Die Tragik des 20. Jahrhunderts (Teil 3)

These 3:
Die Gemeinschaft, die soziale Nähe und der Zusammenhalt unter den Leuten in (ehemals) kommunistischen Ländern ist offener, tiefer, inniger …, als die in nicht-kommunistischen, d.h. vor allem kapitalistischen Ländern. Das hat der Kommunismus gefördert und ist ihm zu verdanken.

Handelt es sich bei dieser These um eine Geschichte aus der Kommunistischen Mythologie oder ein Gerücht, welches manche für wahr halten — oder ist da wirklich etwas Wahres dran?

Ausgehend von dieser These habe ich zwei Fragen:

  1. Ist die Gemeinschaft in ehemals kommunistischen Ländern wirklich besser als in Ländern, die den Kommunismus nicht erlebt haben? (Wirkung)
  2. Wenn sie besser ist, ist das auf den Kommunismus zurück zu führen oder auf etwas anderes? (Ursache)

Zu Frage 1: Welche Messkriterien wenden wir an? Wie bestimmen wir, ob eine Gemeinschaft besser ist als eine andere? Es gibt hier keine greifbaren Quantitäten, die man statistisch erfassen, zählen, messen, oder wiegen könnte. Wir müssen auf Erfahrung, Alltagswahrnehmungen und subjektive Bewertungen zurückgreifen, die aber deswegen nicht falsch sein müssen. So ist das bei ganz vielen Fragen und nur die wenigsten lassen sich rechnerisch beantworten, vielleicht sind es sogar die weniger interessanten.

Um die erste Frage zu beantworten, würde ich Menschen zu Wort kommen lassen, die die Gemeinschaft im Kommunismus erlebt haben. Siehe Artikel 2. Als gleichzeitig positives und negatives Beispiel führe ich Wolfgang Leonhards Erfahrungsbericht an, den er in seinem Buch Die Revolution entlässt ihre Kinder schildert, Kap. 5, Abschnitt Natürliche Entspannung und «organisierte Geselligkeit».

Bei Frage 2 geht es darum, ob zwischen der vermeintlichen Ursache und Wirkung eine Korrelation oder eine Kopplung besteht. Selbst wenn es einen Zusammenhang zwischen (A) „Kommunismus“ und (B) „bessere Gemeinschaft“ gibt, kann man immer noch nicht auf eine Auswirkung von (A) auf (B) schließen. Man muss also nicht nur einen Zusammenhang nachweisen, sondern auch eine Wirkung von A auf B. Hier ist keine einfache Beweisführung möglich. Verglichen damit sind naturwissenschaftliche Theorien fast schon trivial. Und selbst diese können niemals bewiesen werden, sie sind nur mehr oder weniger gut belegt. Ob eine Theorie endgültig wahr oder falsch genannt werden kann, ist eine tiefgreifende Kontroverse.

Aber wir sind hier nicht im Labor, sondern bei einem gemütlichen Abendessen unter Freunden. Reden wir also nicht über wissenschaftliches Wissen, sondern über unsere alltäglichen Wahrnehmungen. Mein Freund und ich haben ganz unterschiedliche Überzeugungen, selbst wenn wir dieselbe Gruppe von Leuten beobachten und unsere Schlüsse über die Qualität ihrer Gemeinschaft ziehen.

Zum Beispiel habe ich diese Alltagstheorie (nur eine von mehreren): Die bessere Gemeinschaft in der nach-kommunistischen Zeit ist eine Auswirkung der Erlebnisse unter dem kommunistischen Regime in der Vergangenheit, welches eine gute Gemeinschaft erschwerte. Die Menschen, die den Kommunismus erlebt haben, sind jetzt, nachdem das kommunistische Regime abgelöst wurde, zu tieferer Gemeinschaft und stärkerem Zusammenhalt bereit, gerade weil das im Kommunismus nicht möglich war. Vielleicht kehren diese Menschen zu etwas zurück, was vor dem Kommunismus da war und jetzt wieder möglich ist. Was die Ex-DDR und Ex-Sowjetunion angeht, kehren sie einfach zu ihrem „normalen Menschen“ zurück, der nicht von Spitzeln und Flüsterern umgeben ist. Vielleicht war aber auch die Gemeinschaft im Kommunismus gar nicht so schlecht, weil man sich die ganze Zeit von Feinden umgeben sah und deswegen umso enger mit den echten Freunden und Gesinnungsgenossen zusammen gerückt ist.

Welche dieser beiden Theorien ist näher an der Wahrheit? Die meines Freundes oder meine?
Jeder von uns hat ein bestimmtes Hintergrundwissen, das seine Theorie über den Kommunismus beeinflusst. Die Theorie, die ich bereits habe, prägt die Beobachtungen, die ich mit meinen Sinnen mache, noch bevor etwas gewusst und geklärt werden kann. Die Umstände, unter denen ich eine menschliche Gemeinschaft beobachte, beeinflussen meine Wahrnehmung. Sie können günstiger sein, wenn ich die Beobachtung als Urlauber mache, als wenn ich dasselbe als Einheimischer tue. Die Problematik der Umstände und unserer Voreinstellungen (Fachbegriff: Theoriebeladenheit von Beobachtungen), besteht unabhängig davon, ob ich das Verhalten von Chemikalien im Reagenzglas, von Fischen im Aquarium oder von Menschen in einer Gesellschaft beobachte. Abgesehen davon, gibt es viele Dinge, die nicht beobachtet werden können, über die wir aber implizit Annahmen treffen.

Wer hat denn nun Recht? Einen endgültigen Beschluß wird es hier von meiner Seite nicht geben. Ich hoffe, wir werden in unserem Freundeskreis noch öfters diese Frage diskutieren. Und das ist umso spannender, interessanter und lehrreicher, als dass wir nicht alle derselben Meinung sind. Also, zurück zu den geistigen Waffen und rein in den Kampf um die Wahrheit (nicht zu verwechseln mit Recht)! Aber mit Liebe oder wenigstens Achtung, wir wollen schließlich als Freunde auseinander gehen, auch wenn unsere heftigen Diskussionen oft dem Brausen des Meeres gleichen 🙂  http://wuestegarten.de/die-tragik-des-20-jahrhunderts-teil-3/