Der letzte Hort für Atheismus-Argumente scheint die Psychologie zu sein.

Der letzte Hort für Atheismus-Argumente scheint die Psychologie zu sein. Denn irgendwie haben die Leute den Eindruck, die Psychologie habe den lieben Gott als so eine Art kleinen Mann im Ohr entlarvt, den man bei Bedarf mit guter Psychologie wegmachen könne. Kronzeuge ist Sigmund Freud (1856-1939), der in seinen religionskritischen Schriften gute Argumente geliefert habe. Doch wer diese Schriften kennt, der weiß, dass sie bloß einige wolkige Spekulationen auf der Basis spärlicher und längst überholter paläontologischer Literatur enthalten. Gewiss sind aber auch C. G. Jung und Victor Frankl, die sich ausdrücklich gegen den Atheismus Sigmund Freuds wandten, mit ihrer bild- und wortreichen psychologischen Beschwörung des Religiösen intellektuell nicht wirklich anregend. Da sehnt man sich nach der bildlosen Nüchternheit Freuds zurück. Die Psychologie jedenfalls ist für die Frage, ob Gott existiert oder nicht, nicht ergiebig. Oder etwa doch?
Der Kirchenvater des Atheismus ist Ludwig Feuerbach (1804-1872). Auch auf diesen Philosophen des 19. Jahrhunderts beziehen sich die neuen atheistischen Fundamentalisten gerne. Freilich kennt man auch ihn zumeist nur vom Hörensagen. Man meint, Feuerbach habe irgendwie die Existenz Gottes argumentativ widerlegt. Doch das ist mitnichten der Fall. Ludwig Feuerbach setzt die Nichtexistenz Gottes einfach voraus und erklärt dann, warum es dennoch Religion gebe.
Das ist ein interessantes Projekt. Denn in der Tat, wenn es Gott nicht gibt, ist Religion ein höchst merkwürdiges Phänomen: Mit jemandem zu reden, der in Wirklichkeit gar nicht da ist, langwierige Ritusveranstaltungen und schweißtreibende Wallfahrten zu absolvieren, das alles ist dann so auffällig, dass es geradezu nach psychologischer Erklärung schreit. Und so liefert Feuerbach keine philosophischen Argumente, sondern eine psychologische Erklärung, warum Menschen religiös sein könnten, obwohl es Gott nicht gibt: die Projektionsthese. Menschen haben Wünsche und Sehnsüchte, die im Leben nicht in Erfüllung gehen, und so stellen sie sich einfach eine Wunscherfüllung im Himmel vor durch einen Wunscherfüller namens Gott. Doch dieses Argument ist kein Argument. Man kann sich Sahnetorte wünschen, man kann sich nach Sahnetorte sehnen. Das heißt selbstverständlich nicht, dass es Sahnetorte auch wirklich gibt, da hat Feuerbach recht. Aber es heißt – glücklicherweise – auch nicht, dass es Sahnetorte nicht gibt.
Das Ganze geht auch umgekehrt: Wenn wir einmal davon ausgehen, dass es Gott gibt, dann ist Atheismus ein merkwürdiges Phänomen. Man könnte psychiatrisch von schwerem Realitätsverlust sprechen, von tiefgreifender Beziehungsstörung, von depressivem Nihilismus. Und auch dafür kann man gute psychologische Gründe finden: mal „sturmfreie Bude“ haben, ohne jemanden, der unsere kleinen und großen Charakterlosigkeiten mitbekommt. Gott außen vor zu lassen, kann sich auch im Wirtschaftsleben auszahlen, wenn man skrupellos die eigenen Interessen durchsetzen will.
Gregor Gysi hat gesagt, er habe Angst vor einer gottlosen Gesellschaft, weil der die Solidarität abhanden komme. Und in einer „narzisstischen Gesellschaft“ ist für selbstverliebte Stars eine Stellenbeschreibung oberhalb ihrer selbst psychologisch gar nicht möglich. Der Modezar Karl Lagerfeld wurde gefragt, ob er an Gott glaube. Seine Antwort: „Es beginnt mit mir. Es endet mit mir. Basta!“ Es gibt also gute psychologische Gründe, Atheist zu sein, obwohl es Gott in Wirklichkeit gibt. Aber auch damit hat man die Existenz Gottes nicht bewiesen. Die Psychologie ist für einen Beweis oder eine Widerlegung Gottes untauglich.
Als ich mein Buch „Gott – eine kleine Geschichte des Größten“ schrieb, das die wesentlichen Argumente beider Seiten darstellen sollte, kannte ich Dawkins‘ „Gotteswahn“ noch nicht. Auch Dawkins konnte mein Buch nicht kennen. In seinem Buch wettert er vielmehr gegen Kreationisten und Fundamentalisten – und da hat er unbestreitbar recht. So lebt dieser neue Atheismus von einem argumentativ schwachen Gegner und bleibt leider bloß polemisch und geistig steril. Ernsthaften Diskussionen geht man aus dem Weg.
Die derzeit vorgebrachten atheistischen Argumente sind schwach, doch auch die Argumente für die Existenz Gottes sind nicht zwingend. Denn Gottesbeweise sind wie Liebesbeweise: Sie überwältigen nicht mit Gewalt, aber sie können ein Leben tragen.
Jürgen Habermas, der deutsche Philosoph, hat in seiner Paulskirchenrede 2001 gefordert, die Religion wieder in den öffentlichen Diskurs einzubeziehen. Zum Fundament des Menschenwürdebegriffs gehöre das jüdisch-christliche Verständnis der Gottebenbildlichkeit des Menschen. Dazu brauchen wir aber eine öffentliche Debatte über Gott. Keine Expertendebatte, die in unverständlichem Deutsch daherkommt. Über Gott muss man verständlich und klar reden, denn die Frage, ob Gott existiert oder nicht, ist entweder eine Frage für alle oder für keinen. http://www.chrismon.de/2446.php

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