Johannes 1,16 Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Teil 17

Entgegen der Meinung mancher Kirchenväter gehört der Vers nicht mehr zur rede des Täufers. Dem Inhalt nach können hier aber nur die Jünger Jesu sprechen. Der Vers schildert das Ausströmen des Gnadenreichtums des Logos (V14e) auf die Gläubigen. Man wird an die einfache Redeweise des AT erinnert: „Fülle deiner Gnade Ps.5, 8; 69,14; Fülle seiner Gnaden“ Ps. 106,45 Fülle deiner Erbarmung Ps. 51,3 Ps.69, 17.
Das Wort „Fülle“ griech. Pleroma, welches eigentlich das bezeichnet, was zur Ausfüllung eines leeren Raumes dient, bezieht sich auf die unerschöpfliche Fülle von Gnade und Wahrheit, womit die Person des Logos angefüllt ist und wovon sie überfließt. Diese Ausdruck Pleroma wird hier in der einfachsten und natürlichsten Weiße gebraucht, in demselben Sinn wie Röm. 15,29.
Fülle griech. „pleroma“ ist wieder ein bestimmter Begriff, den die Gnosis gern gebrauchte. Aber was immer gnostische Denker über das „Pleroma“ denken und phantasieren mochten, Johannes hatte in Jesus die echte und eigentliche Fülle gefunden. Hier war die „Fülle nicht Begriff und nicht Gedanken, hier war sie fort und fort als Wirklichkeit zu erfahren.
Es erscheint dasselbe „wir“ wie das in V. 14 sprach. Das sind sämtliche treugebliebenen Jünger, einschließlich Johannes.
Der Ausdruck “Gnade um Gnade“ ist vielleicht nicht ganz leicht verständlich. Die griechische Präposition anti kommt auch vor in den Wendungen “Auge um Auge“ und “Zahn um Zahn“ (Mt.5+38); “Böses mit Bösem“ (Röm.12,17;1.Thess.5,15; 1.Petr.3,9); ‘Scheltwort mit Scheltwort“ (1.Petr.3.9). Die Präposition bedeutet “gegen“ oder “anstatt“ Mit anderen Worten werden ein Auge ein Zahn, ein Böses, ein Scheltwort ersetzt durch ein Auge, einen Zahn, ein Böses, ein Scheltwort. Demnach bedeutet “Gnade um Gnade“. daß eine alte Gnade durch eine neue ersetzt wird. Unter der Herrschaft des Gesetzes muß jede Gnade neue Gnade um den Preis eines neuen Werkes erkauft werden. Im Haushalt der Gnade, den der Glaube an das fleischgewordene Wort eröffnet, ist   die schon empfangene Gabe, den der Glaube die einzige Bedingung, um eine neue zu erlangen; „Wer da hat dem wird gegeben.“
Das Zeitwort wir haben genommen steht ohne nähere Bestimmung. Es handelt sich also vorerst nicht um diese oder jene empfangene Gabe, sondern nur um die Tätigkeit des Nehmens. In den folgenden Worten gibt Johannes genauer an, was sie genommen hat. Zuerst die Gnade, das erste Kennzeichen, woran sie in Jesu den göttlichen Logos erkannt hat; sodann die Wahrheit; dieses ist das zweite Zeichen, das in V.17 besonders hervorgehoben wird. Außerdem ist das Wort für „genommen“ dasselbe wie in Vers 12: „Wie viele ihn aber aufnahmen…“. Das “Nehmen“ der Gnade entspricht also völlig dem “Aufnehmen“ Jesu in unser persönliches Leben.
Die fortschreitende Natur dieser Erfahrung wird besonders durch den Gebrauch der – Präposition anti deutlich, die wir mit „um“ übersetzen. Im ursprünglichen Sinne bedeutet dieses Wort „im Austausch für“, „als Ersatz für“, so daß, wenn ein Segen von uns gebraucht wurde, ein neuer, frischer an seine Stelle tritt. Tatsächlich kann die Kenntnis des Wesens Christi nie in dem Sinne zur Historie werden, daß der Mensch sich auf einen Kontakt, auf ein bestimmtes Erlebnis beruft und dieses zur „Fülle“ erhebt. Daß unsere menschliche Erkenntnis Christi ein Wachstumsprozeß ist, ist der überzeugendste Beweis seiner unbegrenzten Fülle.
Was bedeutet Gnade? Das deutsche Wort „Gnade“ wird im Lexikon beschrieben mit: Herabneigen, Herablassen. Herablassung. Ein altes Bild vom Mitteldeutschen, wo die Herrscher über dem Volk gethront haben; wenn dann das Volk irgendetwas brauchte, wenn es ihm nicht gut ging und es bedürftig war, mussten sie beim Herrscher anklopfen. Der Herrscher musste sich dann herabneigen und ihnen geben, was sie brauchten – sofern er es wollte. Im Griechischen heißt Gnade „Charis“, „Charisma“. Wir kennen es von Charismen „Gnadengaben“, die Gott gibt. Es heißt im Lexikon: „Gewährte oder ersehnte Freundlichkeit, Wohltat, Dank, Dankbarkeit, Gunst, Annahme, sich freuen.“ – „Gnade ist eine Gunst, die ohne Erwartung von Vergeltung oder Gegenseitigkeit gewährt wird. Die absolute Freiheit der Barmherzigkeit Gottes gegenüber dem Menschen. Der einzige Grund für Gnade ist die Güte und Freimütigkeit Gottes.“ Kurz: Ein unverdientes Geschenk! Das ist Gnade. Beispiel: Einer, der im Gefängnis ist und seine gerechte Strafe für ein schweres Verbrechen empfangen hat und nun einen Gnadenerlass des Präsidenten oder der Regierung erhält. Nun kommt also einer zu dem ins Gefängnis und sagt zu ihm: „Du bist begnadigt worden.“ So einer hat eine Vorstellung davon, was Gnade ist.
„Aus seiner Fülle haben wir genommen in allen Weltschauungen und Religionen geht es um unser „Leisten“ und um unsere „Verdienste“. Im Evangelium kann man nur dankend rühmen, was man „empfing Und was wir hier empfangen, das ist „Gnade über Gnade“.

Verwendete Literatur
Frédéric Godet Das Evangelium des Johannes
Das Johannesevangelium Teil 1 Rudolf Schnackenburg Vierte Auflage 1979
Johannes Das Evangelium des Glaubens Merrill C. Tenney
Multimedia Bibel Gerhard Maier
Lutherbibel 1984
Was die Bibel lehrt Johannes (4)Kommentar-Reihe NEUES TESTAMENT John Heading
http://www.fcgaarau.ch/download/predigttexte/080210_Gygly_M._Joh.1,16-18.pdf
Das Evangelium des Johannes 1.Teil erklärt von Werner de Boor,


Ein Gedanke zu “Johannes 1,16 Und von seiner Fülle haben wir alle genommen Gnade um Gnade. Teil 17

  1. „Fülle“ ist auch das Thema im Kolosserbrief. Hier wird deutlich, dass Jesus nicht nur ein Teil vom Ganzen ist, wie es in der Gnosis damals gelehrt wurde, sondern dass er die ganze Fülle in seiner Person ist. Wer Jesus hat, hat damit nicht nur ein wenig mehr sondern alles, was es zu einem erfüllten Leben braucht. Mehr gibt’s dann nicht. Darum schreibt auch Paulus im Kolosserbrief, dass wir in ihm (d.h. in Jesus) zur Fülle gebracht sind. Wer da mehr darüber wissen will, dem kann ich den Kolosserbrief nur empfehlen.

    Thomas

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