Schneeballschlachten

Im kleinen Ort Severance im US-Staat Colorado sind Schneeballschlachten seit 100 Jahren illegal. Dass das Werfen von Schneebällen in diesem Winter erstmals offiziell erlaubt sein wird, geht zurück auf die Initiative des 9-jährigen Dane Best. Drei Minuten dauerte sein Plädoyer vor dem Gemeinderat. Dane forderte, dass jeder in Severance in der Lage sein soll, „eine Schneeballschlacht zu haben, wie überall auf der Welt“. Der Rat folgte seinem Antrag einstimmig.
Nicht nur wir fragen uns, wie es zu einem Schneeball-Verbot gekommen ist. Das taten auch die Gemeindebehörden von Severance. Beim Nachforschen stellten sie fest, dass der Ursprung des Wurfverbots ziemlich unklar ist. Seine Wurzeln liegen wohl in einer Regelung aus dem Jahr 1921. Nach dieser ist es untersagt, „Steine oder jegliche anderen Wurfgeschosse“
auf Menschen, Tiere, Gebäude, Bäume und Fahrzeuge zu werfen. Irgendwelche Entscheidungsträger in der Vergangenheit müssen Schneebälle auf diese rote Liste gesetzt haben. Es brauchte fast 100 Jahre und einen 9-jährigen Jungen, um ein ständig weitergesagtes, aber unbegründetes und unsinniges Verbot umzustossen. Schneeballschlachten fördern die Lebensfreude!
Wie wir reden, leben, denken und glauben, ist es doch richtig, oder? Oder kann es sein, dass wir Regeln und Traditionen als Wahrheit betrachten, ohne deren eigentlichen Grund zu kennen? Ich fürchte nämlich, dass wir weit mehr von unserer Kultur, Familie und Sprache geprägt sind, als wir meinen. Wir müssen aufpassen: Während wir die Pollen rausfiltern, verschlucken wir möglicherweise die Kokosnuss!
Jesus wusste um das Problem der verschobenen Proportionen. Im Matthäus-Evangelium bemüht er sich ein ganzes Kapitel lang (Kapitel 23), den religiösen Autoritäten ein Problem vor Augen zu führen: „Ihr gebt noch von Gartenminze, Dill und Kümmel den zehnten Teil, lasst aber die wichtigeren Forderungen des Gesetzes ausser Acht: Gerechtigkeit, Barmherzigkeit und Treue! (…) Die Mücke siebt ihr aus, aber das Kamel verschluckt ihr. (…) Ihr reinigt das Äussere von Becher und Schüssel, aber was ihr drin habt, zeigt eure Gier und Masslosigkeit.“
Viele Differenzen unter Christen entstehen dadurch, dass eigene Vorlieben zum Willen Gottes erklärt werden – sei es in Theologie, Kirche, Ethik, Musik, Kunst. Die Mücken werden rausgesiebt. Unbemerkt bleibt, wie dabei das Kamel verschluckt, das Wesentliche vergessen wird. Achten wir auf unser Herz. Und ertragen wir einander in Liebe. https://www.facebook.com/rolf.hoeneisen