Die Wissenschaft

Einer der großen Philosophen des 20. Jahrhunderts, der Begründer der sog. Analytischen Philosophie Ludwig Wittgenstein schreibt einmal: „Es ist der Aberglaube der Moderne, die Naturgesetze erklärten uns die Ereignisse der Natur, also den Lauf der Welt.“ Die Wissenschaft hat es prinzipiell mit den Regelmäßigkeiten zu tun, nicht mit den Ausnahmen, oder mit Ausnahmen nur dann, wenn sie es uns ermöglichen, die Regeln besser zu formulieren, nämlich so, dass die Ausnahmen keine Ausnahmen mehr sind. Ich habe einmal den Physiker und Philosophen Carl Friedrich von Weizsäcker gefragt, wie er reagieren würde, wenn er sehe, dass ein Stein, den er in der Hand hält und loslässt, plötzlich nach oben stiege statt nach unten zu fallen. Weizsäcker antwortete: „Ich würde versuchen, es so schnell wie möglich zu vergessen“. Das ist eine vernünftige Antwort eines Physikers. Denn die Physik hat es mit Regeln zu tun, nicht mit Ausnahmen. Und ein vernünftiger Physiker wird eher bereit sein an eine Halluzination zu glauben, als dass er wegen eines einzigen, nicht wiederholbaren Falles bereit wäre, Newtons Gravitationskonstante zu ändern. Im Übrigen sind uns Menschen, die leicht bereit sind, Wundergeschichten zu glauben, nicht vertrauenswürdig. Warum verdient es ein Ereignis, wie der nach oben fliegende Stein, vom dem, der es erlebt hat, alsbald vergessen zu werden, und von dem, dem man es erzählt hat, nicht geglaubt zu werden? Weil es keinen Sinn hat.
Liebe Freunde, die Wissenschaft hat es mit dem Alten zu tun. Wissenschaftliche Erklärungen sind Rückführung von Unbekanntem auf Bekanntes, vom Neuen auf Altes. Darum gibt es keine wissenschaftliche Erklärung des Auftretens von Neuem, vom Leben, vom Empfinden, von Bewusstsein. All diese Phänomene sind, wie uns die Physiker sagen, extrem unwahrscheinlich. Aber sie sind wirklich. Wenn uns also Fachleute sagen, die jungfräuliche Mutterschaft Marias sei sehr unwahrscheinlich, so sagen sie uns nichts Interessantes. Dieses Ereignis ist sogar extrem unwahrscheinlich, ähnlich wie das Auftreten von Leben im Universum. Aber deswegen ist es doch wirklich.

Professor Robert Spaemann
Geboren von der Jungfrau Maria Predigt in der Evangelischen Stadtkirche Darmstadt am 7. März 2004 im Rahmen einer Predigtreihe über das Apostolische Glaubensbekenntnis


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