1. Petrus 1,16 – 17 Denn es steht geschrieben (3.Mose 19,2): “Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“ V.17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;

Das Ziel der Gläubigen ist im Neuen Testament dasselbe, wie im Alten Testament, wenngleich der Weg dazu verschieden ist. Das Heiligwerden des Menschen geschieht durch ein Teilnehmen des Menschen an der Heiligkeit Gottes in Christo, Hebr.12, 10; 3 Mose 20,8
Gerade dem 1.Petrusbrief geht es um die Heiligkeit „in der ganzen Lebensführung“, also um die Ungeteiltheit, Ganzheit und Ausschließlichkeit dieses „heiligen“ Lebens, das sich nach 2,12 nicht in Isolation und Rückzug aus der Welt vollzieht, sondern in mitten der Heiden und der Welt in der Distanz zu ihren Kriterien und Standards bewährt sein will.
Denn es steht geschrieben“
Wir sahen schon in V. 10 f, daß die ersten Gemeinden das AT heilsgeschichtlich gelesen haben. So konnten die Aussagen, die zunächst das Volk des Alten Bundes betreffen, auf die ntstl. Gemeinde übertragen werden – der Alte Bund zielt auf den Neuen Bund und bekommt in ihm überhaupt erst seine Erfüllung.
(3.Mose 19,2): “Ihr sollt heilig sein, denn ich bin heilig.“
Unser Text findet sich wörtlich in 3 Mo 19, 2. Dort ist das Wort eine zusammenfassende Überschrift über vielerlei Gebote für das alltägliche Leben. Petrus braucht die vielen Einzelgebote nicht mehr aufzuzählen, denn die Befreiten des Herrn stehen ja nicht mehr unter dem Gesetz, sondern unter der Gnade (Rö 6, 14).
Als Gott Israel seine Gebote gab, damit sie „heilig“, das heißt abgesondert von den Heiden, leben sollten, verwies er eben auf sich selbst. So wie er soll sein Volk auch sein: „Heilig“, von anderer Qualität als die Völker, so wie Gott von völlig anderer Art ist, mit nichts und niemandem zu vergleichen oder zu messen. Und diese unvergleichliche Qualität wird im täglichen Leben gelebt.
Christen bekommen durch den Geist, der in ihnen wohnt, die Kraft zu einem geheiligten Leben. Die Heiligen des AT hatten diese Hilfe und Segnung noch nicht. Doch weil wir mehr Vorrechte genießen, tragen wir auch eine höhere Verantwortung. Der Vers, den Petrus aus 3. Mose zitiert, erhält im NT eine ganz neue Dimension der Bedeutung. Es geht hier um den Unterschied zwischen dem Äußeren und dem Inneren. Heiligkeit war im AT Gottes Ideal. In diesem Leben werden wir niemals so heilig sein wie Er ist, aber wir sollten heilig sein weil Er heilig ist.
Der Ruf zur Heiligung des Alltags steht in diesem Abschnitt sinngemäß zwischen dem zum Hoffen auf die Gnade V.13 und dem zur Furcht vor dem Richter V17; denn die Heiligkeit umfasst beides.

V.17 Und da ihr den als Vater anruft, der ohne Ansehen der Person einen jeden richtet nach seinem Werk, so führt euer Leben, solange ihr hier in der Fremde weilt, in Gottesfurcht;
Petrus sagt, dass wir uns dabei von „Gottesfurcht“ leiten lassen sollen. Heutzutage redet kaum noch jemand von Gottesfurcht, und wenn das ausnahmsweise doch einmal geschieht, denkt mancher dabei automatisch an einen Weltuntergangspropheten, der drohend mit der Faust auf die Kanzel schlägt. Das Wort „Ehrfurcht“ bringt uns näher an das, was Petrus hier meint. Bei den Olympischen Sommerspielen 1988 in Seoul gewann der Kanadier Ben Johnson den Hundertmeterlauf und stellte damit zugleich einen neuen olympischen Rekord und einen neuen Weltrekord auf. Der Amerikaner Carl Lewis wurde sehr zur Enttäuschung seiner Fans nur Zweiter. Nach dem Lauf erfuhren die Juroren, dass Johnson gedopt war. Er hatte gegen die Regeln verstoßen und hätte gar nicht erst zu dem Lauf antreten dürfen. Deshalb wurde ihm die Medaille wieder abgenommen. Obwohl er der Schnellste gewesen war und einen unvergesslichen Eindruck gemacht hatte, bekam er keine Belohnung. Die Welt und sogar unsere Mitchristen mögen sich vielleicht von unseren Leistungen beeindrucken lassen, aber vergessen wir nicht, dass Gott das entscheidende Urteil zusteht! Er prüft unsere Herzen. Er allein kennt unsere Motive. Und er ist derjenige, der urteilt: „Das hier hast du gut gemacht. Dies dagegen nicht.“ Deshalb handeln wir mit Gottesfurcht. Deshalb lassen wir uns von Ehrfurcht leiten. Denn wir wissen, dass Gott uns einem Doping-Test unterziehen wird. Er weiß, ob wir uns insgeheim von dem kosmos-Denken haben abwerben lassen, ob wir darin Aktien haben. Er weiß, ob unsere guten Taten auf Stolz und Selbstbeweihräucherung beruhen oder auf der Kraft des Heiligen Geistes.
“Und da ihr den als Vater anruft“
Eines der Kennzeichen des Christentums ist, dass Gott als Vater angerufen wird. Damit ist nicht gemeint, daß Aussprechen des Vaternamens mit den Lippen, sondern mit dem Herzen, das Bewusstsein, dass wir als Seine Kinder zu Ihm kommen dürfen und dass Er uns als Vater liebt. Das ist nicht die allgemeine Vaterschaft Gottes über alle Menschen als Seine Geschöpfe, denen Er den Odem des Lebens eingeblasen hat. (Lk 3, 38; 1.Mo 2, 7; Eph 4,6) Diese Vaterschaft finden wir in Apg 17,28.29. Hier bei Petrus, und bis auf Eph 4,6 in allen anderen Stellen in den Briefen ist, wenn Gott „Vater“ genannt wird, das besondere Verhältnis gemeint, in dem Gott zu denen steht, die aufgrund des Werkes des Herrn Jesus für sie und des Werkes des Heiligen Geistes in ihnen Seine Kinder geworden sind. Jesus hatte seine Jünger gelehrt, Gott als „Vater“ anzurufen (Mt 6, 9). So nahe also sind sie dem heiligen Gott gekommen, daß sie ihm gegenüber dieselbe Anrede – Abba – gebrauchen dürfen wie der Sohn.
der ohne Ansehen der Person einen“
Der Ausdruck „ohne Ansehen der Person“ ist die Übersetzung eines einzigen griechischen Wortes, das nur hier im NT vorkommt und wörtlich bedeutet: „jemandes Angesicht nicht annehmen“. Wahrscheinlich ist es aus dem Hebräischen des AT übernommen worden. Verwandte Worte werden in Apg 10,34, Röm 2,11, Jak 2,1 gebraucht. Ebenso im AT (Ps 89, 27; Mal 1, 6; Jer 3, 19, Ps 62, 13; Spr 24, 12 – besonders deutlich in der LXX).
jeden richtet nach seinem Werk,
Doch das Bewußtsein, Gott zum Vater zu haben, darf nicht zu falscher Sicherheit und zu Selbstbetrug verführen, wie die Juden sich trösteten: Wir haben Gott zum Vater (Mt 3,9).
Das Wort „richtet“ steht im Präsens (Gegenwart). Hier wird also nicht über ein zukünftiges Gericht gesprochen, sondern über ein Gericht in der gegenwärtigen Zeit. Gewiss wird Gott einmal alles richten. Aber Er wird es dann durch Seinen Sohn tun. Der Vater richtet niemand, sondern hat das ganze Gericht dem Sohn übergeben (Joh 5,22; 2.Tim 4,1). Daher ist das hier angesprochene Richten eine väterliche Angelegenheit, das Richten von Söhnen. Den Richter des Universums als „Vater“ anzureden, könnte als solches ein riesiger Vorteil sein, da dieser Richter zwar Vertraute hat, jedoch keine Bevorzugte. Sein Urteil ist stets unparteiisch den Gläubigen in der Zerstreuung gegenüber
“solange ihr hier in der Fremde weilt“
Für „solange“ Steht hier chronos, (Zeit) denn es ist die ablaufende, vergehende Zeit. Wer sich klarmacht, daß er Fremdling ist, achtet mit Vorsicht darauf, daß er durch alle Gefahren der Fremde hindurch die Heimat erreicht Das griechische Wort für Fremdlinge bedeutet zunächst „Wohnen bei oder neben anderen“; daraus hat sich dann der Gedanke des Wohnens als Fremdling ohne Bürger oder Wohnrecht entwickelt.
“in Gottesfurcht“
Gemeint ist damit „Ehrfurcht“ im eigentlichen Sinn des Wortes, eine Haltung also, die Gott als Vater und Richter ehrt und fürchtet. Ohne Zweifel ist zwischen der knechtischen und kindlichen Furcht ein großer Unterschied! Wahr ist, daß es ohne Furcht vor der Sünde keine wahrhafte Sicherheit gibt, ohne diese Furcht ist es nur die falsche Sicherheit und Sorglosigkeit eines ungeheiligten Geistes und nicht die Sicherheit des Glaubens. Niemand wird sich dem Zufall eines Sturzes aussetzen wollen, der ihm ein Glied kosten könnte, auch wenn sein Leben nicht Gefahr liefe und er von seinen Wunden völlig geheilt werden sollte; er wird aus Furcht vor den Schmerzen mit großer Vorsicht den gefährlichen Weg gehen und sich ängstlich vor dem Falle hüten.

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