Die Existenzanalyse Victor E. Frankls

Kaum eine Frage ist wohl so aktuell und von so existentieller Bedeutung, wie die Frage nach dem Sinn des Lebens – die Frage nach dem Woher – Wozu – woraufhin menschliche Existenz. Bleibt diese Frage für einen Menschen unbeantwortet, dann weiß er nicht mehr, was ein Menschsein heißt und wozu er lebt. Der Psychologe und Wiener Arzt Viktor E. Frankl hat sich intensiv der Sinnfrage gestellt; denn in seiner Zeitanalyse des 20. Jahrhunderts und aufgrund seiner Praxiserfahrungen als Arzt zeichnete sich für Frankl ein erschreckendes Bild. Ziel- und Orientierungslosigkeit, das Gefühl einer Sinnleere, treibt die Menschen heute in die Sprechzimmer der Psychotherapeuten. Mit der Sinnfrage reichte ein ganz neuer Aspekt in das bisherige, biopsychologisch orientierte Menschenbild der Psychotherapie, der Aspekt geistiger Probleme. Frankl versuchte als Psychotherapeut den Menschen in seiner Leib-Seele-Geist-Einheit zu sehen und erarbeitete seine Existenzanalyse, in der er die anthropologischen Grundlagen darlegt, und die Logotherapie, die therapeutische Ausgestaltung der Anthropologie. Beides: Logotherapie und Existenzanalyse, beschäftigen sich mit der Sinnfrage. In diesem Artikel geht es schwerpunktmäßig um die Existenzanalyse von Frankl und in einem kritischen Teil um die Anthropologie Frankls vom Standpunkt der Bibel aus gesehen.
Von der Psychoanalyse zur Existenzanalyse
Biographisches
Viktor E. Frankl wurde 1905 in Wien geboren. Schon als Kind scheint er ein sensibles Empfinden für tiefere innere Zusammen hänge menschlichen Lebens und Erlebens gehabt zu ha ben. Er erinnert sich z.B., daß er als Kind von 5 Jahren nachts mit dem Gedanken aufwachte, daß alle Menschen – auch er – einmal sterben müssen. Als 13-jähriger Schüler soll er, nach dem sein Naturgeschichtslehrer erklärt hatte, das Leben sei lediglich ein Oxydationsvorgang, die leidenschaftliche Frage in den Raum gerufen haben: „Wenn das so ist, was für einen Sinn hat dann das Leben?“ Als dann noch ein Mitschüler, der Selbstmord begangen hatte, mit einem Band von Nietzsches Schriften in der Hand gefunden wurde, erkannte er den engen Zusammenhang zwischen Weltanschauung und Lebensgestaltung Diese Erfahrungen bestärkten ihn im Kampf gegen den Nihilismus seiner Zeit. Noch als Mittelschüler trat Frankl in Briefkontakt mit Sigmund Freud, gehörte dann aber als Medizinstudent dem engeren Schüllerkreis Alfred Adlers an. Frankl war unzufrieden mit dem Dogmatismus und dem orthodoxen Denken in der Psychiatrie. Aus diesem Grund entfernte sich Frankl nach und nach von der individualpsychologischen Lehrmeinung Adlers, bis es 1927 zur endgültigen Trennung kam. Frankl machte es sich zur Aufgabe, sein bisheriges Menschenbild zu revidieren und Begriffe wie “Sinn“ und “Wert“ systematisch in die Psychotherapie einzuführen. “Damals“, so erinnert sich Frankl, „schob ich methodisch das beiseite, was ich von meinen großen Lehrern gelernt hatte und begann auf das zu hören, was meine Patienten mir zu sagen hatten – ich, versuchte von ihnen zu lernen» (Ringen um Sinn, S. 21). Und er fand viele Gelegenheiten, auf seine Patienten zu hören, als Arzt in der neuropsychiatrischen Klinik in Wien und in Beratungsstellen für Jugendliche in seelischer Not. Diese Praxiserfahrungen, aber auch die Beschäftigung mit dem literarischen Werk Max Schelers, mit dessen Wert-Ethik, machten Frankl eine Um- Orientierung möglich.
1938 erschien seine Arbeit „Zur geistigen Problematik in der Psychotherapie“, in der er die Grundgedanken der Existenzanalyse dargelegt hat: Daß das Dasein einen Sinn hat und nie auf hört einen Sinn zu haben; daß der Mensch als ein geistiges Wesen immer über sich hinaus strebt nach einem Sinn; daß dieser Sinn jeweils einmalig und einzigartig ist, indem er sich von Mensch zu Mensch und von Augenblick zu Augenblick verändert; daß der Sinn des Lebens im Hingegeben-sein an eine Sache, die der Mensch zu seiner macht, oder an einen Menschen, den er liebt, oder an Gott, dem er dient, erfüllt wird.
Schwer geprüft wurde der Jude Frankl dann während des 3. Reiches, als er vier Konzentrationslager durch lebt und durchlitten hat. Schmerz und Hoffnungslosigkeit haben auch ihn an den Rand der Verzweiflung getrieben. Frankls Familie ging zugrunde, sein eigenes Leben schien vernichtet. Die einzige Hoffnung konnte für ihn nicht im Überleben selbst liegen, sondern darin, was er in Zukunft mit seinem Leben noch anfangen wollte. Frankl wollte sein Buch Fertigsehreiben – das war seine Perspektive. Diese Erfahrungen brachten Frankl zu der Überzeugung, die er in seinen späteren Büchern immer wieder betont und die für jeden Menschen von Bedeutung sind: sobald der Mensch sich als ein hilf loses Stück Treibholz auf dem Fluß des Schicksals an sieht, gibt er sich auf und geht unter. Sobald er sich aber als menschliches Wesen ansieht, weiß er, daß er auch in der hoffnungslosesten Lage immer noch die Möglichkeit hat, gegen die Verzweiflung zu kämpfen. Über die Zeit im Konzentrationslager sagt Frankl selbst: «In den Konzentrationslagern hatte ich Gelegenheit, die Logotherapie auf die Feuerprobe zu stellen. Tatsächlich war die Lektion von Auschwitz, daß der Mensch ein sinnorientiertes Wesen ist. Wenn es überhaupt etwas gibt, das ihn auch noch in einer Grenzsituation aufrechtzuerhalten vermag, dann ist es das Wissen darum, daß das Leben einen Sinn hat, und sei es auch nur, daß sich dieser Sinn erst in der Zukunft erfüllen läßt. Die Botschaft von Auschwitz lautet: der Mensch kann nur überleben, wenn er auf etwas hin lebt. Und wie mir scheint, gilt dies nicht nur vom Überleben des einzelnen Menschen, sondern auch vom Überleben der Menschheit» (Ringen um Sinn, S. 24).
Nach seiner Befreiung 1945 kehrte er nach Wien zurück, diktierte in neun Tagen sein Buch «Ein Psychologe erlebt das Konzentrationslager», das in den USA ein Bestseller wurde. Die Nachkriegsjahre wurden für Frankl sehr fruchtbar. Er entfaltete und systematisierte sein Gedankengut der Vorkriegsjahre, schrieb in 14 Jahren 14 Bücher, wurde Vorstand der neurologischen Abteilung der Poliklinik in Wien habilitierte sich an der dortigen Universität. Seinen größten Erfolg hatte er auf 43 Vortragsreisen nach Amerika, wo er an 136 Universitäten sprach. Weitere Vortragsreisen führten ihn nach Australien, Asien und Afrika. Es ist sicher nicht über trieben zu sagen, daß Viktor Frankl als Arzt der Leiden des 20. Jahrhunderts, d.h. vor allem dem Sinnlosigkeitsgefühl, in die Geschichte der Psychiatrie eingehen wird.
Das reduktionistische Menschenbild
Um Frankls Weg von der Psychoanalyse (Sigmund Freud), über die Individualpsychologie (Alfred Adler) zur Existenzanalyse geschichtlich einordnen und die Front, gegen die Frankl kämpft, klar ziehen zu können, müssen wir einen kurzen Blick auf die jüngste Vergangenheit der medizinischen und psychologischen Anthropologie werfen. Am Ende des 19. Jahrhunderts revolutionierte Sigmund Freud mit der Entdeckung der Neurosen das bisherige medizinische Denken 1 In seiner Praxis begegneten Freud Krankheitsbilder, die trotz organischer Symptomatik offensichtlich nicht organisch verursacht waren. Damit hatte Freud die ungeahnte Reichweite des seelischen von den bewußten und unbewußten Prozessen und deren Zusammenwirken mit dem Körperlichen entdeckt. Aber trotz dieser elementaren Entdeckung des Unbewußten und der daraus resultierenden Erkenntnismöglichkeit für das Wesen des Menschen, kam es nicht zu einer anthropologischen Grundsatzklärung. Stattdessen blieb Freud dem naturalistischen und materialistischen Weltbild 2 seiner Zeit verhaftet und übertrug das deterministische Ideal sogar in den seelischen Bereich bis hin zu der These von der Triebdeterminiertheit und der Verabsolutierung des Lustprinzips. Unter der freudschen anthropologischen Prämisse wurde Mensch-sein charakterisiert als Getrieben-sein. Nicht einmal das Ich, das die Aufgabe der Triebzensur hat, ändert etwas daran, denn auch das Ich ist wiederum aus Ich-Trieben aufgebaut; mit anderen Worten: das, was die Triebe verdrängt, soll selbst wieder Triebhaftigkeit sein. Deshalb bemerkt Frankl ironisch: «Nun, es ist so, als ob wir sagen wollten, der Baumeister, der aus Ziegeln einen Bau ausführt, sei selbst aus Ziegeln aufgebaut» (Der unbewußte Gott, S. 12). Wenn das Ich selbst getrieben ist, dann kann der Mensch nicht mehr wollen, was er will, sondern nur noch wollen, was er muß, denn hinter jedem bewußten Wollen steht ein vom Unbewußten diktiertes Müssen. Das heißt der Mensch ist nicht frei. Selbst geistiges Streben und das, was die Kultur hervor gebracht hat, fällt in der Psychoanalyse unter die Kategorie Sublimierung von Triebhaftigkeit. Religion hat bei Freud ihren Platz in der «Menschheitsneurose» und in bezug auf die Frage nach Sinn sagt Freud: «Im Moment, da man nach Sinn und Wen des Lebens fragt, ist man krank..,» (Sigmund Freud, Briefe 1873-1939, Frankfurt am Main 1960, S. 429). Gegen diese Auffassung wehrt sich Frankl ganz entschieden. Genauso kritisiert er aber auch die dominieren de Stellung des Lustprinzips innerhalb des seelischen Lebens, wie sie von der Psychoanalyse vertreten wird. Dort wird behauptet, seelische Abläufe seien lediglich vom Lustprinzip bestimmt, in dem Sinn, als strebe der Mensch ausschließlich nach Lust. Dagegen sagt Frankl: «Je mehr es dem Menschen um Lust geht, desto mehr vergeht sie ihm auch schon» (Der Mensch auf der Suche nach Sinn, S. 29). Was der Mensch eigentlich sucht, ist einen Grund zur Lust.
Wir haben das Werk S. Freud ein wenig hervorgehoben, weil an ihm die geistlose Psychologie und deren Therapie, gegen die Frankl so entschieden kämpft, deutlich wird. Aber auch generell kritisiert Frankl alle Wissenschaften, die sich mit dem Menschen befassen und das Geistige ausklammern. Denn wird der Mensch nicht mehr in seiner Leib- Seele-Geist Einheit, sondern um das Geistige reduziert gesehen, dann «schrumpft die Wirklichkeit zusammen zum bloßen Effekt, Produkt und Resultat seien es physiologischer, seien es psychologischer Fakten» (Homo patiens, S. 2). Wo dies geschieht, wird aber das Sein des Sinns beraubt. Auf die Wissenschaften bezogen wird aus Biologie: Biologismus, aus Psychologie: Psychologismus, aus Soziologie: Soziologismus. Gegen diese drei Formen des Reduktionismus als drei Modifikationen des Nihilismus wendet sich Frankls Kritik; Reduktionismus, weil sie die gesamt-menschliche Wirklichkeit auf jeweils eine Dimension, die Psyche, den Bios oder die Sozietät reduzieren, Nihilismus, weil sie einen Ausschließlichkeitsanspruch erheben in der Behauptung, die Wirklichkeit sei «nichts als…».3 Den Psychologismus entlarvt Frankl z.B. anhand einer psychoanalytischen Betrachtung Goethes, der gekennzeichnet wird als ein Genie mit allen Anzeichen von manisch-depressivem Irresein, Paranoia, epileptoiden Störungen, Homosexualität, Inzest, Voyeurismus, Exhibitionismus, Fetischismus, Impotenz, Narzißmus, Zwangsneurose…» (Das Ringen um Sinn). Der Autor dieses Buches konzentriert sich fast aus schließlich auf die triebdynamischen Kräfte und läßt uns glauben, Goethes «Faust» sei lediglich das Resultat prägenitaler Fixierungen, sein Streben gelte keineswegs einem Ideal der Größe oder Schönheit. In jedem der drei Aspekte des Reduktionismus wird das wahre Menschenbild zur Karikatur, «der Mensch muß in ihnen als Marionette erscheinen, die bald an inneren, bald an äußeren Drähten zappelt (Homo patiens, S3.). Gegenüber Freud, dem Urheber des Psychologismus, sind seine großen Schüler Alfred Adler und C.G. Jung in Frankls Augen schon fortschrittlich. Schon früh sagten sie sich von ihrem Lehrer los und arbeiteten selbständig – für A. Adler wurde der gesellschaftliche Aspekt des Menschen zu seinem Hauptthema, für C.G. Jung das Religiöse – dennoch blieben auch sie Reduktionismen verhaftet, worauf aber hier nicht weiter eingegangen werden kann.
Offensichtlich haben erst der 1. Weltkrieg und die Wirtschaftskrise eine Wende gebracht. Neben anderen Medizinern wie z.B. L. von Krehl, Siebeck oder Gödan hat auch Viktor Frankl nach einem ganzheitlichen Verständnis des Menschen gesucht. Wir sehen also, daß Frankl auch auf ein bestimmtes Zeitphänomen reagiert. Frankls Psychologismus – Kritik klingt viel leicht ein wenig nach Schwarz-Weiß-Malerei und man könnte ihm den Vorwurf machen, er habe das Menschenbild der Psychoanalyse selbst karikiert; aber wenn wir Frankls Kritik als generelle Warnung vor den Konsequenzen eines anthropologischen Ansatzes, der das Geistige im Menschen nicht berücksichtigt, verstehen, dann ist Frankl sicher eine entscheidende Stimme. Wie Frankl den Menschen in seiner Leib-Seele- Geist Einheit sieht, damit werden wir uns noch ausführlicher befassen, vorweg müssen wir jedoch Frankls Existenzverständnis erläutern.   Anthropologische Grundlagen der Existenzanalyse
Zu dem Begriff «Existenz» Auf der Suche nach einer treffenden Beschreibung für das, was Frankl unter dem spezifisch Menschlichen verstand, stieß er bei der Beschäftigung mit den Existenzphilosophen (Gehlen, Hartmann; Jaspers. auf den Begriff «Existenz». Wenn die Existenzphilosophen auch ein völlig anderes Verständnis von der Freiheit des Menschen und der Art und Weise, wie Existenz realisiert werden kann, haben, stimmt Frankl mit den Kernsätzen ihrer Anthropologie überein. Denn auch nach der existenzphilosophischen Auffassung ist der Mensch nicht nur das Produkt erkennbarer Zusammenhänge, die durch objektive Begrifflichkeit erfaßbar sind. Der Mensch ist mehr, er ist frei und entzieht sich damit jeder meßbaren Kategorie. Das menschliche Sein ist immer auch ein sein-können, ein entscheidendes Sein (Jaspers).
Frankl definiert Existenz so: «Die Existenzanalyse charakterisiert und qualifiziert die Essenz in dem Sinne, daß Existenz eine Seinsart ist und zwar das menschliche Sein, das dem Menschen arteigene Sein, dessen Eigenart darin besteht, daß es sich beim Menschen nicht um ein faktisches, sondern um ein fakultatives Sein handelt, nicht um ein Nun- einmal-so-und-nicht-anders- sein-Müssen, als das der neurotische Mensch sein eigenes So-sein mißversteht, viel mehr um ein Immer-auch- anders-werden-Können. Exsistieren heißt aus sich selbst heraus – und sich selbst gegenübertreten, wobei der Mensch aus der Ebene des Leiblich-Seelischen heraus tritt und durch den Raum des Geistigen hindurch zu sich selbst kommt. Ex-sistieren geschieht im Geist« (zitiert in: Böschemeyer, Die Sinnfrage in Psychotherapie und Theologie, S. 51).
Wie wir schon sehen, geht es Frankl um die Erschließung der geistigen Dimension im Menschen. Allein durch den Geist unterscheidet sich der Mensch vom Tier. Die Geistigkeit begründet die Fähigkeit zur Selbsttranszendenz, Verantwortung und Freiheit des Menschen. Doch bevor wir uns mit dem Wesen der geistigen Person befassen, sehen wir, wie sich Frankl der Frage nach der Ganzheit des Menschen stellt. An dieser Stelle soll nur noch einmal kurz erwähnt werden, daß die Existenzanalyse die in Opposition zum Psychologismus entwickelte Anthropologie ist, während die Logotherapie – auch von Frankl begründet – deren therapeutische Ausgestaltung ist – eine Therapie vom Geist her für geistige Nöte, die unter Umständen sogar pathogene Folgen haben können.

Teil 1a factum 7/8 Juli / August 1986 von Britta Laubvogel

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