Die Tragik des 20. Jahrhunderts (Teil 2)

Ich rekapituliere kurz: Die Kritik deutscher Journalisten am Kommunismus ist unglaubwürdig oder zumindest unangebracht, weil sie von der eigenen Nationalsozialistischen Vergangenheit ablenkt. Selbst wenn ihre Väter keine Nazis waren, stehen deren Angehörige, Kinder der nachfolgenden Generationen, unter Generalverdacht. Darüber sprach der vorhergehende Artikel.
Nun weiter mit der zweiten These:
Der Kritik von ehemaligen Kommunisten ist auch nicht zu trauen, gerade weil sie selbst Kommunisten waren. Sofern sie sich nicht ins Privatleben zurück gezogen haben, wird ihnen vorgeworfen, dass sie ihre Erfahrungen als Sprungbrett für eine neue Karriere als Experten des Kommunismus nutzten.
Zu letzteren zählt mein Freund des Kommunismus den Historiker Wolfgang Leonhard. Er sei aufgrund seiner Wende um 180 Grad aus der Reihe der vertrauenswürdigen Kritiker ausgeschlossen.
– Schließen wir doch gleich auch Alexander Solschenizyn und Karl Raimund Popper aus und mit ihnen alle anderen, die durch dieses Raster fallen. Es fragt sich, wer dann noch übrig bleibt, dem man eine Kritik zutrauen darf?
Den deutschen Journalisten nicht. Den ehemaligen Kommunisten, die jetzt den Kommunismus offen ablehnen, auch nicht. Die ehemaligen Kommunisten, die sich nicht mehr dazu äußern, schweigen brav.
Wer ist dann noch ein glaubwürdiger Zeuge, wenn wir mal die Kommunisten selbst und ihre Freunde aus dem Kreis der „goldenen Mitte“ ausschließen? Nun, ich will nicht sagen, dass das eine leere Menge ist. Sicherlich gibt es noch viele Unentschiedene und vor allem junge Leute, die zum Kommunismus bekehrt werden könnten.
Wen fragen wir aber, wenn wir etwas über den Kommunismus erfahren wollen? Die Geschichtsbücher? – Gut. Sie werden auch von manipulierbaren Menschen geschrieben, von Historikern, die sich ein Urteil gebildet haben, bevor sie etwas schreiben (siehe erster Artikel; oder meinen wir etwa, dass Historiker nur berichten aber niemals richten?). Wen noch? – Ich bin dafür, dass wir die Kommunisten selbst fragen. Natürlich. Lies Marx, Lenin, Trotzki, das Parteiprogamm der DKP, der MLPD usw. usf., meinetwegen, bitte schön! Wenn ich etwas über Gott erfahren will, frage ich schließlich auch nicht die Atheisten. Warum mit den Gegnern anfangen?
Sobald wir aber anfangen, uns mit dem Thema zu beschäftigen, werden wir schnell merken, dass wir auch die Gegenseite, darunter auch Ex-Kommunisten wie Solschenizyn, Leonhard, Popper, usw., fragen müssen, um zu einem Gesamturteil zu gelangen. Mein Kommunismus-Freund blendet das aus. Er ist da unerbittlich, weil er an vieles unerbittlich nicht denkt. Allein, eine vollzogene Wende macht niemanden zu einem unglaubwürdigen Zeugen. Leonhard hat doch nicht seine eigene Geschichte nach der „Wende“ neu geschrieben. Er kommt lediglich zu einem anderen Urteil. Ist der Apostel Paulus ein unglaubwürdiger Jude, weil er eine radikale Wende zum Christentum vollzogen hat? Ich glaube, jeder Bibelkenner im weitesten Sinne würde das verneinen. Vielleicht ist ein solcher „Umkehrer“ glaubwürdiger als jeder Mitläufer, der das rote Parteibuch eingesteckt und dafür sein Gehirn abgegeben hat.
Die Umkehrer sind eine unverzichtbare Ergänzung für unser eigenes Urteilen. Im politischen Bereich brauchen wir ihre Stimmen, d.h. ihre Meinung (ich spreche nicht von Wahlen), als Gegengewicht. Das gesellschaftliche Gleichgewicht ist anders nicht zu erreichen und nicht zu halten. Mein Freund will die „goldene Mitte“. Aber sie ist verschwindend klein, nur schwer abzugrenzen und total irrelevant, sie interessiert keinen und nützt keinem. Oder will er etwa eine Partei, wo alle einstimmig dasselbe reden? Das kann man gerne bekommen, wir müssen nur anfangen alle Gegenstimmen zum Verstummen zu bringen. Warum Oppositionen und Alternativen dulden? Ist doch anstrengend, diese Meinungsvielfalt!
Karr!
Nachtrag: Ein passendes Titelbild für diesen Beitrag wären wahlweise Paul Webers Schlag ins Leere (1934/1951) oder Hammerschläge (1971). Wegen der Urheberrechte verlinke ich hier nur die Webseite. Der Leser darf sich das selbst aussuchen.

Die Tragik des 20. Jahrhunderts (Teil 2)