Die Tragik des 20. Jahrhunderts

Wie man sehen kann, ist das Titelbild zu diesem Beitrag ein Zeitungsausschnitt1. Bekanntlich sind die Zeitungen und das Internet als Quellen wahrer Aussagen total zuverlässig. In den Social Media bspw. bekam ich in den vergangenen Monaten öfters mit, wie die Leute, mit denen ich vernetzt bin, sich darüber empörten, dass „die Medien“ den Kommunismus zu unrecht „verherrlichen“ würden. Darüber könne man nicht ruhig sein, wenn man in die Geschichte blickt, die eindeutig davon zeuge, „wie viel Übel der Kommunismus angerichtet hat“.

Vergangene Woche dann, beim Zusammensein mit Freunden, warf einer die Frage auf, ob der Kommunismus wirklich so schlecht ist, wie allgemein behauptet wird, oder ob er eigentlich nur nicht richtig umgesetzt wurde. Daraufhin empörte sich ein anderer über das „aktuell so verbreitete … Kommunismusbashing“ und „die Verteufelung des Kommunismus“ in den Medien.
Hier fällt schon auf, dass verschiedene Leute zu völlig entgegen gesetztem Urteil kommen, in derselben ganz allgemeinen Frage, wie der Kommunismus in dem Meinungsbild der Medien wegkommt. Die einen sagen: Er kommt zu schlecht weg. Die anderen sagen: Er kommt zu gut weg. Kann es sein, dass denen, die dem Kommunismus eher positiv gegenüber stehen (aus welchen Gründen auch immer), der Tadel eher ins Auge fällt, und den anderen, die den Kommunismus ablehnen (aus welchen Gründen auch immer), das Lob. Nimmt hier jeder nur die Kritik an der eigenen Meinung wahr? Oder reagiert man empfindlicher auf Kritik als auf Fürsprache? Fällt es da nicht mehr auf, dass es durchaus ein Gegengewicht zu dieser Kritik gibt, das sogar die eigene Meinung stützt?
Vielleicht handelt es sich aber auch um ein ganz anderes Phänomen, das im Zusammenhang mit Massenmedien auftritt? Wie kommt man z.B. darauf, dass die Stimmen der Gegenpartei zu laut und zu zahlreich geworden sind? Vielleicht wird hier durch ein Gerücht absichtlich die ohnehin schon vorhandene Neigung zur Polarisierung befördert?

Die Argumente meines „Freundes des Kommunismus“ (nur ein vereinfachender Arbeitstitel) waren Folgende:

  1. Die hiesigen Journalisten, die den Kommunismus „bashen“, sollen erst einmal in die eigene Vergangenheit gucken, was ihre Väter alles angerichtet haben. Angesichts dessen, geziemt es sich nicht, seinen Finger gegen andere politische Systeme und Machthaber zu erheben, andere zu kritisieren u.dgl.
  2. Kommunismuskritiker, die früher selbst überzeugte Kommunisten und Funktionäre waren (konkretes Beispiel Wolfgang Leonhard), sind unglaubwürdig, weil die Wendung um 180 Grad sie zu Extremisten mache. Ihre Ansichten sind unausgewogen; gut ist aber die goldene Mitte, wozu sie durch ihre Biografien nicht fähig sind.
  3. Die Gemeinschaft, die soziale Nähe und der Zusammenhalt unter den Leuten in (ehemals) kommunistischen Ländern ist offener, tiefer, inniger …, als die in nicht-kommunistischen, d.h. vor allem kapitalistischen Ländern. Das hat der Kommunismus gefördert und ist ihm zu verdanken.

Selbstverständlich fassen diese drei Punkte seine Meinung nicht erschöpfend zusammen. Das sind nur die wenigen, die wir in einer sehr kurzer Zeit anrissen. Und meine Meinung dazu, ist die eines Laien, total subjektiv und hier sehr verkürzt wiedergegeben. Ich bin nicht neutral und finde Neutralität in dieser Frage auch nicht erstrebenswert. Meiner Ansicht nach ist hier Neutralität selbst auf historisch-wissenschaftlicher Ebene fast unmöglich zu erreichen. Wir tadeln auch nicht die Historiker, die ein Urteil über die Dinge fällen, bei denen sie selbst nicht dabei gewesen sind. Es ist bspw. im Moment nicht denkbar, dass einer, der das deutsche Nationalsozialistische Regime offen befürwortet und bewirbt, ein glaubwürdiger Professor für Geschichte sein könnte. Insofern er es ablehnt, hat er den Boden der Neutralität verlassen.

Zur Eingangsfrage:
Wurde der Kommunismus bisher nur nicht richtig umgesetzt, obwohl er an sich keine schlechte Erfindung ist?

Hier schwingt die allgemein verbreitete und ebenso falsche Ansicht mit: Was die im Osten hatten, war eigentlich gar kein richtiger Kommunismus.
Wer kann uns denn sagen, was der „richtige Kommunismus“ ist? Es gibt keinen allgemein-gültigen Maßstab oder Regelwerk, das ein für allemal verbindlich und für alle fest legt, wie ein politisches System, welches sich Kommunismus nennen darf, auszusehen hat. Es gibt nicht den idealen Kommunismus, es gibt den Kommunismus nur in der Praxis. Welche guten Früchte hat denn der Kommunismus in der Praxis bisher getragen?

Punkt 1:
Man darf nicht den Kommunismus kritisieren, angesichts dessen, dass man selbst eine Hitler-Vergangenheit hatte.

Hier schwingt der Vorwurf der Selbstgerechtigkeit desjenigen mit, der sich ein Urteil erlaubt. Nach dem Motto: Man fasse sich an die eigene Nase, bevor man an anderen herum meckert. Was siehst du den Splitter, der in deines Bruders Auge ist, den Balken aber in deinem Auge nimmst du nicht wahr?
Aus dieser Perspektive, dürfte ich hier über den Kommunismus herziehen wie ich wollte, weil weder ich noch meine direkten Vorfahren, in dieses Schema passen. Als Russlanddeutsche wurden wir in ganz andere Bedingungen hineingeboren. Keine Abkömmlinge von (potentiell) Ehemals-Nazis. Ich kann natürlich nicht sagen, ob wir uns nicht auch gleichgeschaltet hätten, wären wir auf deutschem Boden geboren. Ist mein Urteil deswegen mehr berechtigt? Oder haben die Opfer des Kommunismus sich durch das Leiden ein Recht zu urteilen erworben, das anderen nicht zusteht? Nein, das Urteil derer, denen der Freund des Kommunismus die Befugnis dazu absprechen will, ist genauso berechtigt, ganz egal wie es ausfällt. Jeder darf urteilen. Verwechseln wir nicht selbstauferlegte Maulkörbe mit aufrichtiger Selbstkritik.

Soll die amerikanische Regierung sich erst noch mal für die Atombombe entschuldigen, bevor sie sich in den Ukraine-Konflikt einmischt?
Sollen deutsche Politiker, die die israelische Siedlungspolitik kritisieren, sich jedesmal für die Konzentrationslager entschuldigen?
Erwarten wir, dass Journalisten das tun?
Man kann nicht alles auf einmal behandeln. Es ist eine Sache: Ich habe selbst Fehler in der Vergangenheit gemacht (Nazi-Regime befürwortet). Es ist eine andere: Ich kritisiere die Fehler eines anderen Regimes (kommunistische Länder). Die Kritik darf nicht immer als Ablenkung von den eigenen Fehlern des Kritikers aufgefasst werden. Das ist es ja: Das Nationalistische System in Deutschland längst passé. Man hat die eigenen Fehler eingesehen und offen zugegeben. Sollen wir trotzdem immer noch erwarten, dass jeder Journalist, der sich kritisch zum Kommunismus äußert, seinem Artikel den Satz voranstellt: „Übrigens ist der Autor auch Kritiker des Nationalsozialismus“? (Wenn es nach anderen ginge, müsste er vielleicht noch hinzufügen: „Ich kritisiere auch alle Fleischesser und alle Nicht-Fairphone-Besitzer.“) Im Ernst: Man darf hier trennen und muss sogar trennen, wenn man sich eben ein ganz bestimmtes Thema gegeben hat, welches andere Themen ausschließt. Es ist nichts verwerflich oder falsch dran, entweder ausschließlich über das eine (Nationalsozialismus) oder ausschließlich über das andere zu reden (Kommunismus).

Die Tragik des 20. Jahrhunderts