ὁ λόγος

ὁ λόγος
Das griechische Wort λόγος kann viel bedeuten: Sprechen, Wort, Rede, Berechnen, Beweggrund, Abrechnung, Vernunft usw. Doch was bedeutet ὁ λόγος im Prolog des Johannesevangeliums?
Dort wird ὁ λόγος meist mit das Wort übersetzt. Ein tragischer Fehler, meinte einst ein Altphilologe, der mich (und andere) in die literaturwissenschaftliche Methodik einführen wollte. Es sei ein Irrtum des Mittelalters, ὁ λόγος mit verbum übersetzt zu haben – und mit dieser Überzeugung ist er nicht allein. Schon der berühmte Goethe wies in Faust 1 auf vermeintliche Übersetzungsprobleme hin und kam zu dem Schluss:
Geschrieben steht: “Im Anfang war das Wort!”
Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?
Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,
Ich muss es anders übersetzen,
Wenn ich vom Geiste recht erleuchtet bin.
Geschrieben steht: Im Anfang war der Sinn.
Bedenke wohl die erste Zeile,
Dass deine Feder sich nicht übereile!
Ist es der Sinn, der alles wirkt und schafft?
Es sollte stehn: Im Anfang war die Kraft!
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich was, dass ich dabei nicht bleibe.
Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat
Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!
Was nun tun? Wer wollte solch geistlich erleuchtetem Umgang mit dem Wort widersprechen? Da ich der Überzeugung bin, dass der Geist nicht neben, sondern im Wort redet, will ich es wagen: Der Bezug der ersten Verse von Johannes 1 ist eindeutig. Johannes bezieht sich nicht auf eine Zeit vor dem Anfang, sondern auf den Anfang der Zeit – auf den Schöpfungsakt Gottes. Bei diesem Schöpfungsakt war der λόγος in unmittelbarer Gemeinschaft mit Gott und Gott gleich (Joh 1,1.2). Im Schöpfungsakt tritt der λόγος als das schaffende Reden Gottes in Erscheinung (vgl. dazu u. a. 1Mose 1,3.6.9.11 usw. und Joh 1,3). Der Apostel Paulus kommentiert dies folgendermaßen (Kol 1,16): … es ist alles durch ihn und zu ihm geschaffen. Und im Hebräerbrief lesen wir, dass die Welt durch Gottes Wort geschaffen ist, sodass alles, was man sieht, aus nichts geworden ist (Hebr 11,3).
Dieses Reden oder Wort Gottes ist Jesus Christus (vgl. Joh 1,10), wie in dem Zitat Kol 1,16 schon angedeutet wurde. Was heißt das nun? Das bedeutet, dass Gott sich selbst durch sein Reden, durch sein Wort offenbart. Dieses Reden Gottes ist aber nicht Geschwätz, sondern Leben, Freiheit, Liebe und Gerechtigkeit. Und da Gott kein Philosoph ist, offenbart er sich nicht in einem System von Worten, in einer endlosen Rede oder Diskussion, sondern zeigt sich selbst in dem einen Wort, Jesus Christus. Die Barmer Erklärung führt das sehr treffend aus: Jesus Christus, wie er uns in der Heiligen Schrift bezeugt wird, ist das eine Wort Gottes, das wir zu hören, dem wir im Leben und im Sterben zu vertrauen und zu gehorchen haben. Wir verwerfen die falsche Lehre, als könne und müsse die Kirche als Quelle ihrer Verkündigung außer und neben diesem einen Worte Gottes auch noch andere Ereignisse und Mächte, Gestalten und Wahrheiten als Gottes Offenbarung anerkennen.
Also bleibt uns das Wort, durch das Gott alles geschaffen hat und durch das Gott uns neues Leben schenkt: Jesus Christus:
Behauptet wird: Am Anfang war die Tat!
Kann’s nicht glauben. Wer weiß Rat?
Ich kann die Tat unmöglich so wichtig nehmen!
Muss man ihrer sich doch zu oft schämen.
Wenn ich vom Geist recht erleuchtet bin,
Dann macht nur das Geschriebene Sinn!
Bedenke wohl die zweite Zeile,
Dass Deine Rede sich nicht übereile!
Ist es das Geschriebenen, das Neues schafft?
Sollte es nicht heißen: Der Worte Bedeutung habe Kraft?
Doch, auch indem ich dieses niederschreibe,
Schon warnt mich ein Vers, dass ich nicht dabei bleibe.
Mir hilft der Geist des Buchs und zeigt mir immer fort:
Es muss heißen: Am Anfang war das Wort!
Johannes http://www.nachfolgeblog.de/?p=2435#more-2435

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