Erkenntnistheorie für einen Teenager (Teil I)

Wir befassen uns in diesem und den folgenden Briefen mit der Frage:
Gibt es eine objektive Welt der Dinge da draußen oder gibt es sie nur innerhalb unseres Bewusstseins als mentales Erleben ohne Außenwelt?
Mit unseren Sinnen nehmen wir Gegenstände wahr. Wenn wir einen Gegenstand mit unseren Augen sehen, dann macht er einen Eindruck auf unsere Sehnerven. Wir erhalten eine abstrakte Vorstellung von diesem Gegenstand, die ich im Folgenden „Idee“ nennen werde, und urteilen zugleich, dass es außer uns wirklich einen Gegenstand gibt, der uns die Idee verschafft hat. Es scheint uns völlig selbstverständlich, dass alle Objekte, die wir sinnlich wahrnehmen, eine natürliche oder reale Existenz außerhalb unseres Verstandes haben. Aber untersuchen wir etwas sorgfältiger, was dabei vorgeht.
Nehmen wir als Beispiel den Vollmond am Nachthimmel. Der Mond stellt unseren Sinnen wahrnehmbares Anschauungsmaterial dar. Die Lichtstrahlen fallen ins Auge und erzeugen dort einen Sinnesreiz. Auf der Netzhaut entsteht Bild, das dem Mond ähnlich ist. Die Sinnesrezeptoren leiten dieses Material in Form von neuronal-elektrischen Impulsen an unser Gehirn weiter. Daraufhin entsteht im Gehirn die Idee vom Gegenstand Mond. Die Idee „Mond“ nicht die Sache selbst. Verallgemeinert gesprochen: Die Gegenstände unseres Denkens sind nicht die Dinge selber. Dennoch urteilen wir, dass unsere Idee sich auf den Mond in der Welt außerhalb von uns bezieht. Die Ursache hiervon ist aber nichts weiter als ein Nervenreiz an einem bestimmten Ort in unserem Gehirn, wiederum verursacht durch einen Nervenreiz im Auge. Das Gehirn hat keine Kenntnis von den Bildern, die auf der Netzhaut des Auges projiziert sind, und noch weniger von dem Mond selbst, dessen Strahlen diese Bilder hervorgebracht haben. Dennoch urteilt es, dass es in der Außenwelt einen Körper geben muss, nämlich den Mond, der die Idee und das mentale Erleben verursacht hat.
Wie kommen wir zu solchen Schlussfolgerungen? Die Wahrnehmung des Mondes könnte doch durch irgendeine innere Ursache hervorgebracht worden sein, etwa durch Blutbewegungen oder durch bloßen Zufall. Es ist schon kühn genug zu behaupten, dass die Ursache meiner Wahrnehmung des Mondes daher rührt, dass sich in meinem Auge ein entsprechendes Bild befindet. Aber ich gehe noch weiter und folgere,

  1. dass außerhalb von mir, und zwar am Himmel, ein Körper existiert, der die erste Ursache des Eindrucks ist, und dass dieser Körper der Mond sei, und
  2. dass sich die Sinneseindrücke und Wahrnehmungen meines Bewusstsein sich von diesem Gegenstand her ableiten.

Zu diesem Problem gibt es folgenden Vergleich: Wenn wir im Schlaf träumen, dass wir den Mond sehen, findet im Gehirn ein ähnlicher Nervenreiz statt, weil wir uns einbilden, wirklich den Mond zu sehen. Dennoch sind wir sicher, dass wir uns in diesem Fall irren. Woher sollen wir also wissen, dass unser Urteil im Wachzustand nicht genauso ein Irrtum ist? Das ist eine große Schwierigkeit, die viele Philosophen ungemein irregeführt hat. Das ist aber gar nicht so überraschend, wie du an der folgenden Darstellung sehen wirst.

Situation A

Tatsache: Ich betrachte den Vollmond am Nachthimmel.
Meine Überzeugung: Ich betrachte den Vollmond am Nachthimmel.
Meine Sinneserfahrung: Das visuelle Bild.
Meine Überzeugung ist wahr.
Meine Sinneserfahrung rechtfertigt sie.
Ich weiß, dass ich jetzt den Vollmond am Nachthimmel betrachte.

Situation B

Tatsache: Ich schlafe gerade in meinem Bett und träume.
Meine Überzeugung: Ich betrachte den Vollmond am Nachthimmel.
Meine Sinneserfahrung: Das visuelle Bild.
Meine Überzeugung ist falsch.
Meine Sinneserfahrung rechtfertigt sie.
Ich weiß nicht, dass ich jetzt den Vollmond am Nachthimmel betrachte.

Stellen wir die beiden Situationen einander gegenüber:

Situation A Situation B
Tatsache: Ich betrachte den Vollmond am Nachthimmel.
Meine Überzeugung: Ich betrachte den Vollmond am Nachthimmel.
Tatsache: Ich schlafe gerade in meinem Bett und träume.
Meine Überzeugung: Ich betrachte den Vollmond am Nachthimmel.
Meine Sinneserfahrung: Das visuelle Bild.
Meine Überzeugung ist wahr.
Meine Sinneserfahrung rechtfertigt sie.
Ich weiß, dass ich jetzt den Vollmond am Nachthimmel betrachte.
Meine Überzeugung ist falsch.
Meine Sinneserfahrung rechtfertigt sie.
Ich weiß nicht, dass ich jetzt den Vollmond am Nachthimmel betrachte.

Mit einfacher Logik will man uns jede die Grundlage für mögliches Wissen entziehen:

  • Meine Sinneserfahrung kann nicht zwischen den beiden Situationen unterscheiden.
  • Deshalb kann sie auch nicht meine Überzeugung rechtfertigen, dass ich jetzt wirklich den Vollmond am Nachthimmel betrachte.
  • Damit ist diese Überzeugung kein Wissen, selbst wenn sie wahr sein sollte. Sie ist entweder bloß zweifelhaft und unbeweisbar, oder schlichtweg falsch, wenn es nach der Meinung mancher Philosophen ginge.

Was ich eben vom Mond sagte, gilt auch von allen übrigen Körpern. Es leuchtet überhaupt nicht ein, warum Körper außer uns da sein sollten, bloß weil unser Gehirn bestimmte Eindrücke empfängt. Diese Zweifel können sogar auf unseren eigenen Körper angewandt werden. Davon wissen wir auch alles nur über die Sinne und einiger leichter Eindrücke, die sie auf unser Gehirn gemacht haben. Wenn also diese Eindrücke und die Ideen, welche wir aus ihnen schöpfen, für das Dasein der Körper außerhalb von uns nichts beweisen, so ist auch das Dasein unseres eigenen Körpers ebenso zweifelhaft.
Wundere dich also nicht darüber, dass es Philosophen gibt, die das Dasein aller Körper leugnen oder Dinge im Raum für bloße Einbildungen eklären. In der Tat ist es sehr schwer, sie zu widerlegen. Die Träume geben ihnen eine nicht geringe Grundlage für ihre Überzeugung. Wenn wir träumen, bilden wir uns ein, irgendwelche Objekte zu sehen, die trotzdem kein Dasein haben. Man sagt zwar, dass das bloße Illusion sei. Aber wer garantiert, dass wir im Wachzustand nicht derselben Illusion ausgesetzt sind? Ich kann nicht definitiv ausschließen, dass ich jetzt nicht träume. Nach Meinung dieser Philosophen ist das Wachen selbst eine Illusion. Obwohl sie zugeben, dass in unserem Gehirn gewisse Wahrnehmungen und Eindrücke empfangen werden, leugnen sie, dass daraus auch das wirkliche Dasein von Körpern folgt, die den inneren Ideen entsprechen. Offen gestanden ist es beinahe unmöglich, ihnen das Gegenteil zu beweisen. Man nennt die Philosophen, die diese Meinung vertreten, Idealisten, weil sie von den materiellen Dingen nichts als bloße Ideen zugeben, d.h. rein geistige Dinge. Man könnte ihnen auch den Beinamen Spiritualisten 1 geben, weil sie behaupten, dass außer den Geistern keine anderen Wesen existieren.
Weil wir aber auch Geister nur durch die Sinneserfahrung oder durch den Verstand als Gegenstände unseres Denkens kennen, gibt es noch eine zweite Art Philosophen. Diese gehen so weit, dass sie das Dasein aller Geister außer ihrer eigenen Seele leugnen. Jeder ist nämlich vollkommen davon überzeugt, dass das sie da ist. Diese Philosophen werden subjektive Idealisten 2 genannt, weil sie behaupten, dass nichts, als allein ihre eigene Seele, existiere. Statt Seele kannst du das auch Gemüt, Geist, oder dich selbst nennen – das wahrnehmende denkende Wesen.
Diesen beiden Arten von Philosophen entgegen gesetzt sind die Materialisten, die das Dasein aller Geister leugnen. Stattdessen behaupten sie, dass alles Materie sei und dass auch die Substanz, die wir Seele nennen, bloß aus einer sehr feinen Materie bestehe, wodurch sie fähig werde zu denken 3. Diese Meinung ist weit flacher als die der Ersteren. Es gibt unüberwindliche Argumente, womit man sie umstossen kann. Dagegen greift man die Idealisten nur vergeblich an.

Dein Wüstenfuchs
den 28. September 2018
Prüfe aber alles, das Gute halte fest.

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Quellen:

Von mir überarbeiteter Sechsundneunzigster Brief Leonhard Eulers an die Prinzessin Sophie Friederike Charlotte von Anhalt Zerbst (damals 15 J.). Datiert auf den 24. Januar 1761. Aus: Leonhard Euler, Briefe an eine deutsche Prinzessin, Philosophische Auswahl, Reclams Universalbibliothek Band 239, 3., durchgesehene Auflage. Die Fußnoten sind wörtlich daraus übernommen.
Die Darstellung der beiden Situationen A und B sind Descartes‘ Traumargument („Ich sitze vor dem Ofen…“) aus der Vorlesung von Prof. Dr. Martin Kusch, Einführung in die Erkenntnistheorie (SS 2018), Universität Wien, entnommen und angepasst.
Anmerkungen

1. Der „Idealismus“ oder auch „Spiritualismus“ in der Terminologie Eulers entspricht dem objektiven Idealismus.
2. In der Terminologie Eulers: „Egoisten“, d.h. extrem subjektiven Idealisten, versuchen die solipsistische Konsequenz „dass nichts, als allein ihre eigene Seele existiere“ meist zu umgehen. G. Berkeley z.B. erkennt außer dem „Ich“ einen „allgegenwärtigen Weltgeist“ an, David Hume beruft sich auf ewige mathematische Wahrheiten a priori und einen nützlichen, aber nicht beweisbaren Glauben an die physische Existenz anderer Ichs.
3. Gemeint ist der mechanische Materialismus des 17. und 18. Jahrhunderts. Schon Hobbes reduzierte das Geistige auf „gewisse feine körperliche Bewegungen“, Gassendi erklärte die Seele für eine „durchsichtige und zarte“ materielle Substanz, die mit dem Körper verfalle. Die französischen Materialisten La Mettrie, Diderot, Helvétius, Holbach u.a. bezeichneten die Annahme einer vom Körper verschiedenen Seele für ebenso unsinnig wie die Annahme eines vom materiellen Universum verschiedenen göttlichen Wesens.

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