Der Begriff „Apologetik“ im NT

Der Begriff „Apologetik“ leitet sich vom griechischen apologia ab, das auch in 1Petr 3,15b–16, dem neutestamentlichen locus classicus der christlichen „Verteidigungswissenschaft“, zu finden ist. Wir lesen dort:

„Aber wenn ihr auch leiden solltet um der Gerechtigkeit willen, glückselig seid ihr! Fürchtet aber nicht ihren Schrecken, seid auch nicht bestürzt, sondern haltet den Herrn, den Christus, in euren Herzen heilig! Seid aber jederzeit bereit zur Verantwortung [griech. apologian] jedem gegenüber, der Rechenschaft [griech. logon] von euch über die Hoffnung in euch fordert, aber mit Sanftmut und Ehrerbietung! Und habt ein gutes Gewissen, damit die, welche euren guten Wandel in Christus verleumden, darin zuschanden werden, worin euch Übles nachgeredet wird.“

Wie hier überwiegt auch bei anderen Verwendungen des Begriffs im NT der prozessuale Anklang. Das Verb apologeomai bedeutet so viel wie „sich vor Gericht verteidigen“ (übliche dt. Übersetzungen lauten: „sich verteidigen“, „verantworten“ o. a. „Verhör“. Siehe: EWNT, S. 330). In einer klassischen gerichtlichen Verhandlung wurde der Angeklagte zuerst seiner Vergehen beschuldigt. Anschließend bekam der Beschuldigte die Gelegenheit, zu den Anklagepunkten Stellung zu nehmen. Der Versuch, die Anschuldigungen abzuweisen, wurde apologia genannt. (Von der Präposition apo mit der Bedeutung „von“ und logion mit der Bedeutung „Wort, Spruch“. Das zusammengesetzte Wort heißt also soviel wie: „wegsprechen der Anschuldigung“.)

Das älteste uns überlieferte Beispiel für eine Verteidigung diese Art ist die Rede des Sokrates (469–399 v. Chr.) vor dem Gericht in Athen im Jahre 399 v. Chr., als ihm Gotteslästerung (Einführung neuer Götter) und Verführung der athenischen Jugend vorgeworfen wurde. Da wir keine Schriften des Philosophen besitzen, kennen wir die Verteidigungsrede nur aus einem Dialog seines berühmten Schülers Platon. Der nannte die Verteidigung einfach Apologie.

Das Wort erscheint im NT als Verb oder Substantiv insgesamt 18-mal, davon 10-mal allein bei Lukas im Evangelium bzw. in der Apostelgeschichte (das Verb kommt im NT 10-mal vor (Lk 12,11; 21,14; Apg 19,33; 24,10; 25,8; 26,1f.24; Röm 2,15; 2Kor 12,19), das Substantiv 8-mal (Apg 22,1; 25,16; 1Kor 9,3; 2Kor 7,11; Phil 1,7.16; 2Tim 4,16; 1Petr 3,15)). Gegenüber Anklägern und Andersdenkenden wird der hoffnungsvolle Christusglaube gerechtfertigt. Anfeindungen oder Inhaftierung wegen des Bekenntnisses werden dabei in der Regel vorausgesetzt.

So benutzt Lukas den Begriff, um eine Verteidigungsrede des Paulus in Jerusalem wiederzugeben (Apg 21,27–28). Der Apostel wurde durch die Juden der Volksverhetzung bezichtigt. Als sie versuchten, ihn zu töten, wurde er durch die Römer festgenommen und stand damit unter ihrer Schutzmacht. Paulus bekam die Erlaubnis, Hebräisch mit dem Volk zu sprechen und rief ihnen zu: „Ihr Männer, Brüder und Väter! Hört, was ich euch zu meiner Verteidigung [griech. apologia] zu sagen habe“ (Apg 22,1).

Paulus selbst gebraucht das Wort vielförmig. In 1Kor 9,3 hält er es für angebracht, sich gegenüber seinen Kritikern als autorisierter Apostel zu verteidigen: „Meine Verteidigung [griech. apologia] vor denen, die mich kritisch überprüfen, ist diese: …“. In Röm 2 behandelt er die Ungerechtigkeit aller Menschen vor Gott. Alle Menschen sind vor dem gerechten Gott schuldig. Maßstab der Gerechtigkeit ist für die Juden unter dem Gesetz das Gesetz. Die Heiden ohne Gesetz sind sich selbst ein Gesetz, da das moralische Gesetz in ihre Herzen eingeschrieben ist und durch das Gewissen gespiegelt wird. Ihre Gedanken klagen einander an oder „verteidigen“ (griech. apologemenōn) sich (Röm 2,15).

Bisweilen erwächst aus einer ursprünglichen Verteidigungsrede Verkündigung. So schrieb Paulus am Ende seines Lebens beispielsweise in 2Tim 4,16–17 an seinen Mitarbeiter Timotheus (s. a. Apg 22,1ff; Phil 1,7):

„Bei meinem ersten Verhör [griech. apologia] stand mir niemand bei, sondern sie verließen mich alle. Es sei ihnen nicht zugerechnet. Der Herr aber stand mir bei und stärkte mich, damit durch mich die Botschaft ausgebreitet würde und alle Heiden sie hörten, so wurde ich erlöst aus dem Rachen des Löwen.“

In einem seiner Gefangenschaftsbriefe teilt der Apostel mit, dass er sich selbst als jemand versteht, der durch Gott zur Verteidigung des Evangeliums eingesetzt wurde (Phil 1,16):

„Einige zwar predigen Christus aus Neid und Streitsucht, einige aber auch in guter Absicht: diese aus Liebe, denn sie wissen, dass ich zur Verteidigung des Evangeliums [griech. apologian toun euiaggeliou] hier liege; …“

Es gibt neben apologia noch weitere relevante Begriffe. 10-mal finden wir das Verb dialegomai im NT, das meist so viel wie „argumentierend reden“ bedeutet. Der Evangelist benutzt den Begriff in Mk 9,34, um uns eine Debatte im Jüngerkreis darüber zu schildern, wer wohl der Größte unter ihnen sei. Von dem Apostel Paulus heißt es, dass er in Ephesus frei und offen drei Monate lang durch Unterredungen (griech. dialegomenos) die Menschen in der Synagoge „von den Dingen des Reiches Gottes zu überzeugen suchte“ (Apg 19,8 nach Schlachter). Lukas verwendet das Wort auch, um in Apg 20,7 mitzuteilen, dass Paulus in Troas am Sonntag in einer Synagoge mehrere Stunden predigte. Es ist offensichtlich eine argumentierende Verkündigung oder ein auf Gründe zurückführendes Gespräch gemeint. Schon die griechischen Logiker benutzten das Wort dialegomenos im Zusammenhang logischer Schlussverfahren.

Das Verb peithō ist 52-mal belegt und wird vorzugsweise von Lukas und Paulus benutzt. Im Passiv bedeutet es „vertrauen“ oder auch „gehorchen“. Bei aktivem Gebrauch kann es (eher negativ) mit „beschwatzen“ übersetzt werden.

Einige Verse gebrauchen das Verb allerdings im Sinne von „überzeugen“. So schreibt Lukas in Apg 18,4, dass Paulus in der Synagoge an den Sabbaten lehrte und Juden und Griechen „überzeugte“ (griech. epeiten, 3. Pers. Sing. Impf. akt. Ind.). In Apg 26,28 sagt Herodes Agrippa II. zu Paulus: „Es fehlt nicht viel, so wirst du mich noch überreden (griech. peiteis, 2. Pers. Sing. Präs. akt. Ind.) und einen Christen aus mir machen.“(Apg 26,28 ist textkritisch allerdings nicht ganz unproblematisch, da der Codex Alexandrinus peithē liest: „Du glaubst (o. denkst), Du kannst aus mir einen Christen machen.“)

Nach Apg 21,14 lies Paulus sich von Mitarbeitern und Einheimischen nicht „überreden“ (griech. peitomenou), wegen einer drohenden Gefangenschaft die Reise nach Jerusalem abzubrechen. Das Verb findet sich ebenfalls in dem bereits zitierten Vers aus Apg 19,8. Paulus versuchte in Ephesus seine Zuhörer durch „Überredungen“ (griech. dialegomenos) von den Dingen des Reiches Gottes zu „überzeugen“ (griech. peitōn).

Diese Textstellen zeigen neben vielen anderen, dass es den Aposteln bei ihren evangelistischen Bemühungen zwar nicht ausschließlich um gute Argumente ging, sie jedoch sehr an einer verständlichen und logisch nachvollziehbaren Verkündigung interessiert waren. Treffend schreibt Michael Green in seinem Klassiker Evangelisation zur Zeit der ersten Christen:

„Natürlich hat weder Paulus, noch irgend jemand sonst in der urchristlichen Mission daran gedacht, daß man durch Debatten allein Menschen ins Reich Gottes bringen könnte. Aber man wußte, daß sich dadurch Schranken niederreißen ließen, die den Menschen nicht erkennen ließen, was sich in sittlicher und persönlicher Hinsicht für ihn daraus ergab, wenn er Christus annahm oder nicht.“(M. Green, Evangelisation, 1970, S. 237)
https://theoblog.de/der-begriff-apologetik-im-nt/32575/

Konsequent zu Ende gedacht ist leugnet der Agnostiker die Existenz Gottes

Konsequent zu Ende gedacht ist leugnet der Agnostiker die Existenz Gottes, so wie er ist. Da ist Gottes Wort sehr klar. … Was mich … abstößt, ist diese ewige Gejammere, dass man die Befindlichkeiten irgendwelcher Leute stören könnte, wenn man Tatsachen beim Namen nennt.
„Der größte mir bekannte Teil der freikirchlichen Christen ist so bedacht, auf die Befindlichkeiten der „Unerreichten“, dass aus dem Salz und Licht wohl eher Puder und Nebel geworden ist. Und wie wir alle feststellen können hat diese Haltung ja nicht gerade zu gewaltigen Erweckungen geführt. Ich sage das ganz bewusst so, weil ich eben nicht denke, dass irgendeine Strategie oder ein Konzept Leute rettet, sondern die Wahrheit! Das man die „Unerreichten“ in Watte packt ist vielmehr lieblos. Die Wahrheit ist meistens unbequem. Die Hölle aber auch.“ Armin Gritzan

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Was ist Apologetik?

Apologetik ist eine systematisch-theologische Disziplin, die den Gläubigen dabei hilft, den in 1Petr 3,15 formulierten Auftrag in die Tat umzusetzen. Apologetik ist demnach denkerische Rechtfertigung und Verteidigung der christlichen Hoffnung.

Ihren besonderen Charakter gewinnt die Apologetik dadurch, dass sie Fragen (und Klagen) Andersdenkender aufgreift und für diese formal nachvollziehbar zu beantworten sucht. Petrus erwartet von den Christen, dass sie den Grund für ihre Hoffnung vernünftig kommunizieren können. Ein Apologet glaubt nicht nur, er kann auch erklären und begründen, warum und woran er glaubt. Ein Apologet versucht plausibel darzulegen, warum ein Christ Christ ist und Nicht-Christen Nachfolger von Jesus Christus werden sollten.

Apologetik ist keine Disziplin für Spezialisten. Bei allen denkbaren Gelegenheiten und gegenüber jedermann (vgl. 1Petr 3,15) sollen Christen zur Rechenschaftslegung bereit sein. Somit ist nicht nur die akademische Auseinandersetzung Forum für die Apologetik, sondern das gesamte Gemeindeleben einschließlich der Katechese, Verkündigung, Seelsorge oder Evangelisation.

Wir können zwischen reflektierender, defensiver und offensiver Apologetik unterscheiden. (In der Literatur findet sich manchmal die Unterscheidung zwischen negativer und positiver Apologetik. Ich ziehe defensive und offensive Apologetik dieser traditionellen Bezeichnung vor, da sprachlich präziser.)

(a) Reflektierende Apologetik. Sie richtet sich nach innen, also an die Gemeinde der Christusgläubigen. Diese Form der Apologetik liefert den Gläubigen einsichtige und prüfbare Gründe für ihren Glauben. Auch Gläubige haben Zweifel und werden durch leere und verführerische Gedankengebäude angefochten (vgl. Kol 2,8). Jesus und die Apostel haben den Gläubigen überzeugende und tragfähige Gründe für ihre Nachfolge gezeigt (vgl. z. B. Joh 20,24–31; 1Kor 15,1–11). Reflektierende Apologetik hilft dabei, Vernunftsschlüsse, die sich gegen die Erkenntnis Gottes richten, aufzudecken und alles Denken in den Gehorsam gegenüber Christus zu führen (vgl. 2Kor 10,5).

Reflektierende Apologetik klärt also Fragen des Glaubens und Unglaubens im Kreis der Kirche. Defensive und offensive Apologetik wendet sich vor allem an den Kreis der Menschen, die (noch) nicht an Jesus Christus glauben.

(b) Defensive Apologetik. Sie liefert Belege und Argumente für die Verteidigung des christlichen Glaubens gegenüber Einwänden und Angriffen. Sie reagiert auf Argumentationen, die von außen an die Kirche herangetragen werden. Einige Reden des Apostels Paulus gehören zu dieser Form der Apologetik, da er das Evangelium gegenüber Anklagen von Juden und Griechen verteidigte. Ebenso wurden viele Reden Jesu durch verbale Angriffe der Pharisäer und Schriftgelehrten provoziert (vgl. Abschnitt „Adressaten der Apologetik im Neuen Testament“). Wie wir bereits gesehen haben, sind Apologien überwiegend defensiv ausgerichtet. Theologen bemerken, dass die Gläubigen in den Gemeinden durch populäre Geistesströmungen verunsichert werden und bei ihren evangelistischen Bemühungen Überzeugungskraft verlieren. Um Zweifel auszuräumen und die Gemeinden geistlich, intellektuell und ethisch zu stärken, verteidigen sie das historische Christentum durch eigene Schriften.

(c) Offensive Apologetik. Sie präsentiert Argumente für die Wahrheit des christlichen Glaubens mit dem Ziel, die weltliche Weisheit als Torheit zu überführen (vgl. Spr 9,6; Ps 53,2; 1Kor 1,18–21). Offensive Apologetik ist also „angriffslustig“, sie attackiert die gottlosen Denksysteme und Lebensentwürfe mit der Offenbarung Gottes. Nicht-christliches Denken ist dem Wahn verfallen (Röm 1,21). Offensive Apologetik will nun dieses verfinsterte Denken aufdecken und überzeugende Denkalternativen entfalten. Apologetik in diesem Sinn zeigt, dass der Glaube an Christus wahr ist. https://theoblog.de/was-ist-apologetik/32589/

Evangelikale Moral

Das praktische Leben vieler evangelikaler Christen nähert sich zusehends dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Manchen sind Bibelverse dabei vollkommen egal, weil Glaube für sie nur noch darin besteht, ein Leben nach dem Tod für wahrscheinlich zu halten und darauf zu vertrauen, dass Gott hier auf der Erde schon alles segnet, was sie bereits für sich geplant haben. Eine wirkliche Lebensveränderung wird zumeist nicht einmal in Betracht gezogen. Was man sich wünscht, wird als richtig erklärt. In die eigenen Entscheidungen will man sich weder von Gott noch von Glaubensgeschwistern hineinreden lassen. Andere Christen spüren noch ein vages geistliches Unwohlsein. Doch statt sich der Prägung Gottes auszusetzen und dann auch unangenehme Entscheidungen zu treffen, suchen sie intensiv nach Möglichkeiten klare biblische Aussagen wegzuerklären. Die einfachste Strategie ist dabei natürlich die Feststellung, dass Gott genau zu dieser Frage schweigt und deshalb alles erlaubt ist. Wenn sich dann doch eine biblische Anweisung findet, dann wird erklärt, das gelte nur für die damalige Zeit. Heute sei alles anders, entweder, weil wir als Christen heute im Zeitalten der Freiheit und Gnade leben oder weil die Ausgangslage heute halt ganz anders sei als im alten Israel oder zur Zeit des Paulus. In Wirklichkeit aber wollen die betreffenden Christen garnichtmehr auf Gott hören, sie suchen lediglich noch einen einfachen Weg das stille Rufen ihres Gewissens zu beruhigen.
Natürlich ist die Argumentation, in der Bibel wird dies oder das nicht ganz deutlich verboten, also muss es wohl erlaubt sein, Unsinn. Mit dieser Logik könnte man auch behaupten, das Neue Testament verbietet Entführungen nicht deutlich genug, folglich sind Entführungen für einen Christen legitim. Oder: Das Neue Testament verbietet keine Ehen mit Tieren, also sind sie von Gott erlaubt. Wenn man wirklich nach dem Willen Gottes sucht, sollte man zuerst nach den deutlichen, positiven Aussagen zu einem Themenbereich suchen und den dann umsetzen. Dadurch regeln sich manche Sonderfragen weitgehend von alleine. Bei der Frage, ob Mann und Frau vor der Ehe zusammenziehen dürfen, sollte man also nicht nach einem strengen Verbot suchen, sondern nach Aussagen, wie Ehe positiv definiert und gelebt wurde (z.B. 1Mo 29, 21). Natürlich sollte es dabei schon zum Nachdenken bringen, dass im Alten Testament Sex zwischen Unverheirateten bestraft werden sollte (2Mo 22, 15; 3Mo 19, 29; 5Mo 22, 28f.; 5Mo 22, 13-21). An diesen Stellen wird auch deutlich unterschieden zwischen „Sex haben“ und „verheiratet sein“, weshalb man kaum behaupten kann, durch das Zusammenleben oder den Sex sei man vor Gott bereits verheiratet (vgl. 5Mo 20,7).
An allen Stellen im Neuen Testament, wo direkt oder im übertragenen Sinn von Ehe gesprochen wird, beginnt diese durch eine öffentliche Zeremonie. Mit einer gegenseitigen Verpflichtung wurde vor der ganzen Umwelt deutlich gemacht, dass man nun dauerhaft mit allen Rechten und Pflichten zusammengehört (Mt 22, 1-14; 25, 1-12; Joh 2, 1-11). Maria beispielsweise lebte nicht mit Joseph zusammen und hatte vor der Ehe auch keinen Sex mit ihm (Lk 1, 34; vgl. 1Kor 7, 36). Auch Paulus macht deutlich: entweder heiraten und zusammenleben oder alleine bleiben. In dieser Hinsicht soll es keinen Zwischenzustand geben (1Kor 7, 8f.). Der potentielle Partner sollte abgesehen von anderen positiven Eigenschaften gläubig sein (1Mo 28, 1ff.; 5Mo 7, 1-4; Spr 31, 30; 2Kor 16, 14; Jak 4,4). Außerdem untersagen zahlreiche Texte des Neuen Testamentes mit dem Begriff „Unzucht“ (Porneia) jeden Sex außerhalb der Ehe, also auch den vor der Hochzeit (1Kor 6, 15ff.; Eph 5, 3-8; Hbr 13, 4).
Wenn man wirklich eine Ehe nach Gottes Vorstellungen leben will, dann hindert auch nichts an einer offiziellen Hochzeit. Wenn man die Phase des Zusammenlebens aber eher als Probezeit versteht oder nur deshalb nicht heiratet, weil man keine dauerhafte Verpflichtung eingehen will, dann ist man offensichtlich nicht bereit, eine Beziehung in Treue und Liebe zu führen, wie Gott sie ursprünglich vorgesehen nat.
Evangelikale Christen bauchen wieder neu den Mut, Glauben nicht nur als Gefühl in einem Anbetungskonzert zu verstehen, sondern als konsequente und vertrauensvolle Beziehung zu Gott. Man muss Gott dann allerdings auch das Recht einräumen, mit Autorität ins eigene Leben hineinzusprechen. Gott ist aber schließlich auch derjenige, der den größeren Überblick hat, nicht wie ein Mensch mit seinem immer begrenzten Einschätzungsvermögen. Wenn Christen glaubhaft sein wollen, wenn sie Gottes Realität auch im Alltag erleben wollen, dann müssen sie sich von den ganz „normalen“ Vorstellungen des Zeitgeistes lösen und Gottes Maßstäbe akzeptieren, statt sie elegant wegzureden. Das ist dann eine echte Alternative, die vielleicht nicht kurzfristig jede Lust befriedigt, auf längere Frist hin aber erfüllend und erfolgreich sein wird. – Selbstverliebte Christen dürfen nicht erwarten, dass Gott sie auch noch in diesem eigensüchtigen Weg unterstützt. Am Ende werden sie halt leben wie Millionen anderer Zeitgenossen auch, durchschnittlich glücklich oder unglücklich, aber eben nicht mehr. Auch wenn es nicht populär wirkt, es lohnt sich, auch in ganz konkreten Fragen der Lebensführung nach Gottes Regeln zu fragen, statt immer nur das rechtfertigen zu wollen, wozu man gerade Lust hat.
„Und richtet euch nicht nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob es Gott gefallen würde und ob es zum Ziel führt!“ (Römer 12, 2) Michael Kotsch

Gebot oder Gnade?

Wie gehen wir als Gemeinde oder als Christen mit unserem Versagen um? Meine erste Empfehlung lautet: Wir brauchen das Gebot und die Gnade.
Etliche Gemeinden, die mit bewundernswerter Sorgfalt am biblischen Gebot festhalten, verschließen die Augen vor den Nöten und Kämpfen ihrer Mitglieder. Wenn etwa mit Gesten der Selbstverständlichkeit sexuelle Reinheit eingefordert wird, entsteht schnell der Eindruck, unter Christen gäbe es so etwas wie Versagen in diesem Bereich nicht. Da das Thema sowieso sehr schambesetzt ist, findet kaum jemand den Mut, die persönlichen Nöte ans Licht zu bringen. Das Brodeln unter der Oberfläche wird gar nicht wahrgenommen. Offiziell scheint alles in Ordnung zu sein. So kann sich eine pharisäische Gesinnung etablieren, ein doppelter Standard. Vordergründig ist alles geklärt, aber hinter dem Vorhang sieht das Leben anders aus. Das Sollen wird so stark betont, dass das Sein nur noch verzerrt wahrgenommen wird. Weiterlesen

50 Jahre „Prager Frühling“: Gottes Revolution in meinem Leben ( Ein Lebenszeugnis von Zdenek Karásek)

In der Nacht auf den 21. August 1968 waren rund 500 000 Soldaten aus den „sozialistischen Bruderländern“ in die Tschechoslowakei einmarschiert, um dem Traum von einem freiheitlichen, demokratischen Sozialismus mit Gewalt ein Ende zu machen. Zdenek ist von dort entkommen:
„Eine graugelbe Wolke verdunkelte den Prager Himmel. Ich schlug das Fenster im Studentenwohnheim zu und seufzte. Der Versuch, das Zimmer zu lüften, war vergeblich. Drinnen war’s stickig; draußen lag der ätzende Smog einer kommunistischen Gesellschaft, die mit Stolz einen Wald qualmender Schornsteine aufgestellt hatte. Es war eine stickige Atmosphäre, die damals in meiner Heimat, der Tschechoslowakei, herrschte. Zwischen diesem grauen Herbst 1974, in dem ich, Zdenek Karásek, mein Studium an der Technischen Universität Prag begann und dem bunten Frühjahr 1968, dem so genannten „Prager Frühling“, schienen Lichtjahre zu liegen. Die tiefe Sehnsucht nach einer freieren Gesellschaft, dem „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“, die 1968 aufblühte, wurde brutal zunichte gemacht. In jener Nacht vom 21. August 19681 fielen blitzschnell Scharen russischer Panzer in meine Heimat ein. Der Überfall war unerwartet, übermächtig und erbarmungslos. Der „große Bruder“ stellte die „Ordnung“ schnell wieder her und setzte die Diktatur des Kommunismus fort. Worte wie Freiheit, Demokratie, Menschenrechte und Fortschritt hatten ihren Sinn wieder völlig verloren. Weiterlesen

Das Evangelium zusammengefasst auf vier Fragen

  1. Glauben Sie, dass Gott existiert, dass er ein persönlicher Gott ist und dass Jesus Christus Gott ist – wobei wir festhalten, dass wir nicht von dem Wort oder Begriff ‚Gott‘ sprechen, sondern von dem unendlich-persönlichen Gott, der wirklich da ist?
  2. Erkennen Sie, dass Sie diesem Gott gegenüber schuldig sind – wobei wir nicht von Schuldgefühlen sprechen, sondern von wirklicher moralischer Schuld?
  3. Glauben Sie, dass Jesus Christus in Raum, Zeit und Geschichte am Kreuz gestorben ist und durch seinen Tod ein völlig ausreichendes Sühnewerk vollbracht und die Strafe Gottes für die Sünden auf sich genommen hat?
  4. Haben Sie sich aufgrund der Verheißung Gottes in der Bibel, seiner schriftlichen Mitteilung an uns, in diesem Christus als Ihrem persönlichen Heiland geborgen – ohne sich auf irgend etwas zu stützen, was Sie selbst je getan haben oder je tun werden?

    Francis Schaeffer – Gott ist keine Illusion. Seite 152

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Wo ist die Hölle geblieben?

„Die Hölle ist weg. Keiner hat es bemerkt“
Der Philosoph Bertrand Russell meinte in Why I Am Not a Christian (Warum ich kein Christ bin, 1927) selbstsicher, Jesus habe einen „schweren Charakterfehler“ gehabt. Russell glaubte, dass niemand, „der zutiefst menschenfreundlich ist, an eine ewigwährende Strafe [in der Hölle] glauben kann.“ Und Christus „glaubte ganz gewiss an eine ewige Strafe“. „Rachsüchtige Wut“ finde sich in den Evangelien, aber nicht bei Sokrates. Die ganze Lehre von der Hölle sei eine „grausame Lehre“, ja sie habe sogar „die Grausamkeit in die Welt gebracht“.
Der Psychiater Franz Buggle, ein weiterer Atheist, schrieb in Denn sie wissen nicht, was sie glauben (1992) zur Hölle, diese sei „eine Strafandrohung, deren unheilvolle, psychisch verheerende Wirkung in der Geschichte des Christentums auf unzählbare Menschen gar nicht übertrieben werden kann… Kann ein ethischer und religiöser Lehrer…, kann ein solcher Mann heute noch als Verkörperung des absolut Guten, der absoluten Liebe, als Gott verkündet werden?“ „Ewig dauernde Qualen“ sind für ihn neben der Kreuzeslehre der eigentlich „unheilbare Skandal“ des Neuen Testaments.
Die Kritik der säkularen Kultur ist also äußerst massiv. So massiv, dass führende Kirchenvertreter im Westen sich nicht mehr zur Hölle bekennen wollen. Im Jahr 2013 interviewte der deutsche „Spiegel“ (30/2013) die bekannteste evangelische Pastorin des Landes, die ehemalige Hannoversche Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende (2009–2010) Margot Käßmann: „Glauben Sie eigentlich noch an Himmel und Hölle?“ Sie glaube an die Auferstehung, aber „ob es eine ewige Verdammnis der Sünde und eine Hölle gibt, diese Frage überlasse ich lieber Gott.“ Die lutherische Theologin kritisiert diejenigen, die den „strafenden Donnergott“ zurückhaben wollen. „Es gibt die Hölle auf Erden…“ „Aber als Jenseitsort?“ fragt „Der Spiegel“ bohrend zurück. Antwort: „Ich glaube, dass der Mensch für seine Taten nach dem Tod Rechenschaft ablegen muss. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott Menschen Jahrhunderte in irgendeinem Feuer brennen lässt. Das sind für mich eher die Vorstellungen von Leuten, die ihren Feinden das Schlimmste wünschen.“ „Die Idee der ewigen Verdammnis hat auch etwas Tröstliches“, wenden die Journalisten ein. So würde schlimmen Verbrechern Gerechtigkeit widerfahren. Käßmann sieht hinter so einem Denken allerdings nur „Rachebilder“. Weiterlesen

Ist jeder Christ ein Theologe?

Wir sind wahrscheinlich damit vertraut, dass es im Raum unserer Gemeinden und Kirchen unterschiedliche Auffassungen über den Nutzen der Theologie gibt. Auf der einen Seite des Spektrums haben wir Leute, die überhaupt nicht wiedergeboren sind, aber Theologie studieren. Sie treten mit dem Anspruch auf, dass nur ein studierter Theologe das Recht habe, theologische Aussagen zu machen. Auf der anderen Seite des Spektrums gibt es Christen, die die Theologie für ein Werk des Teufels halten. Sie treten in der Regel sendungsbewusst auf und sind sich – so jedenfalls meine Erfahrung – sehr sicher, dass die Beschäftigung mit der Theologie in den allermeisten Fällen den persönlichen Glauben und die Lehre in der Gemeinde beschädige. Weiterlesen

Eine Geschichte von zwei Reichen

Es gibt keine bessere Zeit, uns an die Zwei-Reiche-Lehre zu erinnern, als in Wahlperioden, wenn Protestanten oft mehr durch ihre politische Meinung als durch ihren Glauben und ihre Praktiken getrennt werden.
In den Nachwehen der Plünderung Roms durch die Germanen im Jahr 410 schrieb der große Kirchenvater Augustinus, Bischof von Hippo, sein berühmtes Werk Vom Gottesstaat. Hieronymus, ein weiterer bekannter Kirchenvater, war in Verzweiflung zusammengebrochen: „Was wird aus der Kirche werden, jetzt wo Rom gefallen ist?“ Als Patriot fühlte Augustinus ohne Zweifel die gleiche Verletzung, aber als christlicher Pastor begrüßte er das Ereignis als eine Gelegenheit, die durch Gottes Vorsehung herbeigeführt wurde: Gott hatte das Missionsfeld zu den Missionaren gebracht. Die Frage war nur, ob noch viele „Missionare“ in einem Reich übriggeblieben waren, das den Glauben genau in dem Maße geschwächt hat, wie es ihn mit einer bürgerlichen Religion verschmolzen hat.
Egal ob wir vor einer gleichen Gefahr in unserer Zivilisation stehen, wir brauchen auf jeden Fall die Weisheit, mit der Augustinus dieser Krise begegnet ist. Wie alle großen Bücher wird sein Gottesstaat von verschiedenen Schulen ziemlich unterschiedlich interpretiert. Aber es ist unbestreitbar, dass das Buch dabei geholfen hat, das zu schaffen, was später als die Lehre von den zwei Reichen bekannt wurde. Weiterlesen