1.Petrus 5,14. Grüßt euch untereinander mit dem Kuss der Liebe. Friede sei mit euch allen, die ihr in Christus seid!

„Grüßen“ ist nicht nur eine höfliche Formsache, sondern gerade in der christlichen Gemeinde im gefüllten Sinn zu verstehen. Das griechische Wort meint „freundlich aufnehmen, willkommen heißen“. Im Gruß nehme ich den andern ganz an und auf. Die äußere Form ist in den damaligen Gemeinden der „Kuss der Liebe“, eine Geste des Erweises der Liebe unter denen, die zusammengehören (vgl. Lk 7,45; Lk 22,48; Röm 16,16; 1. Kor 16,20; 2. Kor 13,12; 1. Thess 5,26). Der Kuss war und ist Im Nahen Osten eine Form des Grußes (Mt 26,48 f.; Lk 15,20). Er entspricht dem heutigen Händeschütteln.
Petrus schließt mit dem Zuspruch des „Friedens“. Solchen letzten Frieden, in dem auch „der brüllende Löwe“ still werden muss, kann er ihnen wünschen in der Vollmacht seines Verkündigungsdienstes, ohne gedankenlos eine bloße Formel zu schreiben, weil sie eben die sind, die in Christus sind.
„Friede“ ist das heile Verhältnis zu Gott und den Mitmenschen. Es ist der Friede, den Jesus bringt (vgl. Joh. 20,19), der Friede, der er selber in Person ist (Eph. 2,14). Damit spricht der Friedensgruß allen Segen zu. Er gilt „euch allen, die ihr in Christus seid“. Das ist und bleibt das Entscheidende: „In Christus sein“, das ist das persönliche Lebens – und Liebesverhältnis mit Jesus Christus.
Der Ausdruck in Christus kennzeichnet nicht ein „mystisches Verhältnis zu Christus“, sondern die neue Existenz der Berufenen und wird ganz in diesem Sinne auch von Paulus gebraucht (z.B. Römer 8, 1; 2 Korinther 5, 17). Die Apostel bezeichnen die Glieder der Gemeinden auf vielfältige Weise (z. B. als „Berufene“ Offb 17, 14; „Geliebte Gottes“, „Heilige“ Rö 1, 7; „Auserwählte“ Kol 3, 12 u. a.) und drücken damit zugleich deren Wesen aus. Ihr entscheidendes Kennzeichen ist jedenfalls das persönliche Verhältnis zu Christus. Denen, die in Christus sind, kann man mit Zuversicht von Jesus her Frieden zusprechen, auch in schwerer Lage.

 

1.Petrus 5,13 Es grüßt euch aus Babylon die Gemeinde, die mit euch auserwählt ist, und mein Sohn Markus.

Den historischen Belegen zufolge hielt sich Petrus in den letzten Jahren seines Lebens in Rom auf. Babylon mag also ein Deckname für Rom sein, den der Apostel benutzte, um die römische Gemeinde und sich selbst vor der neronischen Verfolgung zu schützen. (Es gibt allerdings auch die These, daß er tatsächlich aus Babylon am Euphrat schrieb.) Im eigentlichen alten Babylon gab es tatsächlich zur Zeit des NT noch eine beachtliche jüdische Gemeinde, und es wäre an sich denkbar, daß Petrus dort Missionsdienst getan hat.
Die „mit euch auserwählt“ oder „Miterwählte“ wird eine Christengemeinde bezeichnen. Schon im AT ist Israel als „Braut“ gesehen (Jer 2, 2), und im NT wird die Gemeinde die „auserwählte Herrin“ genannt (2 Jo 1). Auch an 2 Kor. 11, 2 wäre zu erinnern, wo Paulus den Korinthern schreibt, er eifere mit göttlicher Leidenschaft um sie, da er sie doch einem einzigen Manne verlobt habe, um sie schließlich „als reine Jungfrau dem (kommenden) Messias zuzuführen.“ So entspricht es biblischem Sprachgebrauch, daß von der Gemeinde wie von einer weiblichen Einzelperson gesprochen wird. Da der Brief an die „auserwählten“ Fremdlinge von Kleinasien geht, ist es sinnvoll, wenn Petrus die Gemeinde des Abfassungsortes „die Mitauserwählte“ nennt.
Den Grüßen des Apostels schließt sich auch sein Sohn im Glauben, Markus, an. Die Beifügung „und mein Sohn Markus“ ist wohl übertragen zu verstehen, so dass Markus als „geistlicher“ Sohn des Apostels bezeichnet wird. Gemeint ist der Johannes Markus aus Apostelgeschichte 12,12. Er war der Cousin von Barnabas und begleitete Paulus und ihn nach Antiochia und Zypern (12,25; 13,4-5). Später verließ er sie in Perge (13,13), was Paulus veranlasste, ihn auf seiner zweiten Missionsreise nicht mitzunehmen (15,36-41). Zu einem späteren Zeitpunkt war Johannes Markus wieder nützlich für Paulus (2Tim 4,11). Markus war auch der Verfasser des Evangeliums, das seinen Namen trägt.

1.Petrus 5,12 Durch Silvanus, den treuen Bruder, wie ich meine, habe ich euch wenige Worte geschrieben, zu ermahnen und zu bezeugen, dass das die rechte Gnade Gottes ist, in der ihr steht.

Petrus schließt seinen Brief mit knappen Angaben, Grüßen und dem Friedenswunsch. Er folgt damit der Form, die wir auch aus den Briefen des Apostels Paulus kennen (vgl. Röm 16,17ff.; 1. Kor 16,19ff.; Eph 6,21ff.; Kol 5,7ff.). Zuerst wird „Silvanus“ genannt. Silvanus. Das ist der Silas, der mit Paulus mitreiste und in dessen Briefen häufig erwähnt wird. Er war ein Prophet (Apg 15,32) und ein römischer Bürger (Apg 16,37). Offenbar war er derjenige, dem Petrus den Brief diktierte und der diesen Brief zu seinen Empfängern brachte.
Petrus hat „wenige Worte“ geschrieben. Weil der erhabene Gegenstand unseres Heiles nie erschöpfend behandelt werden kann. Im Blick auf die vielen angesprochenen Themen sicher eine berechtigte Bemerkung. Er hat aber dabei das Entscheidende klar umrissen. An erster Stelle wird das Ermahnen genannt. Eigentlich bedeutet dieses Wort „zurufen“. Petrus wollte den Gemeinden Mut zurufen, er wollte ihnen tröstend zureden. Jede Zeile ist von dem Wunsch beseelt, den Gläubigen zuzusprechen, so wie ein guter Hirt seine Schafe lockt, ihnen zuredet und jene, die müde zurückbleiben wollen, aufmuntert, indem er sie an das Ziel erinnert, das die ganze Herde an diesem Tag noch erreichen soll. Petrus will den Gemeinden mit seinem Brief „bezeugen, dass das die rechte Gnade ist, in der ihr steht“.

1.Petrus 5,11 Ihm sei die Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Von der gerade erwähnten Gnade Gottes und von dem Gedanken an die Heiligung und Verherrlichung überwältigt, freut sich Petrus in einem kurzen Lobpreis, dass Gottes Macht über alle Dinge von Ewigkeit zu Ewigkeit währt (vgl. 4,11). Diese Doxologie beschließt den Abschnitt. Sie hat die Form eines Ausrufes. Dieser Aufruf ist Huldigung und Anbetung: wir wollen nicht mehr selbstmächtig sein. Wir erwarten alles Heil von dem Gott aller Gnade. Der Lobpreis Gottes, ist, ähnlich wie 4, 11 doch kürzer. Hier ist nur die Allmacht Gottes genannt, als Zusammenfassung von 5, 6-11, wo ja eben Gottes Macht in besonderer Weise ausgesprochen ist.
Auch wenn er in diesem Teil des Kapitels keine weiteren Anweisungen gibt, liefert der Apostel doch einen Einblick in christliches Denken und in eine gottesfürchtige Haltung. Macht (kratos) impliziert Stärke, und hier beschreibt es Gottes Fähigkeit, alles im Universum unter seiner souveränen und unangreifbaren Kontrolle zu haben (vgl. 2Mo 15,11-12; Hi 38,1 – 41,26; Ps 8,4; 66,7; 89,14; 102,26; 103,19; 136,12; Jes 48,13; Jer 23,24; Mt 19,26; Röm 9,21).
Das aus dem Hebräischen übernommene Wort Amen heißt etwa: es ist fest, gewiss, wahr.

1.Petrus 5,10 Der Gott aller Gnade aber, der euch berufen hat zu seiner ewigen Herrlichkeit in Christus Jesus, der wird euch, die ihr eine kleine Zeit leidet, aufrichten, stärken, kräftigen, gründen.

Der Ring schließt sich. Das ist das „Thema“ des ganzen Briefes, mit dem er begonnen, unter dem er geschrieben ist und mit dem er jetzt schliessen wird: der Gott aller Gnade. Wer Gott sagt, der sagt: alle Gnade, ganze Gnade Wie wenig verstehen wir oft, was Gnade ist, und wie groß die Gnade Gottes ist. Gnade setzt voraus, dass wir Sünder sind. Wenn wir keine Sünder wären, dann hätten wir nicht Gnade nötig, sondern Gerechtigkeit.
Der euch berufen hat macht deutlich: das neue Leben beginnt nicht mit dem Tun des Menschen, sondern mit Gottes Berufung. Die Berufung aber zielt hin auf unser Teilhaben an seiner ewigen Herrlichkeit. „Was kein Auge gesehen und kein Ohr gehört hat und was in keines Menschen Herz gekommen ist“, das „hat Gott bereitet denen, die ihn lieben“ (1 Ko 2, 9).
Petrus liefert eine präzise Beschreibung dieses irdischen Heiligungsprozesses durch Gott anhand von vier nahezu synonymen Begriffen: aufrichten, stärken, kräftigen, gründen. All diese Worte beinhalten Stärke und Festigkeit, die Gott allen Gläubigen im geistlichen Kampf geben will (1Kor 15,58; 16,13; Eph 6,10; 2Tim 2,1).
„Herrlichkeit“ ist also nicht nur, nicht einmal primär unser individuelles Glück, sondern endgültige Heilung einer abgespaltenen Welt.
Gott selbst ist nicht Zuschauer oder Schiedsrichter im Kampf der Christen, sondern Bundesgenosse und machtvoller Helfer im Streit. Er bleibt auch inmitten des Kampfes „der Gott aller Gnade“. So wie am Anfang des Christenweges Gottes wirksamer Anruf stand, so ist von Anfang an das Ziel dieses Weges im Auge, das dieses innerzeitliche Zwischenstadium („kurze Zeit“, vgl. 1,6) der Leiden übergreift. Gott aber wird auch auf diesem Wege selbst den Bedrängten zu Hilfe kommen und ihnen Kraft verleihen.

1.Petrus 5,9 Dem widersteht, fest im Glauben, und wisst, dass eben dieselben Leiden über eure Brüder in der Welt gehen.

Bisher war immer die Rede von Konflikten der Christen mit Menschen die immer auch unter missionarischem Aspekt gesehen wurden; hier ist dagegen die Rede vom Feind schlechthin. Eine derartig scharfe Konfrontation wie im V 9a760 (vgl. Jak 4,7) war bisher im Brief noch nicht gezeichnet worden. Den konkreten Widersachern, den Nichtchristen nämlich, sollten die Christen nach allen brieflichen Anweisungen mit der „Waffe“ (4,1) eines überzeugend guten Lebens und der Leidensbereitschaft begegnen. Hier ist dagegen von Widerstand und Härte die Rede.
„Widersteht“ bedeutet „entgegentreten“, „widersetzen“. Dem Teufel widersteht man nicht durch bestimmte Formeln oder durch Worte, die gegen ihn oder seine Dämonen gerichtet sind, sondern indem man fest im christlichen Glauben bleibt. Das bedeutet, dauerhaft in Übereinstimmung mit der Wahrheit des Wortes Gottes zu leben. Wenn der Gläubige die gesunde Lehre kennt und der Wahrheit Gottes gehorcht, widersteht er damit dem Satan (vgl. Eph 6,17).
Petrus beendet diesen Abschnitt mit einer Zusicherung an seine Leser, die ihre vielen Verfolgungen, Leiden und Prüfungen demütig, gehorsam, wachsam und mutig durchstanden, aber darin nicht allein waren. Er erinnerte sie daran, dass sich die gleichen Leiden erfüllen an ihrer Bruderschaft, die in der Welt ist. Gläubige an anderen Orten konnten mit ihnen mitfühlen, weil jeder Teil der christlichen Gemeinschaft die Angriffe des Feindes erfahren hat oder noch erfahren wird (vgl. Hebr 13,3).
Hier ist die Kirche nicht die „Herde Gottes“, auch nicht das „Haus Gottes“ und nicht der „Leib Christi“, sondern die „Gemeinschaft der Brüder“. Von Anfang an hatten die Christen den Brauch, sich untereinander „Bruder“ und „Schwester“ zu nennen.
Lassen Sie sich nicht von Ihrem eigenen Selbstvertrauen oder irgendeiner mittelalterlichen Karikatur eines koboldhaften Teufels in die Irre führen. Unser Feind ist ein Mörder, und außer Jesus Christus ist ihm keiner gewachsen. Wir können ihn zwar verabscheuen, aber wir tun gut daran, ihn wie alle lebensgefährlichen Feinde zu respektieren und auf Distanz zu gehen. Hier wütet ein Krieg!

1.Petrus 5,8 Seid nüchtern und wacht; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe und sucht, wen er verschlinge.

Wem die Sorgen den Kopf verdrehen, der verliert den nüchternen Blick. Es gibt geradezu einen Sorgenrausch. Die Mahnung »seid nüchtern und wacht« ruft zum klaren Durchblick für die Situation. Das Wort „nüchtern “ kommt außerdem noch in Kap 1,13; 4,7; 1Thes 5,6.8 und 2Tim 4,5 vor.
„Wacht“ bedeutet von der Wortwurzel her eigentlich „seid aufgeweckt“. Hier steht dasselbe Wort, das im NT für die Auferweckung Jesu Christi verwendet wird.
Der Teufel wird hier doppelt gekennzeichnet: Er ist der „Widersacher“ der Christen. Dieses Wort stammt im Griechischen aus der Gerichtssprache und meint den Gegner vor Gericht, den Ankläger.
Das Bild vom brüllenden Löwen stammt aus dem Alten Testament (Ps 7,3; 10,9-10; 17,12; 22,14- 22; 35,17; 58,7; 104,21; Hes 22,25) und stellt die Grausamkeit dieses Jägers bei der Verfolgung seiner Beute dar. Verschlingen bedeutet im wörtlichen Sinn »herunterschlucken « und betont sein eigentliches Ziel: Er will nicht bloß verwunden, sondern vernichten. Die erste von Petrus angeführte Schutzmaßnahme gegen die Strategien des Teufels ist einfach und direkt: Wacht!
Dieser schreckliche Feind geht umher, und sucht, wen er verschlinge! Das Wort „suchend“ weist auf Verlangen, Versuchen und Absicht hin (Sach 3,13; Offb 12,1011).
Mit dem „Teufel“ haben wir heute Mühe. Das Bild vom „brüllenden Löwen“ (Ps. 22,14; vgl. 2. Tim. 4,17;.) ist uns so suspekt wie das vom gehörnten und geschwänzten Ungeheuer. Und doch fasziniert es offenbar. Jedenfalls wird es nicht mehr zur Abschreckung verwendet wie in mittelalterlichen Kathedralen, wohl aber zur Anlockung von Käufern von Modeartikeln bis zu Musik-Disketten. Im Text ist wesentlich, dass der Teufel grundlegend als „Gegner“ gesehen wird. Das ernst zu nehmen zeugt von einer «nüchternen» und «aufgewachten» Haltung (dazu vgl. zu 1,13). Zu solcher Sachlichkeit, die weder verharmlost noch sich schockieren lässt, ruft der Text, nicht zu Diskussionen, ob der Teufel personhafte Macht ist wie Gott oder die Engel oder nur die Summe alles Schlechten in der Welt oder des Bösen in uns selbst. Darum wird auch nicht im Einzelnen beschrieben, wo und wie sich dieses Wirken des Teufels zeigt. So gilt, was der Text sagt, heute wie damals.

1.Petrus 5,7 Alle eure Sorge werft auf ihn; denn er sorgt für euch.

Und nun zeigt Petrus den Hörern, wie das Sich demütigen im Alltag zu praktizieren ist: indem ihr alle eure Sorge auf ihn werft. Petrus vertröstet die Gemeinde auch hier nicht nur auf das Ende, sondern er ruft mit einer Anspielung auf Ps. 55,23 dazu auf, auch hier und jetzt in der Feuersglut mit Gottes Fürsorge zu rechnen. Dieser Vers ist teilweise ein Zitat und teilweise eine Auslegung von Ps. 55,23. Petrus gebraucht diesen Text, um alle Gläubigen in jedweden Schwierigkeiten anzuweisen, dem Beispiel Davids zu folgen und sich der Fürsorge des Herrn zu übergeben (vgl. 2,23; 4,19).
Dieses Werfen bedeutet, geistlich das zu tun, was die Jünger buchstäblich taten, als sie das Fohlen für den Herrn brachten, um darauf zu reiten; sie „warfen ihre Kleider auf das Fohlen“ Lukas 19,35
Hier ist die Sorge zu verstehen als die Existenz- und Zukunftsangst und Niedergeschlagenheit der auf vielfältige Weise bedrängten Christen. Die Hingabe an Gottes Willen und das vertrauensvolle Gebet befreien von knechtischer Angst und helfen, das Aufgegebene zuversichtlich zu bestehen (vgl. 2 Kor 1,8-11: „Wir haben unser Todesurteil hingenommen, weil wir unser Vertrauen … auf Gott setzen, der die Toten auferweckt“). Wer sich Gott unbedingt anvertraut, wird in der eigenen Schwäche Gottes Kraft erfahren (s. 2 Kor 12,9-10; Phil 4,11-13).
Wenn wir unsere Sorgen auf Gott werfen, vertrauen wir uns voll und ganz seinem Erbarmen und seiner Fürsorge an. „Werfen“ beschreibt ein bewusstes Handeln, das nichts Passives oder Halbherziges an sich hat.

1.Petrus 5,6 So demütigt euch nun unter die gewaltige Hand Gottes, damit er euch erhöhe zu seiner Zeit.

Wenn wir uns unter Gottes starke Hand demütigen, erkennen wir damit bereitwillig sein Eingreifen als ein Mittel zu unserem eigenen Besten und zu Gottes Ehre an. Mit anderen Worten verzichten wir darauf, andere Menschen oder Ereignisse zu manipulieren. Wir sehen davon ab, Gottes Zeitplan forcieren zu wollen. Wir überlassen ihm die Planung. Und wir beugen uns unter seine starke, stabilisierende Hand. In unserer Ellbogengesellschaft findet sich immer irgendein Weg, um die Dinge voran zu treiben, wenn es uns zu langsam geht. Es gibt Leute, die man anrufen kann, Einflüsse, die man geltend machen kann, und Schwitzkästen, mit denen man drohen kann. Solche Methoden sind wirksam und schinden Eindruck – aber letzten Endes bereut man sie doch nur. Ein Gefühl der Unzufriedenheit und Enttäuschung macht sich breit. Nicht Gott hat gehandelt, sondern man selbst! Überlassen Sie es Gott, Sie zu erhöhen! Bis dahin bleiben Sie getrost unter seiner starken Hand. Mir ist zwar klar, dass ein solcher Rat unpopulär klingt, aber er ist goldrichtig. Zudem werden Sie sich in Zukunft nie fragen müssen, wer die Dinge ins Rollen gebracht hat, Sie oder Gott. Und wenn er Sie dann zu etwas ganz Großartigem einsetzt und Sie so erhöht, werden Sie keinen Grund haben, sich etwas darauf einzubilden. Alles Lob, alle Anerkennung geht allein an Gottes Adresse!
Demut ist die Konsequenz des Wissens, daß Gott die Niedrigen erhöht.
Demut kann nicht etwas Selbstgemachtes sein, sonst wirkt sie verkrampft und unglaubwürdig. Sie kann nur geschenkt sein. Echte Demut kann nur vom Wissen um die gewaltige Hand Gottes her kommen. Nur jene Hand selber kann wahrhaftig demütig machen (2. Mose 14, 31; vgl. 13, 3; 14, 8), aber eben so auch wahrhaft aufrichten, erhöhen. Rechte Demut hat nichts zu tun mit Minderwertigkeitskomplexen. Wer wirklich bis zu innerst weiß, dass er nur lebt von dem gnädigen Urteil Gottes über ihn und nicht von seinen eigenen Werten oder Unwerten, der kann ebenso getrost und demütig seine Werte wie seine Unwerte sehen.
Im Alten Testament, vor allem im Zusammenhang mit dem Auszug aus Ägypten, ist immer wieder von der „Hand des Herrn“ die Rede, die stärker ist als die „Hand der Ägypter“. „So errettete der Herr an jenem Tage Israel aus der Hand der Ägypter, und Israel sah die Ägypter am Gestade des Meeres liegen. Als Israel sah, wie gewaltig sich die Hand des Herrn an den Ägyptern erwiesen hatte, da fürchtete das Volk den Herrn“ (Ex 14,30 f.).
Das wird „zur Zeit“ (so wörtlich) geschehen. Das Griechische unterscheidet chronos, die regelmäßig ablaufende Zeit von kairos, der erfüllten, wesentlichen und prägenden, für das NT also der von Gott erfüllten Zeit. Damit ist in 1,5 (wie auch 5,6) die endgültig von Gott qualifizierte Zeit jenseits unseres Todes und unserer Welt gemeint.

 

1.Petrus 5,5 Desgleichen ihr Jüngeren, ordnet euch den Ältesten unter. Alle aber miteinander haltet fest an der Demut; denn Gott widersteht den Hochmütigen, aber den Demütigen gibt er Gnade.

Im letzten Abschnitt dieses Briefes spricht Petrus die gottesfürchtigen Einstellungen an, die für die Entwicklung einer geistlichen Denkweise so wichtig sind. In einer abschließenden Reihe von Ermahnungen und einigen Schlussworten bringt der Apostel seine Leser zum Nachdenken über wesentliche christliche Einstellungen: Unterordnung, Demut, Vertrauen, Selbstbeherrschung, Wachsamkeit, innere Stärke, Hoffnung, Anbetung, Treue und Liebe.
Wie zuvor schon in diesem Brief (3,1.7) verwendet Petrus das Wort (Desgleichen) als Überleitung. In drei Stellen markiert das Wort einen Wechsel von einer Gruppe zu einer anderen. In 2,13-20 und 3,1-7 fordert Petrus die Gläubigen auf, sich ihren Arbeitgebern, den staatlichen Autoritäten und in der Ehe unterzuordnen.
Die Jüngeren sollen das höhere Alter und die auf Grund der Erfahrung größere Weisheit der Älteren anerkennen und deshalb deren Urteil höher schätzen als ihr eigenes. Außerdem sollen sie sie um ihres Werkes willen hochachten (Kap 2,13.18; 3,1)
Um seine Aufforderung zu Demut zu bekräftigen, zitierte Petrus aus Sprüche 3,34: Gott widersteht den Hochmütigen; den Demütigen aber gibt er Gnade (vgl. Jak. 4,6). Das Petrus’ Zitat unterscheidet sich geringfügig von der Septuaginta, insofern dass er „Herr“ aus der Septuaginta durch Gott ersetzt, aber letzten Endes sind die beiden Namen gleichbedeutend. „Alle aber miteinander haltet fest an der Demut;“
Die Grundhaltung der Demut sollen alle Christen „festhalten“. Engkomböomai bezeichnet das Anknoten, Anbinden, Umlegen, Anlegen von Kleidung, gemeint ist Arbeitskleidung (vgl. Joh 13,4). Damit wird sehr deutlich, dass „Demut“ im biblischen Sinne keine Emotion meint, sondern eine Haltung, die sich im praktischen Tun, im Dienst aneinander auswirkt. So hat es Jesus getan und seinen Jüngern ein für alle Mal gezeigt, wie christliche Demut dient (vgl. Joh 13,4ff.). „Demut“ (wörtlich „hinunterdenken“) ist das Tun, das dem, der „unten“ ist, den Geringen und Armen selbstlos und hilfreich begegnet und hilft, sich selbst gibt.
Die Hochmütigen (vgl. Lk 1,51; Röm 1,30; 2 Tim 3,2) sind hier die selbstgerechten Gegner der Christen, ebenso wie die auf Ehrgeiz und Einfluss bedachten Christen, die den Gemeindefrieden stören. Ihr Weg führt nicht zum Ziel. Die Demütigen sind jene Christen, die vor Gott um ihre Grenzen und ihre Unvollkommenheit wissen und um Gottes und Christi willen dienstbereite Liebe üben, sich ein- und unterordnen und ihre Sache Gott anheimstellen (vgl. 4,19). Gnade steht hier für Gottes Wohlwollen, Sorge, Treue, Führung, Kraft, Beistand und endgültiges Heil (vgl. 1,2.10.13; 3,7; 4,10; 5,10.12).
Und genau das fehlt den „Erfolgreichen“ unserer Zeit: eine größere Gnade. Es ist auffallend, wie selten auf der Überholspur bei den Aggressiven und Selbsteingenommenen von Gnade die Rede ist. Gnade, so Petrus, verschenkt Gott an die Demütigen, nicht an die Überheblichen.