Sokrates und das Denken

Zwei Dinge scheinen für Arendt bei Sokrates bedeutend. Erstens das Denken als Zwiegespräch mit sich selbst, woraus das Kriterium des Mit-sich-selbst-Lebens folgt, und zweitens, Sokrates Leben und Lehre, die darin bestanden, sich selbst und andere Menschen im Denken zu unterweisen.
Man hörte Sokrates üblicherweise auf dem Markt bei den Wechslertischen reden. Er verfasste und hinterließ keine Schriften, sondern diskutierte gerne alles durch. Er hält sich selbst nicht für weise und versucht nicht, die großen Volksmengen durch Rhetorik zu überzeugen, sondern wendet sich mit seinen Fragen an den einzelnen Menschen. Wenn doch jeder Einzelne in seiner Einzigartigkeit dazu gebracht werden könnte, zu denken und selbst zu urteilen! Am liebsten stellt er dabei alle bestehenden Normen und Maßstäbe in Frage. Das Ziel ist klar: Der blinde Glaube und Gehorsam seiner Gesprächspartner soll erschüttert werden. Wenn Sokrates sein Fragen beendete, blieb nichts mehr übrig, an dem man sich festhalten konnte. Von Sokrates lernen wir: Denken heißt prüfen und befragen; immer ist damit das Zerschmettern von Götzen verbunden – und das begeisterte nicht nur Nietzsche.
Aber Sokrates sagt mir nicht, was ich denken muss und was ich tun soll. Stattdessen lehrt er mich, bestimmte Dinge nicht zu tun, auch wenn sie von allen um mich herum Lebenden getan werden. Und genau das wäre nach Arendt die Moral, die in Ausnahmezuständen praktisch von Bedeutung wäre, d.h. in der Zeit des Nazi-Terrors.
Nun zum ersten Punkt, dem sokratischen Denkprozess, der ausgehend von Sokrates‘ Behauptung erläutert wird: „Es ist besser, Unrecht zu leiden, als Unrecht zu tun.1
Sokrates ist von der Richtigkeit seines Satzes überzeugt und meint, dass jeder, der denken kann (!), ihm zustimmen müsste. Aber nichts von dem, was er zu seiner Verteidigung vorbringt, überzeugt seine Gesprächspartner. Schließlich entgegnet Sokrates, dass es ihm lieber ist, damit zu leben, dass die meisten Menschen ihm nicht zustimmen, als dass er sich selbst widersprechen müsste. (Das Kennzeichen eines wahren Philosophen!?) Der Kern seiner Antwort auf seine Gegner ist, dass der Mensch bei seinen Überlegungen, was Recht und Unrecht ist, sich seinem eigenen Selbst gegenüber sieht: „Ich, der ich Einer bin“, bin genau genommen Zwei-in-Einem, in Harmonie oder Disharmonie mit dem eigenen Selbst. Ich bin gezwungen mit mir zusammen zu leben und kann nicht einfach von mir weggehen, wenn ich mit mir uneins bin. Diese für das „glückselige Leben“ wichtige Beziehung zum Selbst gründet bei ihm auf dem wohlerwogenen Rat der Vernunft, „daß man das Unrechttun mehr scheuen müsse, als das Unrechtleiden, und daß ein Mann vor allem andern darnach streben müsse, nicht daß er scheine gut zu sein, sondern daß er es sei in seinem besonderen Leben sowohl als in dem öffentlichen.“ „Denn wer rechtschaffen und gut ist, der, behaupte ich [S.], ist glückselig, sei es Mann oder Frau; wer aber ungerecht und böse, ist elend.2 Wer nicht genau genug nachgedacht hat und anders handelt, lebt im Widerspruch zu sich selbst, was für Sokrates ein größeres Übel darstellt als Unrecht zu leiden. Im Eigeninteresse sei es daher besser, Unrecht zu vermeiden. Für diese Einsicht benötigt er keinen transzendenten Maßstab, keine göttlichen oder menschlichen Gesetze.
Jeder Mensch, der mit sich selbst lebt – was so viel heißt wie die Dinge mit sich selbst gedanklich durchspricht, – müsste Sokrates zufolge in der Lage sein, Begierden, Stolz, Feigheit, Verzweiflung, usw. mit dem richtigen Denken in den Griff zu kriegen. Es ist leicht einzusehen, dass die allgemeine Lebenserfahrung deutlich auf der Seite seiner Gesprächspartner ist. Als Beispiel wird der König von Makedonien angeführt, dieser müsste Sokrates‘ Lehre zufolge elend und nicht – wonach es nämlich in Wirklichkeit aussieht – glückselig sein, da er doch auf so ungerechte Weise zur Herrschaft gelangt ist. Das ist aber kein Beweis für Sokrates (und auch Kant hätte das nicht überzeugt; was die richtige Moral ist, ist keine Frage der Erfahrung). Er hält unbeirrbar seine eigene Grundüberzeugung für „Wahrheit“ und alle Gegenargumente für „falsche Zeugen“, auch wenn diesen alle Athener und die Fremden zustimmen würden. Am Ende des Dialogs räumt Sokrates allerdings eine Sache ein, und zwar dass wir „so beschaffen“ sind, dass „wir doch nie einig sind mit uns selbst über dieselbe Sache, und zwar über die wichtigste; so ganz und gar sind wir noch untauglich.3
– Hier sind wir nun bei der Binsenweisheit angelangt, dass der Mensch seine Meinung ändern kann.
In Platons Vorstellungswelt wird dieses Problem mit dem Reich der Ideen aufgefangen, und das zeigt die Unmöglichkeit mit dem logos, durch Diskurs und mit Argumenten, zu überzeugen.
Ich erläutere kurz, wie Platon sich das vorstellte. Er nahm an, dass das Denken über Gerechtigkeit sich an vollkommenen Vorstellungen orientiert. Hieraus ergab sich die Frage, wenn der Mensch in der Welt nur nicht vollkommenen Beispielen von Gerechtigkeit begegnet, woher hat er die Vorstellung von der vollkommenen Gerechtigkeit? Er versuchte das zu erklären, indem er weiter annahm, dass es eine vorgeburtliche Existenz des Wissens um Gerechtigkeit gibt, die Idee des Gerechten (d.i. die platonische Idee, nicht gleichzusetzen mit dem, was wir üblicherweise unter Idee verstehen), welches unvergänglich, unwandelbar und unabhängig vom Menschen existiert und das jeder Mensch als vollkommenes Urbild in sich trägt. In der Welt vorzufinden ist nur ein unvollkommenes Abbild des vollkommenen ursprünglichen Urbilds. Durch das Maß seiner Teilhabe am Urbild, jener dem Menschen innewohnenden Wahrheit, kann er im konkreten Fall Recht von Unrecht unterscheiden. Die Natur der Seele eines Menschen befähigt ihn, diese Wahrheit mit den Augen des Geistes zu schauen, und die Seele kann durch Bestrafung besser gemacht werden.
– Eine phantastische Theorie, die schon damals kaum einen überzeugt hat.
Sokrates habe davon nichts gewusst und auf mythische Erklärungen Platons will Arendt sich nicht einlassen. Und weil sie gerne versucht, die Dinge auf einen gemeinsamen Nenner zu bringen, schließt sie die Diskussion damit ab, was beide Philosophen lehren, nämlich dass es Menschen gibt, die Recht von Unrecht zu unterscheiden wissen, ob nun aus sich selbst heraus (bei Sokrates) oder davon unabhängig (bei Platon), ist unerheblich. Übertragen auf das moralische Problem, das Nazi-Deutschland aufgeworfen hat, bedeutet das: Es gibt zwei Kategorien von Menschen, die Verweigerer und die Mitmacher. Für die einen ist der Satz („Es ist besser Unrecht zu leiden…“) absolut evident. Und den anderen können sie nicht beweisen, dass sie so handeln müssen.
– Um zu dieser Einsicht zu gelangen, brauchen wir wahrlich nicht die Philosophie. Und niemand weiß das so gut wie die Philosophen selbst.
Nun zu Arendts Interpretation des Sokrates.
Anmerkungen
1, 2, 3.Platon, Gorgias. Zitiert nach der Übersetzung von Schleiermacher.
http://wuestegarten.de/eichmann-in-jerusalem/reflexion-ueber-eichmann-in-jerusalem/reflexion-ueber-eichmann-in-jerusalem-teil-iv-sokrates/
http://bibelkreis-muenchen.de/?p=4804