Oft ist zu hören: Das Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden werde nach dem Ableben der letzten Zeitzeugen erheblich erschwert.

Oft ist zu hören: Das Gedenken an die sechs Millionen ermordeten Juden werde nach dem Ableben der letzten Zeitzeugen erheblich erschwert. Das ist gedankenloses Geschwafel. Längst sind die Zeitzeugen der altrömischen Republik tot, aber ihre Geschichte können wir ebenso rekonstruieren wie die des römischen Kaiserreichs. Notwendig ist eine Wende in der europäischen Gedenkkultur. Ohne sie wird der dreiköpfige – muslimische, linke und rechte – Antisemitismus immer stärker und Holocaust-Gedenken zur selbst gestellten Falle.
Wer nur nach hinten rechts schaut, übersieht die entgegenkommenden Gefahren. Wer vom muslimischen und vom linken Antisemitismus nicht reden will, sollte auch vom rechten schweigen. Die Gedenkfalle kann keine noch so erschütternde Zeitzeugenrede am «Holocaust-Gedenktag» beseitigen.
https://www.nzz.ch/meinung/wer-immer-nur-rechts-in-den-rueckspiegel-schaut-sieht-die-gefahr-vorne-nicht-rituelles-holocaust-gedenken-kann-auch-zur-falle-werden-ld.1450430