Kant und die Vernunft

Kant wählte für seine Maxime den Imperativ, obwohl sein Inhalt sich aus der Vernunft ableitet und deswegen schon zwingend ist.
Warum wählte er ihn trotzdem?
K [=Kant]: Um eine Verpflichtung einzuführen.
A [=Arendt]: Wer sollte verpflichtet werden?
K: Der Wille, damit er das tut, was die Vernunft ihm sagt.
A: Gibt also die Vernunft dem Willen Befehle?
K: Der Wille wird nicht nur durch die Vernunft bestimmt, sondern auch durch Neigungen. Jede Neigung ist eine Versuchung, die von außen auf mich einwirkt und mich fehlgehen lässt. Deswegen muss der Wille durch die Vernunft genötigt werden.
A: Inwiefern ist der Wille dann frei?
K: Freiheit heißt, nicht von äußeren Umständen bestimmt zu sein. Neigung ist damit unvereinbar, weil ich von etwas in der Welt außerhalb von mir affiziert bin. Die Vernunft ist frei von Neigungen und nur durch sie bin ich autonom, mein eigener Gesetzgeber und erlange darin meine Würde und bin Zweck an sich.
A: Das klingt ja schön und gut, aber versuchst du da nicht den Willen zu überreden, das Diktat der Vernunft zu akzeptieren?
K: Der Gute Wille muss nicht überredet werden; er wählt, was die Vernunft als gut erkennt. Nur ein Wille, der frei von Neigung ist, kann gut und frei genannt werden.
A: Nehmen wir mal an, dass es einen solchen Willen gibt. Wenn ich trotzdem nicht tue, was die Vernunft mir befiehlt?
K: Dann bist du ungehorsam gegenüber dem moralischen Gesetz in dir.
A: Die Pflicht zum Gehorsam habe ich also vor allem mir selbst gegenüber. Und warum soll ich meine Pflicht tun? Weil es meine Pflicht ist! – Ist eine solche moralische Verpflichtung nicht letztlich eine Leerformel?
K: Die Pflicht leitet sich aus dem moralischen Gesetz ab, das die Vernunft dem Willen auferlegt. Die Vernunft ist in Fragen der Moral genauso unwiderlegbar wie im Bereich anderer Vernunftwahrheiten [etwa mathematischer]. Das Kriterium ist die Widerspruchsfreiheit. Ich gehe davon aus, dass jeder Mensch vermöge seiner Vernunft wissen kann, was Recht und Unrecht ist. Niemand will böse sein und die es trotzdem sind, fallen in moralische Absurdität und müssen sich selbst verachten.
A: Die Furcht vor Selbstverachtung reicht kaum aus, jemanden davor zurück zu halten, Unrecht zu tun. Was ist im Konfliktfall zwischen moralischem und staatlichem Gesetz zu tun, wenn die Gesetze des Staates etwas anderes vorschreiben?
K: Das höhere, nämlich das moralische, ist zu befolgen; es ist selbstverständlich, denn seine Quelle ist die Vernunft. Wer sich davon bestimmen lässt, was ihm von außen – sei es Staat, Gesellschaft oder Kirche – auferlegt wird, ist nicht autonom; das hat keinen moralischen Wert.
A: Du setzt voraus, dass der Mensch, wo immer er hingeht, was immer er tut, sein eigener Gesetzgeber ist, eine völlig autonome Person. Du scheinst nicht zur Kenntnis zu nehmen, dass Menschen die Erde bewohnen, nicht der Mensch. Du gibst doch an anderer Stelle selbst zu, dass der Mensch sich an Beispielen orientiert.
K: Gewiss. Aber ich zweifele nicht daran, dass, wann immer die Vernunft sich dem Beispiel der Tugend gegenüber sieht, weiß, was Recht ist, und das Gegenteil Unrecht. Wenn du der Vernunft nicht folgst, die alle Menschen aufgrund ihres Menschseins, ja alle vernünftigen Wesen [heißt Gott und die Engel], gemein haben, weigerst du dich, deine Rolle als Gesetzgeber der Welt zu spielen.
A: Ich habe den Eindruck, dass deine Philosophie der Vernunft, die purer Verstand ist, dem Problem des Bösen ausweicht. Das Böse bleibt so formal und inhaltsleer wie dein kategorischer Imperativ. Das ganze Beiwerk von Pflicht, Gehorsam, Guter Wille und Selbstbestrafung spielt sich nur innerhalb des Menschen ab und die Vernunft verleiht dem Ganzen objektive Gültigkeit, sodass auch „ein Volk von Teufeln“ – um es mit deinen eigenen Worten zu sagen – oder ein vollkommener Schurke entsprechend den Diktaten der „richtigen Vernunft“ handeln kann. Das erscheint mir widersprüchlich.
Arendt wendet sich Sokrates zu. Katharina Wallhäußer
http://wuestegarten.de/eichmann-in-jerusalem/reflexion-ueber-eichmann-in-jerusalem/reflexion-ueber-eichmann-in-jerusalem-teil-iii-kant/
Siehe auch

Sokrates und das Denken