Erbsünde

„Die Strafe der Erbsünde ist eigentlich, Gott nicht zu erkennen und nichts von ihm zu wissen. Das ist eine schwere Lästerung. Dazu gehört auch, den Nächsten nicht zu kennen, ihn nicht zu achten, ihm alles Mögliche Schlimme anzutun, ihn manchmal sogar zu töten. Zum Dritten ist es eine Folge der Erbsünde, sich selber nicht wirklich zu kennen. Man denkt nur an sich, geht nur den eigenen Wünschen nach. Man sucht nur seinen Vorteil und nimmt dabei Schaden für Andere in Kauf.“ Martin Luther (1483-1546)
Für viele ist die „Erbsünde“ eine ungerechte Sache. Gott verurteilt einen Menschen, obwohl der nichts getan hat, so wird angenommen. Scheinbar muss man dann für die Schuld seiner Vorfahren büßen. In der Realität ist das natürlich nicht so einfach, weil nach Gottes Maßstäben jeder ganz von alleine schuldig wird und das immer wieder. Allerdings sind Menschen zumeist sehr erfindungsreich beim Ausdenken von Entschuldigungen die das Fehlverhalten erklären sollen oder darauf verweisen, dass die Schuld der anderen immer noch bedeutend größer ist.
Seltsamerweise beschwert sich aber kaum ein Menschen wegen der unverdienten Vorteile, die man seinen Vorfahren zu verdanken hat: das geerbte Haus oder Geld, die vererbten Begabungen, die gute Erziehung und Bildung usw. Dabei hat man doch ganz offensichtlich auch nichts getan, mit dem man diese Dinge verdient hätte.
Aus Luthers Sicht gehören zur Erbsünde nicht nur das eigene Fehlverhalten und die Schuld der Eltern, sondern auch die mangelnde Erkenntnis von Gott, dem Nächsten und sich selbst. Menschen werden heute ohne natürliche Verbindung zu Gott geboren und das hat Auswirkungen. Weil der Mensch Gott nicht kennt, gibt er ihm nicht den Dank und den Gehorsam, der ihm eigentlich zusteht. Man erfindet eigene Maßstäbe für Gut und Böse und wundert sich, dass die dann zu viel Leiden führen. Wie schon Luther es sagt, erkennt der Mensch ohne Gott auch nicht den Wert seines Nächsten. Zumeist sucht er bei ihm nur seinen eigenen Vorteil: Anerkennung, Lob, Spaß, Gemeinschaft, Geschenke, …
Sich selbst und seine eigene Bedeutung übersehen viele ebenso. Lebenslang sind sie auf der Suche nach wirklichem Glück und wirklicher Erfüllung und finden es doch immer nur für wenige Augenblicke, die sie ständig zu wiederholen versuchen. Bevor sie Gott kennenlernen, der alle Sünde ausräumt, wissen sie sich aber nie dauerhaft angekommen und angenommen.
Augustin hat etwas sehr Wichtiges durch sein Bibelstudium erkennen dürfen, das das Wesen dessen, was wir „Erbsünde“ nennen, beschreibt (Sünderzustand als ontologische Prädisposition!):
Sünder sündigen, weil sie Sünder sind. Ursache ist das Sein: non posse non peccare (nennt das Augustin), auf Deutsch: als natürlicher Mensch nicht mehr in der Lage zu sein, nicht zu sündigen, ja, sündigen – als Notwendigkeit – zu müssen.
Genau das finde ich auch in der biblischen Sündenlehre (NT) vor: tot in Sünde als Sein (Eph. 2 u.v.a.). Dagegen kann kein Mensch etwas ausrichten mit menschlichen Mitteln: non posse non peccare ist die Folge. Deshalb: das Heil wird geschenkt sola gratia ! Anders ginge es ja auch gar nicht, hat man erst einmal begriffen, wer der Mensch (die Menschheit) als Sünder geworden ist.
Die Lehre der Gegner des Augustinus nennt man Pelagianismus oder Semi-Pelagianismus. Sie vertreten eine verhängnisvolle soteriologische Irrlehre zum Verhältnis von Gnade und Sünde und der Potenz des Menschen als Sünder. Solche „Pelagianer“ gibt es noch heute, allerdings unter modifizierter Benennung