Der Tod ist nicht der mächtigste Herrscher, sondern die Hoffnung, die über den Tod hinausgeht.

Eine psychologische Analyse: Freiheit
Der Glaube an Jesus Christus befreit in vielerlei Hinsicht. Besonders wichtig ist, dass er uns von unserer Schuld befreit. Im folgenden Artikel sei aber noch ein weiterer Aspekt der Freiheit erwähnt.
Ohne Zweifel leben wir in einer Gesellschaft, in der die individuellen Wahlmöglichkeiten über die Jahrhunderte angestiegen sind. Beispielsweise kann man zwischen verschiedenen Automarken, Nahrungsmitteln, Fernsehkanälen und Urlaubszielen wählen. Mehr als früher kann man frei wählen, in welcher Stadt man lebt, welchen Beruf man ergreift und welche Partei man unterstützt. Doch die Freiheiten sind relativ klein im Angesicht der Bindungen und Zwänge, denen der Mensch nach wie vor unterliegt.
Bis zu einem gewissen Grad ist man frei, aber jeder dient gewissen Herrschern. Herrschern im Sinne von Rahmenbedingungen, Prinzipien oder Personen, die unseren Handlungs- und Denkspielraum vorgeben. Der eine wird beherrscht von seiner Arbeit. Der andere wird beherrscht von seinem Partner. Der nächste wird beherrscht vom Streben nach Glück oder Reichtum. Wieder andere werden beherrscht von ihrer Eigensucht. Die Gravitationskraft beherrscht uns in dem Sinne, dass sie uns unablässig Richtung Erdmittelpunkt zieht. Sie schränkt damit die Freiheit ein, hoch zu springen. Dabei ist „beherrscht werden“ nicht unbedingt etwas Negatives. Es gibt Menschen, die sind glücklich, wenn ihr Leben von Gedanken an Arbeit oder an einen anderen Menschen beherrscht wird. Ohne die Gravitationskraft wäre menschliches Leben nicht möglich. Manche kämpfen – beispielsweise durch ein Face-Lifting – gegen das mächtige Urteil des Herrschers Gravitationskraft, der befiehlt: „Deine Wangen und Gesichtsfalten werden nach unten gezogen, und zwar ohne Barmherzigkeit und Diskussion.“ Ob positiv oder negativ, diese Herrscher sind Teil unserer Existenz. Jeder dient solchen Herrschern, keiner ist völlig frei. Jeder folgt den Anweisungen seiner Herrscher und tut, was sie verlangen.
Oft stehen unsere Herrscher miteinander in Konkurrenz und befehlen unterschiedliche Handlungen. Der Bauch befiehlt: „Iss die Schokolade!“ Die Eitelkeit befiehlt: „Iss sie nicht, sondern achte auf deine Figur!“ Die Vernunft befiehlt: „Iss ein wenig, denn Schokolade in kontrollierten Mengen ist gesund!“ Die Herrscher geben nicht nur Anweisungen, sondern sie versorgen und bestrafen ihre Untergebenen auch. Beim Beispiel der Schokolade versorgt einen der Bauch mit zufriedener Sattheit und straft mit Übergewicht. Die Eitelkeit versorgt einen mit Schönheit und straft mit Entbehrung. Die Vernunft versorgt einen mit Gesundheit und straft mit Leidenschaftslosigkeit.
Die Vernunft ist ein sehr mächtiger Herrscher. Auch wenn sie beispielsweise bei Trauer, Liebe und den zahlreichen Paradoxa des Lebens nicht weiterhilft, ist es gut, ihren Anweisungen Folge zu leisten. Doch ein weit mächtigerer Herrscher ist Leid. Zwar kann man die Vernunft lange hochhalten, doch wenn das Leid nur stark genug ist, dann interessieren Vernunftschlüsse nicht mehr. Es interessiert nur noch: Wie komme ich aus dem Leid heraus? Dieser Gedanke gibt dann das Handeln vor. Im Leid akzeptieren die Menschen die unvernünftigsten Trost- und Heilmittel. Im Leid akzeptieren Menschen Ungerechtigkeit und Inkonsequenz zu ihren Gunsten. Im Leid des Hungers nehmen sich Menschen Nahrung, die ihnen nicht gehört. Im Leid der Sehnsucht akzeptieren Menschen Drogen als Trost. Im Leid der Einsamkeit akzeptieren Menschen unpassende Liebespartner. Im Leid der Minderwertigkeitsgefühle kaufen sich Menschen unpraktische überteuerte Autos, um ihr Ansehen zu erhöhen. Im Leid der Sucht werden Menschen kriminell. Im Leid der Langeweile ist die unvernünftigste Zerstreuung willkommen. Wenn Leid Befehle gibt, dann kuscht die Vernunft und schweigt. Die Vernunft hat keine Chance, wenn es zu einem ernsthaften Kräftemessen kommt. Das Leid gibt das Thema vor. Es beherrscht das Leben des Leidenden und gibt die Befehle. Die stärkste Form des Leides ist der Tod. Der Tod gibt eine Anweisung (z.B. „Lebe schnell und hetze!“), der Mensch gehorcht. Alles Wissen, alle Weisheit und Lebensklugheit lässt einen im Angesicht des Todes ratlos zurück. Die Philosophen wollten das Sterben lernen, doch ihre Vernunft war zu schwach und sie haben den Kampf verloren. Doch es gibt einen noch mächtigeren Herrscher als Leid und Tod. Dieser Herrscher heißt Hoffnung. Wer Hoffnung hat, der ist vom Zwang befreit, dem Leid gehorchen zu müssen. Im Leid vergisst man die Vernunft. In Hoffnung vergisst man das Leid. Hoffnung wird oftmals gar nicht wahrgenommen, obwohl sie Leben und Empfinden maßgeblich ausmacht. Es ist unmöglich, ohne Hoffnung zu leben. Hoffnung ist das, was man sich von seiner Zukunft erwartet. Je nachdem, was man von seiner Zukunft erwartet, ist man in der Gegenwart fröhlich oder bedrückt. Es gibt prinzipiell zwei Möglichkeiten, den Moment zu genießen und sich an ihm zu freuen:
1) Man denkt nur an den jetzigen Moment und verweigert das Denken an die Zukunft. Den wenigsten Menschen ist das in Reinform möglich. Wer es jedoch schafft, der ist sorglos, aber unvernünftig. Sorglos, weil die Zukunft ihn nicht bedroht, denn er denkt einfach nicht an sie. Unvernünftig, weil die Zukunft ihn in der Realität sehr wohl bedroht. Jugendliche können das Leben froh und dynamisch angehen, weil sie sich nicht vor Augen halten, dass alle jugendliche Schönheit verwelken wird. Dass sie alles Erarbeitete schließlich wieder abgeben müssen. Dass sie letztlich nichts mitnehmen können. Der sorgenbeladene Mensch ist froh über jede Beschäftigung, die seine Gedanken auf den gegenwärtigen Moment lenkt, so dass er den sorgenvoll quälenden Gedanken an Morgen entkommen kann.
2) Die zweite Möglichkeit, den Moment zu genießen, ist, wenn man in naher oder ferner Zukunft etwas Schönes erwartet. Mit anderen Worten: Wenn man Hoffnung hat. Andererseits wird der Moment zur Qual, wenn man beim gedanklichen Durchstreifen seiner Zukunft nichts Schönes findet. Mit anderen Worten: Wenn man hoffnungslos ist. Hoffnung meint dasselbe wie Erwartung, wie Vorfreude, wie Optimismus. Hoffnungslosigkeit meint dasselbe wie Sorge, wie Erwartungslosigkeit, wie Pessimismus. Wer Hoffnung hat, der ist der Herrscher über das Leid. Denn Leid kann man akzeptieren und dadurch überwinden. Hoffnungslosigkeit kann man nicht akzeptieren. Hoffnungslosigkeit ist der Gedanke, dass das Leid nie aufhören wird. Das ist der schlimmste denkbare Gedanke. Jeder, der noch irgendwie im Leben steht, hat auch noch ein Stück Hoffnung, ob bewusst oder unbewusst. Es kann Hoffnung auf Freundschaft, Familie, Erlebnisse, Ruhe, Zufriedenheit, Geld, Wohlstand, Reisen, Partys, künstlerische Selbstverwirklichung, Bewunderung, Ehre, Sex oder Liebe sein. Falls all diese Hoffnungen enttäuscht haben, dann bleibt immer noch die diffuse Hoffnung, „dass da im Leben noch irgendwas kommt“. Auf was genau man hofft und wie existentiell wichtig Hoffnung ist, wird einem oft erst bewusst, wenn man erkennt, dass keine Aussicht auf Erfüllung der Hoffnung mehr besteht. Dann beginnt eine unzähmbare Suche nach einer neuen Hoffnung. Denn ohne Hoffnung kann niemand leben.
Wenn man also Hoffnung hat, dann kann man den Moment, unbelastet von Sorgen und Unvernunft, genießen. Sorglos, weil man davon ausgeht, dass die Zukunft letztlich Gutes bringen wird. Unbeeinträchtigt von Unvernunft, weil man Gedanken an die Zukunft nicht verdrängen muss. Die Zukunft bringt nur dann letztlich Gutes, wenn der Tod besiegt wird. Der Tod ist nicht der mächtigste Herrscher, sondern die Hoffnung, die über den Tod hinausgeht. Die Hoffnung auf ewiges Leben. Sie befreit davon, den Anweisungen des Todes gehorchen zu müssen. Diese Hoffnung ist in Jesus Christus, der den Tod bei seiner Auferstehung besiegt hat und diesen Sieg jedem anbietet, der an ihn glaubt.
Es ist bemerkenswert, wie man in der Bibel mit Personen wie Paulus konfrontiert ist. Sein Handeln legt nahe, dass ihn die Anweisungen des Todes nicht mehr interessieren. Als er von Jesus Auferstehung in verschiedenen Städten erzählt, wird er teilweise geschlagen, gesteinigt und halbtot aus der Stadt geschleift[51]. Trotzdem geht er weiter und hält die Botschaft von Jesus unbeirrt hoch. Die Begebenheiten lesen sich, als habe der Tod, dieser Herrscher, der die größten Denker bezwungen hat, keine Macht über Paulus. In einem Brief schreibt er: „Der Tod wurde vom Sieg verschlungen. Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“[52] Wie kann ein Mensch zu so einer Aussage kommen? Er sagt es nicht ängstlich, als ob er sich den Sieg über den Tod nur wünschen würde. Er sagt es nicht zynisch spottend, was die Hilflosigkeit nur noch verdeutlichen würde. Stattdessen sagt er es froh. Er jubelt, weil er glaubt, dass Gott, der Jesus von den Toten auferweckt hat, auch ihn auferwecken wird.
Gott vertröstet nicht nur auf das Leben nach dem Tod, sondern durch die Erwartung des Himmels wertet er das Diesseits auf. Diese Erwartung ist daran gekoppelt, ob die Kreuzigung und Auferstehung von Jesus als tatsächliche Begebenheit in Raum und Zeit passiert ist. Durch die Auferstehung sagt Gott: „Ich werde dich nach dem Tod wieder aufwecken.“ Durch die Kreuzigung sagt Gott: „Und ich werde dich nicht bestrafen.“ Durch die zugesicherte Hoffnung auf das ewige Leben verhilft Gott uns zu mehr Liebe und weniger Egoismus, anstatt nur mehr Liebe und weniger Egoismus zu fordern. Philosophen, Humanisten, Agnostiker und Atheisten können nur appellieren: „Liebt mehr. Seid weniger egoistisch.“ Doch niemand kann die Kraftlosigkeit solcher in der Luft hängenden Appelle angesichts der Realität unserer Welt leugnen. Egoismus ist ein zu mächtiger Herrscher, als dass er sich von Appellen bezwingen ließe. Der Christ dagegen wird vom Egoismus befreit, indem er u.a. von Gott das höchste und schönste Ziel, nämlich die Ewigkeit im Himmel, schon bekommen hat. Der Glaube an Jesus schafft also andere Rahmenbedingungen, die faktisch für mehr Liebe sorgen, anstatt nur zu mehr Liebe auffordern.
Daniel

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