Johannes 1,17 Denn das Gesetzt ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.

Johannes 1,17 Denn das Gesetzt ist durch Mose gegeben; die Gnade und Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden. Teil 18
V.17 schließt mit „denn“ deutlich anV.16 („Denn“) an. Dann drückt er aus, was implizit bereits in V.12f. und besonders in V.14 enthalten ist.
Dieses Leben des steten Empfangens von Gnade über Gnade ist der vollendete Gegensatz gegen ein Leben unter dem Gesetz. Unter dem Gesetz würde es heißen: „Aus unserer Fülle haben wir alle hervor gebracht Werk über Werk.“ Unter dem „Gesetz“ kam es nicht zur „Wahrheit“, sondern zur „Heuchelei“, zum Scheinleben einer unechten Frömmigkeit. Das hatte Jesus selber mit tiefen Ernst gezeigt (Mt. 6, 1-18) Wahre Wirklichkeit eines Lebens mit Gott gibt es erst da, wo die Gnade waltet und wo die aufgenommene Gnade tatsächliche Gotteskindschaft wirkt. Das Gesetz führt zum krampfhaften Schein oder zur Verzweiflung.
Schon vorher hatte Gott eine große Gabe gegeben, sein Gesetz, seinen heiligen Willen. Keinem anderen Volk wurde ein solches Privileg zuteil. Aber das war nur die vorbereitende Offenbarung. Jetzt erst in Jesus Christus hat Gott sich selbst wirklich geoffenbart in der Fülle seiner unwandelbaren Barmherzigkeit.
Johannes bekämpft nicht das „Gesetz“ als Heilsweg; er spricht unbeschwert vom „Gebote – Halten“, „vom neuen Gebot“ Joh.13, 34; 1Joh.2,7f).  
Eine Schrift über Jesus, von einem Israeliten geschrieben, wollte und mußte mit jüdischen Lesern rechnen. Sofort die ersten Worte dieser Schrift sprachen darum besonders in jüdische, vom Alten Testament lebende Herzen hinein: „Im Anfang war das Wort“ Diese Leser aber fragten naturgemäß: „Und was ist mit Mose? Was ist mit dem Gesetz Es wird voll anerkannt‚ „Das Gesetz wurde durch Mose gegeben.“ An der Offenbarungsgeschichte wird nichts abgestrichen. Dabei hört ein Israelit der Johannes ja war! – hier anders als wir. Denn “Christus“ heißt “Messias“. Wenn Christus bei uns nicht so fest eingebürgert wäre, müsste man immer übersetzen: „Jesus Messias“.
Hier haben wir eine Gegenüberstellung von Mose und Jesus: Von Mose werden hier große Dinge ausgesagt, wie Jesus überhaupt Mose geschätzt hat (vgl. Mt 8,4; Mt 17,3; Mt 23,2; Lk 16,29; Lk 24,27; Joh 3,14; Joh 5,45ff.; Joh 7,19): „Gott hat durch (die Vermittlung des) Mose das Gesetz gegeben“. Das Passiv (Leideform) wird hier – wie oft im Judentum – gebraucht, um aus heiliger Ehrfurcht das Wort “Gott“ zu vermeiden. Das belässt Johannes also, dass Mose im Auftrage Gottes das Gesetz überbracht hat. Moses nennt er nicht nur als Gesetzgeber (7,19+22f), sondern auch als Schriftautorität (1,45;5,45-47;vgl. 9,29). Als solche ist Moses ähnlich wie Johannes der Täufer ein Zeuge für Jesus (5,45ff); ferner spielt der Führer auf dem Wüstenzug eine gewisse typologische Rolle (vgl. 3,14;6,32). So besteht für Joh. zwischen Moses, der (im Auftrag Gottes!) das Gesetz gab, und Jesus Christus, der Gnade und Wahrheit brachte, kein absoluter Gegensatz.
Heutzutage hat man sich angewöhnt, im Gesetz etwas Negatives zu sehen. Das ist ein völliges Missverständnis. Israel kann ein Fest der Gesetzesfreude feiern (vgl. Ps 119). Dass Gott Weisung gab – der viel bessere Ausdruck für Gesetz! -, wurde als unvergleichliche Hilfe und Gnade empfunden: „Wenn dein Gesetz nicht mein Trost gewesen wäre, so wäre ich vergangen in meinem Elend“ (Ps 119,92). Auch Paulus nennt das Gesetz „heilig, recht und gut“ (Röm 7,12). Nur eins konnte daß Gesetz nicht, und zwar aufgrund der Macht der Sünde: uns vor Gott gerecht machen. Das konnte nur die Versöhnung am Kreuz. Wenn also Johannes Jesus dem Mose gegenüberstellt, verfährt er ähnlich wie der Hebräerbrief (Hebr 3,1ff.). Vielleicht erinnert er uns auf diese Weise auch daran, dass nach 5. Mose 18,15 ein „zweiter Mose“ kommen sollte: eben der Messias. Inwiefern ist Jesus größer? Erstens bringt er „die Gnade“, d. h. die Rettung aus dem jüngsten Gericht, die wir als „rettende Barmherzigkeit“ bezeichneten. Das war dem Gesetz unmöglich (vgl. Mt. 20,28; Röm. 3,20ff.; Röm. 5,20ff.; Röm. 8,3; Gal. 2,16ff.; Gal. 3,11). Zweitens bringt er die »Wahrheit«, d. h. die Offenbarung des vollen Gotteswillens, die Mose um der Herzen Härtigkeit willen ermäßigen musste und die von den Schriftgelehrten Israels immer noch weiter ermäßigt und verkleinert wurde (vgl. Mt 5,20; Mt 19,7ff.). Drittens heißt es bei Jesus nicht „gegeben“, sondern „geworden“. Mose hat als treuer Botschafter nur etwas von einem anderen (nämlich Gott) überbracht. Jesus aber verkörpert die Gnade und Wahrheit selbst in Person.
Die Gnade aber läßt Wahrheit „werden“ Diese Formulierung von einer „gewordenen Wahrheit“ zeigt, daß es nicht um die theoretischen „ewigen Wahrheiten“ der Philosophie geht, sondern um einen Lebenszustand, der in der Tat allein „durch Jesus Christus wird“. Was alles „Gesetz“ vergeblich fordert und aller „Idealismus“ nur als schönen Traum vor uns hinstellt, das wird lebendige Wirklichkeit, wenn ein Menschenleben von Jesu Christus ergriffen ist. Das Annehmen von Gnade und Wahrheit ist dem bloßen Gesetzesgehorsam überlegen.
An dieser Stelle des Prologs lässt der Apostel zum erstenmal den so lange erwarteten Namen Jesus Christus vernehmen. Er steigt stufenweise herab vom Göttlichen zum Menschlichen: der Logos (V1), der eingeborenen Sohn (V14), endlich Jesus Christus, in dem die himmlische Welt für uns völlig Leben und Wirklichkeit gewinnt.
Die Herrlichkeit der Kirche heute aber besteht darin, daß sie die Offenbarung von Gottes Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus besitzt (vgl. V. 14).
Dieser Vers soll schlussendlich die Größe der bisherigen Gesetzesordnung durch die Gnadenwirklichkeit Jesu Christi herausstellen. Wenn das Gesetz von Moses „gegeben“ wurde (die alte hebräische Formel), die Gnade und Wahrheit durch Jesus Christus aber „kam“, so wird dadurch das eschatologische Heilsereignis hervorgehoben. Mit Jesus hat der vom AT angekündigte Neue Bund begonnen (vgl. Röm. 6,14; Röm. 10,4).
Verwendete Literatur
Das Evangelium des Johannes 1.Teil erklärt von Werner de Boor
Frédéric Godet Das Evangelium des Johannes
Brockhaus Kommentar zur Bibel
Das Johannesevangelium Teil 1 Rudolf Schnackenburg Vierte Auflage 1979
Multimedia Bibel
Lutherbibel 1984

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