1 Petrus 2,4 Zu ihm kommt als zu dem lebendigen Stein, der von den Menschen verworfen ist, aber bei Gott auserwählt und kostbar.

In V. 4 ist das alte Bild verlassen. Ein neues leuchtet auf, das Bild vom lebendigen Stein. Inhaltlich ist V. 4 jedoch eng mit dem vorigen verbunden. V. 3 blickte auf den gütigen Herrn. Das gibt V. 4 den hellen Hintergrund: hinter der Mahnung zur Gemeinschaft steht die gemeinsame Erfahrung der Güte des Herrn. Das Bild vom Stein in V. 4 ist schon auf V. 5 bezogen, auf das Bild von den vielerlei Bausteinen, die das geistliche Haus bilden. Der ganze Brief, besonders aber unser Abschnitt ist voll von altst. Theologie. Das zeigt sich schon in den wörtlichen Zitaten (1,24; 3,10-12), vor allem aber in frei wiedergegebenen atst Redewendungen und Begriffen. Der Verfasser war offensichtlich im AT ganz zu Hause“. Deshalb war seine Botschaft und Sprache vom AT her geprägt, und zwar von dessen ntst messianischer Deutung.
„Zu ihm kommt“ bedeutet in diesem Fall nicht die Reaktion eines Sünders, der sich zu Christus wendet, um gerettet zu werden. Die Zeit dieser Verbform und der Ton des ganzen Satzes deuten darauf hin, daß es hier um eine persönliche, zur Gewohnheit gewordene Begegnung des Christen mit Gott geht. Zwischen den Gläubigen und ihrem Herrn besteht eine enge gemeinschaftliche und freundschaftliche Verbindung. Der erste Schritt zu einer praktizierten Heiligung ist die Verbundenheit mit Jesus Christus, dem lebendigen Stein. Damit gebraucht Petrus eine ganz besondere Redewendung. In 1,3 sprach er von der „lebendigen Hoffnung“ und in 1. Petr 1,23 vom „lebendigen Wort“. Hier in 1. Petr 2,4 nun setzt er Christus mit dem „lebendigen Stein“ gleich. Er führt diese Metapher im folgenden Vers weiter aus und erläutert sie. Weiterlesen

1.Petrus 2,3 da ihr ja geschmeckt habt, dass der Herr freundlich ist.

Petrus verwendet auch hier keine geistlich abgehobenen, abstrakten Begriffe, sondern ganz handfeste Bilder. Es ist als ob auch in seinen Worten der Glaube Fleisch wird und ganz in diese irdische Welt inkarniert. Erstaunlich, dass er keine Hemmungen davor hat zu sagen, dass wir die Freundlichkeit Gottes geschmeckt haben.
Mit einem Zitat aus Psalm 34,9, wird das Milch-Metapher fortgeführt. Petrus setzt das gegenwärtige Wissen der Christen über Christus mit dem Geschmackssinn gleich. Sie haben bereits einen Vorgeschmack erlebt, haben die Gnade Gottes in ihrer Wiedergeburt erfahren und festgestellt, daß der Herr freundlich ist.
Der Prophet Jeremia schrieb: „Als ich deine Worte fand, da verschlang ich sie; deine Worte sind mir zur Freude und Wonne meines Herzens geworden, denn ich bin ja nach deinem Namen genannt, o Herr, du Gott der Heerscharen!“ (Jer 15,16).
Es ist wahrscheinlich, daß Petrus auch hier noch an das Bild vom Säugling gedacht hat, der die Nahrung geschmeckt hat. Ein Säugling, der die Nahrung geschmeckt hat, will nicht wieder aufhören, bis er satt ist. Daß er geschmeckt hat, verstärkt sein Verlangen. Wer in der Wiedergeburt Leben aus Gott empfing, der hat geschmeckt, daß der Herr gütig ist, als er begnadigt wurde.

1.Petrus 2,2 und seid begierig nach der vernünftigen lauteren Milch wie die neugeborenen Kindlein, damit ihr durch sie zunehmt zu eurem Heil,

Ist das unüberlegt oder beleidigend, daß Petrus bei seinen Lesern vorauszusetzen scheint, daß sie neidisch sind – oder zeigt das den reifen Menschenkenner? Ich möchte mich für das letzte entscheiden. Geistlicher Brotneid, daß man dem andern seine Erfolge im Reich Gottes nicht gönnt oder seine Nähe zum Heiland, gehört zu den letzten Lastern, die ein Christ, der vor Gott wandelt, ablegt. Denn dieser Neid ist wie feiner Staub, der sich unmerklich in alle Falten des Herzens setzt. Man kann in dieser Staubluft nicht atmen, beten! Achte aber noch auf eine Besonderheit: ein ganz Unmusikalischer pflegt den fremden Sänger mit der schönen Stimme gar nicht zu beneiden, während der Stümper, der sich sonst daheim gern hören läßt und nach Anerkennung seiner Stimme hungert, am meisten unter den Qualen des Neides leidet. Schärfer als der Neid sieht nur noch erbarmende Liebe. Es gibt Bilder, die sind unter der schärfsten Lupe gemalt; so malt der Neid des Bruders Fehler. Wollen wir nicht beim nächsten Hausputz unserer Seele den Neid zum letztenmal ablegen und als einen nutzlosen, gefährlichen Stauberreger in eine Kiste packen und diese zum Teufel schicken?
Der Gebrauch dieses Bildes durch Petrus geschieht in aller Zartheit, nicht wie es in Hebr 5,12-13 oder in 1Kor 3,1-3 im Ton eines Tadels gesagt wird. „Das Wort Gottes muß um des Lebens willen verlangt werden, im Hören aufgenommen, vom Verstande wiedergekäut, vom Glauben verdaut werden“ (Tertullian). Zur Errettung ist das offensichtliche Ziel des geistlichen Wachstums der Gläubigen. Das Wort wird sie zur vollen Heiligung, einem Aspekt ihrer Errettung, heranwachsen lassen, wie Paulus den Philippern gebot: (Phil 2,12-13; vgl. Joh 8,31-32; 2Kor 3,18; Kol 1,21-23; Hebr 3,14; Jak 1,25). Die Worte „zu eurem Heil“ rufen den Gläubigen die Vollendung des Heils, von dem in 1. Petr 1,5.7.9 und 13 die Rede war, in Erinnerung.

1. Petr 2,1 So legt nun ab alle Bosheit und allen Betrug und Heuchelei und Neid und alle üble Nachrede

Die christliche Gemeinde lebt in und aus der Bruderliebe – das war das vorhergehende Thema (1. Petr 1,22ff.). Daran knüpft Petrus jetzt an mit dem „So“ („nun“) und entfaltet in den folgenden Versen das neue Sein der Gemeinde, was sie von Gott her ist.
Eine ähnliche Aussage finden wir in Jak. 1,21. Die hier aufgezählten Verhaltensweisen haben alle mit dem Verhalten andern gegenüber zu tun und sind der „ungefärbten Bruderliebe“ entgegengesetzt, von der wir in Kapitel 1,22 gelesen haben.
Der Apostel Paulus schreibt an die Heiligen und Getreuen in Ephesus und Kolossä, dass sie den alten Menschen abgelegt oder ausgezogen und den neuen angezogen haben (Eph 4,22-24; Kol 3,9-11) Dieselbe Wahrheit stellte uns Petrus in den letzten Versen des ersten Kapitels vor, allerdings nicht so dem Grundsatz nach wie Paulus, sondern mehr praktisch, so wie er es überall in diesem Brief tut.
Das Wörtchen „So (nun)“ verbindet das zweite Kapitel mit den letzten Versen von Kapitel 1. Kapitel 2 hätte bei 1, 22 beginnen müssen.
Das griechische Wort für „leget nun ab“ ist ein Zeitwort in der Form des Aorist. Das bedeutet, dass es nicht eine fortschreitende Handlung angibt, sondern eine Handlung, die einmal für alle Zeiten getan ist, die aber bleibende Folgen hat. Diese Handlung haben in der Vergangenheit stattgefunden hat. Aber in Zusammenhang mit der Befehlsform von Vers 2 sehen wir auch, dass es eine Ermahnung ist.
“Ablegen“ – dahinter steht das Bild vom Ausziehen der alten Kleider (vgl. Röm 13,12; Eph 4,22f.; Kol 2,11; Kol 3,8; Hebr 12,1; Jak 1,21; vgl. auch Mt 22,11). Die „alten Kleider“ kann ich ablegen, weil mir Jesus Christus das neue Kleid der Gerechtigkeit schenkt.
Petrus zählt fünf verschiedene Sünden der inneren Haltung und der Rede auf, die Zwietracht unter den Gläubigen säen. Bosheit (kakian) ist böser Wille; Betrug (dolon) ist bewußte Unehrlichkeit; Heuchelei (hypokriseis) ist vorgetäuschte Frömmigkeit und Liebe. „Heuchelei“ (im Griechischen steht der Plural „Heucheleien“) meint das konkrete Verhalten in vielen einzelnen Begegnungen, wo wir dem anderen etwas vorspielen, einen Schein aufrechterhalten, obwohl es hinter der Fassade, in unserem Herzen, ganz anders aussieht. Heuchelei ist eigentlich gelebte Lüge, die oft in großer Frömmigkeit erscheint, aber nur auf die eigene Ehre aus ist. Darum warnt auch Jesus so vor der Heuchelei (vgl. Mt 6,2ff.; Mt 7,5; Mt 15,7; Mt 23,13; Mt 24,51), denn sie zerstört die Liebe nachhaltig.
Neid (phthonous) ist Mißgunst. (Im griech. steht es in der Mehrzahl; eigentlich »Neidgedanken«). Diese Gedanken sind oft ganz verborgen, entspringen der Ichsucht und gönnen dem andern nicht das Seine. In der griechischen Wortwurzel wird deutlich, dass Neid kein harmloses „Gefühl“ ist, sondern dem anderen sogar Böses wünscht. Denn die Grundbedeutung heißt »untergehen, umkommen, vernichten«.
“üble Nachrede“ (katalalias) ist Verleumdung. Nichts von alldem sollte in den Wiedergeborenen Raum haben. Vielmehr wird von ihnen erwartet, daß sie in Gehorsam gegen das Wort vollständig mit ihrer sündigen Vergangenheit brechen.
“üble Nachrede“ „Wer einmal geklatscht hat (und das machen wir alle, weil uns nichts mehr interessiert als das Menschliche) weiß, dass der Reiz von Gerüchten über das Privatleben von Nachbarn, Freunden und Kollegen gerade im Spekulativen besteht. Sie können richtig, sie dürfen auch falsch sein. Sie wachsen mit einer Dynamik, die sich nicht nach Wahrheitsgehalt, sondern nach Verbreitungsgrad richtet. Die größte Kraft entfaltet Klatsch, wenn er beginnt, sich selbst zu transportieren. Denn, so lautet der schlagende Beweis im Fall von Gerüchten: Wenn alle es sagen, dann muss doch etwas dran sein!“