1.Petrus 4,5 aber sie werden Rechenschaft geben müssen dem, der bereit ist, zu richten die Lebenden und die Toten.

Weil diese Reaktion der Gesellschaft auf das Verhalten der Christen letztlich Gott betrifft, wird er auch Rechenschaft dafür fordern. Die- Christen können und sollen dies nicht tun. Die Gesellschaft fordert zwar von ihnen Rechenschaft (3,15), kann aber ihr Verhalten nicht verstehen. Auf alle Fälle haben sie gleich dem leidenden Christus (2,23 c) das Gericht Gott zu überlassen.
Rechenschaft geben. Dieses Verb bedeutet „zurückzahlen“. (apodosousin logon, wörtlich „eine Rechnung begleichen“; vgl. Mt 12,36; Lk 16,2; Apg 19,40; Hebr 13,17) müssen. Petrus hebt warnend hervor, daß diese Menschen dem, der bereit (d. h. willens) ist, zu richten, gegenübertreten müssen. Keiner wird diesem letzten Gericht seiner irdischen Worte und Taten entgehen, wenn Christus die Lebenden (zontas) und die Toten (nekrous) richten wird (vgl. Apg 10,42; Röm 14,9; 1. Thess 4,15; 2. Tim 4,1).
Mit biblisch gebräuchlicher Formel (Apg 10,42; Rom 14,9; 2 Tim 4,1; ) wird die allumfassende Ausnahmslosigkeit des Gerichtes beschrieben als Gericht über Lebende und Tote. Das gemeinte Gericht ist also das letzte Gericht, bei dem die Überlebenden als Lebende, die Toten gerichtet werden. Übrigens ist auch diese Formulierung in das apostolische Glaubensbekenntnis übergegangen.
Gott ist darauf vorbereitet, ein gerechtes Gericht ohne Ansehen der Person auszuüben (1,17), aber da er das ganze Gericht Jesus Christus übergeben hat (Joh 5,22-27), wird der Vater durch seinen Sohn all jene richten, die den Christen zugesetzt haben: Und ich sah einen großen weißen Thron und den, der darauf saß; vor seinem Angesicht flohen die Erde und der Himmel, und es wurde kein Platz für sie gefunden.
Mancher bringt es nur deshalb fertig, ein leichtfertiges Leben zu führen, weil er den letzten Realitäten, Tod und Gericht, ausweicht. Deshalb hat auch die heutige Gemeinde die biblische Botschaft vom Tod und Gericht treu und unverkürzt zu bezeugen.

1.Petrus 4,4 Das befremdet sie, dass ihr euch nicht mehr mit ihnen stürzt in dasselbe wüste, unordentliche Treiben, und sie lästern;

Jedenfalls hat die Tatsache, daß die Christen sich von ihrer früheren Lebensform getrennt haben, Konflikte mit der Umwelt heraufbeschworen. Diese Distanzierung von der Vergangenheit bedeutete freilich nicht nur den Bruch mit dem Laster, sondern auch mit alltäglichen Lebensgewohnheiten der Gesellschaft, vor allem auch mit der gemeinsamen Religion und Kultausübung (vgl. „Götzendienst“ in V.3). Distanz aber schafft Ressentiment und Befremden. Wer das gängige Schema sprengt und nicht mehr im „Strom der Liederlichkeit“ mitschwimmt, der gilt nicht nur als Sonderling und Außenseiter, als Störenfried und Spielverderber, sondern der wird beargwöhnt, verdächtigt und verunglimpft.
Das Wort befremdet (oder „verwundert“) hat den Unterton der Verärgerung. Es ist wirklich eine Entfremdung eingetreten. Die Ursache: Wer zur Besinnung und Umkehr gekommen ist läuft nicht (mehr) mit in denselben Strom der Heillosigkeit, oder auch: „Flut von Liederlichkeit“. Dieses Mitmachen wird als „hineinstürzen“ bezeichnet (eigentlich: „mitlaufen“ Mitläufer), wobei die Hetze und das Getriebensein betont wird.
Lästern (blasphemeō) bedeutet wörtlich so viel wie „jemanden verleumden oder diffamieren“ oder „schlecht über eine Person reden“. Alte Quellen, sowohl christlichen als auch nichtchristlichen Ursprungs, liefern reichlich Anhaltspunkte dafür, dass die Weigerung der Christen, an vielen allgemein akzeptierten Vergnügungen, an gottlosen bürgerlichen Zeremonien und an götzendienerischen, unmoralischen Veranstaltungen teilzunehmen, die Ungläubigen veranlasste, sie zu hassen und zu schmähen.

 

1.Petrus 4,3 Denn es ist genug, dass ihr die vergangene Zeit zugebracht habt nach heidnischem Willen, als ihr ein Leben führtet in Ausschweifung, Begierden, Trunkenheit, Fresserei, Sauferei und gräulichem Götzendienst.

Diese eigenartige Formulierung „es ist genug“, die wir im Deutschen auch kennen („nun ist es aber genug“ im Sinn von: es ist schon zu viel), soll besagen: es ist an der Zeit, Schluß damit zu machen. Dieses Leben ohne Jesus – vor Jesus – war ein Leben „nach heidnischem Willen“. Das griechische Wort meint „Wollen, Verlangen, Wünschen“, also gerade nicht den bewussten Willen, sondern ein Leben, das vorangetrieben wird von Leidenschaften, Wünschen und ungezügeltem Wollen, die der Verstand und Wille oft gar nicht mehr kontrollieren kann. So leben Menschen, die nicht nach Gott fragen und ihm nicht vertrauen. So haben auch die Christen, an die Petrus hier schreibt, vor ihrer Bekehrung gelebt. Es sind alles Gesellschaftssünden, die Petrus hier, in diesem Lasterkatalog, nennt, Sünden, die zwar aus meinen Leidenschaften kommen, aber mit anderen ausgelebt werden, sie auch hineinziehend.
Auch wird nicht allgemein von der „Idee“ der Sünde gesprochen, sondern von ganz bestimmten Dingen, die freilich alle zeigen, dass es dabei immer um dieselbe innere Haltlosigkeit und Grenzenlosigkeit geht, in der der Mensch den Begierden hingegeben ist, solange er die Erfüllung all seines Begehrens nicht in Christus gefunden hat.
Wie an den meisten der oben aus dem NT genannten Stellen und im Judentum wird auch der Götzendienst angeführt, hier betont am Ende. Es soll damit gesagt werden, dass der Urgrund aller Verfehlungen darin liegt, dass sich der Mensch von Gott trennt, nicht mehr ihn, sondern alles Mögliche andere „begehrt“.

1. Petrus 4, 2 dass er hinfort die noch übrige Zeit im Fleisch nicht den Begierden der Menschen, sondern dem Willen Gottes lebe.

Mit dieser Aussage greift Petrus auf 2,11 zurück; er stellt fest, daß der Christ den Begierden nicht mehr unterworfen ist und deshalb in der Kraft Christi den Willen Gottes in allem erfüllen kann. Er ist fähig, als erlöster Mensch konsequent gut, liebend, hoffnungsvoll und freudig zu leben (1,3-6), und soll das deshalb auch unbedingt tun in der kurzen Zeit des irdischen Lebens (s. l,14f). Die Freude und Hoffnung der neuen Lebensweise setzt auf Seiten des Christen die Entschiedenheit voraus, entsprechend der Gesinnung Christi zu leben.
Das bedeutet freilich nicht, dass die Gemeinde sich einbilden dürfte, sie sei schon vollkommen. Sie lebt noch immer im Fleische. Eben darum muss sie ja in diesem Briefe aufgerufen werden, die Entscheidung, die eigentlich schon hinter ihr liegt, immer wieder neu praktisch zu vollziehen. Und dennoch, so wenig sie schon fertig, schon am Ende ist, ihr Leben ist von Grund auf neu geworden. Sie darf ja wissen um den ersten Advent (= das Kommen) des Christus (V. 1 a) und darf warten auf den letzten Advent (V. 5). So wandert sie „zwischen den Zeiten“, herkommend von dem, was Christus an ihr getan, hinwandernd auf das, was er an ihr tun wird. Wohl mag es Nacht sein, wenn das Leiden über sie kommt. Aber vor dieser Nacht und hinter ihr liegt der strahlend helle Tag. Und die Erinnerung daran, wie das Warten darauf strahlt hinein in ihre Gegenwart. Darum reden V. 1 b – 4 vom „heutigen Advent“ des Christus. Eben das darf deutlich werden im Leben der Gemeinde, dass sie anderswo steht, nicht mehr hei den Begierden der Menschen, dort wo der Mensch sich selber liebt und befriedigen will, sondern beim Willen Gottes, dort wo Gott seinen Weg gehen darf.

1. Petrus 4, 1 Weil nun Christus im Fleisch gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn; denn wer im Fleisch gelitten hat, der hat aufgehört mit der Sünde,

In den ersten sieben Versen dieses Kapitels spricht der Apostel weiter über die allgemeinen Grundsätze der Regierung Gottes. Kapitel 3 endete mit der Verherrlichung Jesu Christi. Alles ist Ihm unterworfen, und Er steht bereit, das Gericht über Lebendige und Tote auszuüben. Das ist für uns ein Grund, getrennt von der Welt und ihren Grundsätzen zu leben. Denn obwohl der Herr verherrlicht ist, verwirft die Welt Ihn dennoch, und jeder, der mit Ihm verbunden ist, wird von ihr verworfen werden.
Mit dem Kausalpronomen weil (die griechische Partikel oun, die hier folgernde Bedeutung hat) kehrt Petrus zum Thema des Leidens Christi (vgl. 1. Petr 3,18) zurück und überträgt das Prinzip des geduldigen Ausharrens in zu Unrecht erfahrenem Leiden auf die momentane Situation seiner Leser.
„so wappnet euch auch mit demselben Sinn;“ Diese Aufforderung greift auf 2,21 und 3,18 zurück und faßt die Grundforderung prägnant zusammen: Mit und nach dem Vorbild Christi leiden! „Fleisch“ meint die leibliche, irdische, leidensfähige Existenz Christi. Das Verb hoplisasthe bedeutet sich bewaffnen; ennoia bezeichnet den Gedanken, die Einsicht, die Erkenntnis und die daraus erwachsende geistige Haltung. Das mit „sich wappnen“ übersetzte Wort hoplisasthe, das nur an dieser Stelle im Neuen Testament auftaucht, stammt aus dem militärischen Sprachgebrauch und bezeichnet das Anlegen der Rüstung bei einem Soldaten (vgl. Eph 6,13). Mit der gleichen Entschlossenheit und Sorgfalt, mit der sich ein Soldat für die Schlacht rüstet, sollen sich die Christen den „Sinn“ (ennoian, wörtlich „Gedanken“; das Wort taucht in der Bibel sonst nur Hebr 4,12 auf) Christi in der Verfolgung zu eigen machen: die unbeugsame Entschlossenheit, den Willen Gottes zu tun. Die Adressaten werden also aufgefordert, sich mit der Überzeugung vertraut zu machen, daß Leiden um Christi willen wesenhaft zum Christsein gehört und sich daher bewußt dem Leiden zu stellen. Wer sich mit dieser Überzeugung wappnet, also leidensbereit lebt, wird durch das Leiden weder im Glauben unsicher werden, noch wird er vor dem Leiden fliehen oder gar durch das Leiden in eine Glaubenskrise geraten. Im Gegenteil, er wird das – von Gott zugelassene – Glaubensleiden als Ausweis echten Christseins und als Segen ansehen.
Wir haben mit der Sünde abgeschlossen, wenn wir den Tod Christi im Glauben für uns annehmen. Wir leben noch in der Welt, und doch ist unser Leben im eigentlichen Sinn des Wortes außerhalb der Welt. Wir gehören einer ganz anderen Welt an, und unser Leben ist verborgen mit dem Christus in Gott. Die Annahme des Werkes Christi hat eine totale Änderung unserer Stellung zur Folge. Es das Hineingezogenwerden in sein Leiden und seinen Tod. Christus litt im Fleisch, und genauso leiden die Christen im Fleisch. Wer das auf sich nimmt, der hat aufgehört mit der Sünde, d. h., er ist Christus gleichgeworden (wie es auch in der Taufe deutlich wird) und hat mit seinem bisherigen sündigen Leben gebrochen. Weil Christus gestorben ist, sollen die Christen „hinfort der Sünde nicht dienen. Denn wer gestorben ist, der ist frei geworden von der Sünde“ (Röm 6,6 – 7).
Der von Gott getrennte Mensch lebt aber grundsätzlich für sich selbst, er weicht den Leiden aus und will es möglichst schön haben. In Jesus Christus aber ist das andere geschehen. Da ist ein Mensch (nein, der Mensch, wie Gott ihn wollte) hinausgetreten aus dieser leidensscheuen Selbstliebe und hineingetreten in den Gehorsam gegenüber Gott – ins Leiden. Eben diesen Schritt hat die Gemeinde im Glauben an ihn, hinter ihm her auch tun dürfen (vgl. 2, 21).