben … im Geist. Wer sich mit dem „Sinn Christi“ wappnet, wird auf ewig bei Gott leben.2
Daher ist es m.E. unbiblisch, von einer „Höllenfahrt“ Jesu oder einer Verkündigung Jesu im Toten – reich zu sprechen.
Vielleicht sollte man in diesem Zusammenhang noch auf eine weitere Bibelstelle eingehen, die diese Lehre zu stützen scheint:
2 John F. Walvoord/ Roy B. Zuck (Hrsg.): Das Neue Testament erklärt und ausgelegt, Neuhausen-Stuttgart:Hänssler 1992
Eph. 4, 8 – 10
8 Darum heißt es: «Hinaufgestiegen in die Hölle, hat er Gefangene gefangen geführt und den Menschen Gaben gegeben.» 9 Das Hinaufgestiegen aber, was besagt es anderes, als daß er auch hinabgestiegen ist in die unteren Teile der Erde? 10 Der hinabgestiegen ist, ist derselbe, der auch hinaufgestiegen ist über alle Himmel, damit er alles erfüllte.
Auch dieser Abschnitt wird vom bereits zitierten Kommentar m.E. gut und schlüssig erklärt:
Die Verse 9 – 11 sind eine Art Kommentar zu zwei Verbformen in dem Zitat in Vers 8: aufgefahren (V. 9 – 10) und „eingesetzt“ (V. 11; V. 8: „gegeben“). In den Versen 9 – 10 konzentriert Paulus sich zunächst auf die Wendung: Er ist aufgefahren. Die beiden Verse bilden sozusagen einen Einschub, denn in dem Abschnitt geht es eigentlich nach wie vor um die Gaben. Bevor Christus auffahren konnte, mußte er hinabsteigen. Was ist mit den Tiefen der Erde gemeint? Der Genitiv kann auf drei verschiedene Arten ausgelegt werden: (1) „In die Tiefen, d. h. auf die Erde“ (Appositi­on). In diesem Fall ginge es um die Inkarnation Christi, sein „Herabsteigen“ auf die Erde. (2) „In die Tiefen unter der Erde“ (Umstandsbestimmung des Ortes). Das würde bedeuten, daß Christus in der Zeitspanne zwischen seinem Tod und seiner Auferstehung in die Unterwelt hinabgestiegen ist. (3) „In die Tiefen, die zur Erde gehören“ (Genitivus possessivus). Das bezöge sich auf Christi Tod und sein Begräbnis. Die dritte These fügt sich am besten in den vorliegenden Kontext, weil Christus in seinem Tod die Sünde besiegt und damit diejenigen erlässt hat, die der Gemeinde als „Gaben“ gegeben werden.3
Ich halte allerdings die zuerst angeführte Auslegung für die naheliegendste, zumal ich in V. 9 statt „In die unteren Teile der Erde“ eher „in die Niederungen der Erde“ übersetzen würde. „Tiefe der Erde“ ist m.E. nicht korrekt.
Diese Auslegung wird auch von der Parallelstelle Joh. 3, 13 gestützt:
Joh. 3, 13
Und niemand ist hinaufgestiegen in den Himmel als nur der, der aus dem Himmel herabgestiegen ist, der Sohn des Menschen.
In V. 12 ist bezeichnenderweise das Gegenstück zum „Himmlischen“ nicht das „Unterirdische“, also das Totenreich, sondern das Irdische; also ist auch hier mit dem Herabsteigen Jesu nicht Seine angebliche „Höllenfahrt“ gemeint, sondern Seine Menschwerdung.
Und die Gefangenen, die Er laut Eph. 3, 8 gefangen geführt hat, sind nicht die Bewohner des To – tenreiches, wie manche meinen. Das ist schon deshalb unmöglich, weil in diesem Zusammenhang nicht von „hinabgestiegen in das Totenreich“ die Rede ist, sondern – im Gegenteil – von „hinaufgestiegen in die Höhe“. Mit den Gefangenen sind m.E. die Menschen gemeint, die vorher in der Gefangenschaft Satans bzw. der Sünde gelebt haben (vgl. Eph. 2, 1 – 3).
Außerdem vermag ich in Eph. 4 keine Logik in dem Gedanken zu erkennen, daß der Herr Jesus, um den Menschen Gaben zu geben, sich nicht nur in den Himmel begeben mußte (soweit ist es nachvollziehbar, denn der Heilige Geist, der uns die Geistesgaben bringt, kam erst nach der Rückkehr des Herrn in den Himmel), sondern auch noch bis in die Tiefen des Totenreiches. Dafür gibt es keine Bestätigung an einer anderen Stelle in der Bibel. Im übrigen fällt auf, daß von einer Verkündigung im Hades hier nicht die Rede ist. Der Herr Jesus dient hier nicht speziell den Verstorbenen, sondern allen Gläubigen generell.
Auch Eph. 4, 8 – 10 kann also nicht als Belegstelle für die Ansicht dienen, der Herr Jesus sei zwischen Seinem Tod und Seiner Auferstehung im Totenreich gewesen, um dort den Verstorbenen das Evangelium zu verkündigen bzw. gegenüber den gefallenen Engeln Seinen Sieg zu proklamieren.
Es werden auch noch andere Bibelstellen als Beweise für diese Lehre genannt, die sich aber fast alle schon beim oberflächlichen Lesen als irrelevant erweisen: Ps. 49, 16/ Ps. 89, 49/ Ps. 139, 8 beziehen sich eindeutig nicht auf den Herrn Jesus (wobei die letztgenannte Stelle auch nur rein hypothetisch von einem Aufenthalt im Totenreich spricht); in Hos. 13, 14 geht es um Israel und in Jona 2 natürlich nur um Jona.
Von Jona spricht allerdings auch der Herr Jesus in Mat. 12, 40 und benutzt dort eine Formulierung, die auf eine „Höllenfahrt Jesu“ hinzuweisen scheint:
Mt. 12,40
Denn wie Jona drei Tage und drei Nächte in dem Bauch des großen Fisches war, so wird der Sohn des Menschen drei Tage und drei Nächte im Herzen der Erde sein.
Ist mit „Herz der Erde“ das Totenreich gemeint? Das ist theoretisch möglich, aber es erscheint mir sehr unwahrscheinlich. Die Bibel benutzt diesen Ausdruck nie in diesem Sinn (er kommt sonst nie vor). Und er hat hier als Gegenstück den Bauch des Fisches, in dem Jona sich aufgehalten hat. Das Zeichen des Jona war, daß er drei Tage im Fisch überlebt hat – das war ein „Typus“ (eine Vorschattung) der Auferstehung Jesu; das Zeichen Jesu, das hier von Ihm gefordert wurde, war Seine Auferstehung. Auch hier geht es nicht um einen Aufenthalt im Totenreich, sondern eben um die Auferweckung Jesu. Deshalb ist mit dem „Herz der Erde“ mit Sicherheit nicht das Totenreich gemeint, sondern das Grab, in dem der Leichnam des Herrn drei Tage gelegen hat.
Zunächst schwierig zu verstehen ist Apg. 2, 31. In seiner Pfingstpredigt zitiert Petrus hier Ps. 16, 10:

Denn meine Seele wirst du dem Scheol nicht lassen, wirst nicht zugeben, daß dein Frommer die Grube sehe.
Er weist darauf hin, daß David dies gesagt hat, daß David aber noch nicht auferstanden ist, und bezieht diese Aussage dann auf den Herrn Jesus:

Apg. 2, 30 – 31
30 Da er nun ein Prophet war und wußte, daß Gott ihm mit einem Eid geschworen hatte, einen seiner Nachkommen auf seinen Thron zu setzen, 31 hat er vorausse­hend von der Auferstehung des Christus geredet, daß er weder im Hades zurückge­lassen worden ist noch sein Fleisch die Verwesung gesehen hat.
Hier ist nun scheinbar doch von einem Aufenthalt Jesu im Hades, also im Totenreich, die Rede. Die Behauptung des Walvoord-Kommentars zu dieser Stelle, daß „Hades“ hier und anderswo teilweise für das Grab steht, hält einer Überprüfung nicht stand. Ist der Herr Jesus also doch vorübergehend im Totenreich gewesen? Nun, wenn diese Stelle das aussagen wollte, dann würde sie uns zumindest nicht den Zweck dieses Aufenthaltes verraten. Von einer Verkündigung im Totenreich ist hier absolut nicht die Rede.
Beide Stellen sind m.E. mißverständlich bzw. ungenau übersetzt. Ps. 16, 10 müßte präziser lauten: Denn meine Seele wirst du dem Scheol nicht überlassen
Das bedeutet nach der neutestamentlichen Interpretation des Petrus, daß die Seele unseres Herrn nicht in den Scheol (= ins Totenreich) gegangen ist. In diesem Sinn formuliert es auch der griechi – sche Grundtext in Apg. 2, 31:
31 … hat er voraussehend von der Auferstehung des Christus geredet, daß er we­der in den Hades überlassen worden ist
Im Grundtext steht nämlich nicht „im Hades“ sondern „in den Hades (hinein)“. Das ist m.E. in der Elberfelder Bibel nicht korrekt übersetzt. Nur dadurch konnte der Eindruck entstehen, daß es hier um einen Aufenthalt Jesu im Totenreich geht. Aber das Gegenteil ist der Fall! Auch diese Stelle sagt eindeutig, daß Er dort nie gewesen ist.
Wo der Herr Jesus in den drei Tagen zwischen Tod und Auferstehung tatsächlich war und wie Er die – se Zeit verbracht hat, darauf finden wir klare Hinweise:
Kurz vor Seinem Sterben betete Er: „Vater, in Deine Hände übergebe ich meinen Geist!“ (Lk. 23, 46). Das bedeutet: nachdem Er gestorben war, wurde Sein Leichnam ins Grab gelegt, aber sein „Geist“, also der immaterielle Teil Seiner Persönlichkeit, kehrte sofort zu Seinem himmlischen Vater zurück – ohne einen dreitägigen Umweg durch das Totenreich.
Und zu dem einen Seiner beiden Mitgekreuzigten sagte Er bereits vorher: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein“ (Lk. 23, 43). Er hat keineswegs hinzugefügt: „Vorher muß ich aber noch drei Tage lang ins Totenreich, wo ich einen wichtigen Auftrag zu erfüllen habe.“ Zu dem Ausdruck „Paradies“ schreibt ein Ausleger treffend:
In der jüdischen Literatur wird das „Paradies“ normalerweise der „Gehenna“ oder „Hälle“ gegenübergestellt. Die jüdischen Schriften … waren sich einig, daß es der Zu­fluchtsort der Gerechten nach dem Tod oder nach der Auferstehung sei. Jesus und dieser Verurteilte würden also nach dem Tod direkt an diesen Zufluchtsort gehen.4
In 2. Kor. 12, 4 geht aus dem Zusammenhang eindeutig hervor, daß auch dort das Wort „Paradies“ als Synonym (gleichbedeutender Begriff) für den „Himmel“ gebraucht wird.
Allein schon die beiden angeführten Stellen aus dem Lukasevangelium schließen m.E. also eine „Höllenfahrt“ Jesu aus.
Interessant ist hierzu auch 1. Kor. 15, 1 – 7. Hier haben wir eine Formulierung der Botschaft des Evangeliums, wie Paulus es empfangen hat; es ist sozusagen ein paulinisches Glaubensbekenntnis:
1 Ich tue euch aber, Brüder, das Evangelium kund, das ich euch verkündigt habe, das ihr auch angenommen habt, in dem ihr auch steht, 2 durch das ihr auch errettet werdet, wenn ihr festhaltet, mit welcher Rede ich es euch verkündigt habe, es sei denn, daß ihr vergeblich zum Glauben gekommen seid. 3 Denn ich habe euch vor al­lem überliefert, was ich auch empfangen habe: daß Christus für unsere Sünden gestorben ist nach den Schriften; 4 und daß er begraben wurde und daß er aufer­weckt worden ist am dritten Tag nach den Schriften; 5 und daß er Kephas erschie­nen ist, dann den Zwölfen. 6 Danach erschien er mehr als fünfhundert Brüdern auf einmal, von denen die meisten bis jetzt übriggeblieben, einige aber auch entschlafen sind. 7 Danach erschien er Jakobus, dann den Aposteln allen …
Christus ist also gestorben, begraben und auferstanden; von einer „Höllenfahrt“ wird hier nichts ge – sagt. Nun muß man grundsätzlich vorsichtig sein mit dem „argumentum e silencio“ (Argument aus dem Schweigen), denn eine bloße Nichterwähnung beweist noch nicht, daß die umstrittene Sache nicht existiert. Aber wenn der Herr Jesus wirklich zwischen Tod und Auferstehung im Totenreich ge – wesen wäre, dann hätte das hier eigentlich erwähnt werden müssen, so, wie es ja im „Apostolischen Glaubensbekenntnis“ der Fall ist.
Eine ähnliche Darstellung des „Weges“, den der Herr Jesus von Seiner Menschwerdung bis zu Seiner endgültigen Erhöhung „gegangen“ ist, finden wir in Phil. 2, 5 – 11:
5 Habt diese Gesinnung in euch, die auch in Christus Jesus <war>, 6 der in Gestalt Gottes war und es nicht für einen Raub hielt, Gott gleich zu sein. 7 Aber er machte sich selbst zu nichts und nahm Knechtsgestalt an, indem er den Menschen gleich ge­worden ist, und der Gestalt nach wie ein Mensch befunden, 8 erniedrigte er sich selbst und wurde gehorsam bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz. 9 Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen verliehen, der über jeden Namen ist, 10 damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, 11 und jede Zunge bekenne, daß Jesus Christus Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters.
Die Erniedrigung unseres Herrn endete mit Seinem Tod – danach erfolgte sofort Seine Erhöhung. Wäre Er nach dem Sterben noch im Totenreich gewesen, dann wäre dies hier sicherlich als weiterer Teil Seiner Erniedrigung erwähnt worden. Natürlich wird zwar gelehrt, daß Er im Totenreich nicht gelitten hat oder gedemütigt worden ist, sondern daß Er dort evangelisiert bzw. Seinen Sieg proklamiert hat – aber in die Tiefen des Totenreiches hinabzusteigen, ist ja wohl dennoch nicht gerade als eine Erhöhung anzusehen.
Nein, eine genauere Untersuchung der biblischen Angaben zu diesem Thema zeigt m.E. klar, daß der Herr Jesus nie im Totenreich gewesen ist, sondern sofort nach Seinem Kreuzestod zu Seinem Vater zurückgekehrt ist – natürlich zunächst nur vorübergehend, weil Er ja nach drei Tagen wieder auferstanden ist. Wenn also das Apostolische Glaubensbekenntnis formuliert: „hinabgestiegen ins Reich der Toten“, dann beruht das auf einem Irrtum bzw. auf einer falschen Bibelauslegung.

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