Evangelikale Moral

Das praktische Leben vieler evangelikaler Christen nähert sich zusehends dem gesellschaftlichen Durchschnitt. Manchen sind Bibelverse dabei vollkommen egal, weil Glaube für sie nur noch darin besteht, ein Leben nach dem Tod für wahrscheinlich zu halten und darauf zu vertrauen, dass Gott hier auf der Erde schon alles segnet, was sie bereits für sich geplant haben. Eine wirkliche Lebensveränderung wird zumeist nicht einmal in Betracht gezogen. Was man sich wünscht, wird als richtig erklärt. In die eigenen Entscheidungen will man sich weder von Gott noch von Glaubensgeschwistern hineinreden lassen. Andere Christen spüren noch ein vages geistliches Unwohlsein. Doch statt sich der Prägung Gottes auszusetzen und dann auch unangenehme Entscheidungen zu treffen, suchen sie intensiv nach Möglichkeiten klare biblische Aussagen wegzuerklären. Die einfachste Strategie ist dabei natürlich die Feststellung, dass Gott genau zu dieser Frage schweigt und deshalb alles erlaubt ist. Wenn sich dann doch eine biblische Anweisung findet, dann wird erklärt, das gelte nur für die damalige Zeit. Heute sei alles anders, entweder, weil wir als Christen heute im Zeitalten der Freiheit und Gnade leben oder weil die Ausgangslage heute halt ganz anders sei als im alten Israel oder zur Zeit des Paulus. In Wirklichkeit aber wollen die betreffenden Christen garnichtmehr auf Gott hören, sie suchen lediglich noch einen einfachen Weg das stille Rufen ihres Gewissens zu beruhigen.
Natürlich ist die Argumentation, in der Bibel wird dies oder das nicht ganz deutlich verboten, also muss es wohl erlaubt sein, Unsinn. Mit dieser Logik könnte man auch behaupten, das Neue Testament verbietet Entführungen nicht deutlich genug, folglich sind Entführungen für einen Christen legitim. Oder: Das Neue Testament verbietet keine Ehen mit Tieren, also sind sie von Gott erlaubt. Wenn man wirklich nach dem Willen Gottes sucht, sollte man zuerst nach den deutlichen, positiven Aussagen zu einem Themenbereich suchen und den dann umsetzen. Dadurch regeln sich manche Sonderfragen weitgehend von alleine. Bei der Frage, ob Mann und Frau vor der Ehe zusammenziehen dürfen, sollte man also nicht nach einem strengen Verbot suchen, sondern nach Aussagen, wie Ehe positiv definiert und gelebt wurde (z.B. 1Mo 29, 21). Natürlich sollte es dabei schon zum Nachdenken bringen, dass im Alten Testament Sex zwischen Unverheirateten bestraft werden sollte (2Mo 22, 15; 3Mo 19, 29; 5Mo 22, 28f.; 5Mo 22, 13-21). An diesen Stellen wird auch deutlich unterschieden zwischen „Sex haben“ und „verheiratet sein“, weshalb man kaum behaupten kann, durch das Zusammenleben oder den Sex sei man vor Gott bereits verheiratet (vgl. 5Mo 20,7).
An allen Stellen im Neuen Testament, wo direkt oder im übertragenen Sinn von Ehe gesprochen wird, beginnt diese durch eine öffentliche Zeremonie. Mit einer gegenseitigen Verpflichtung wurde vor der ganzen Umwelt deutlich gemacht, dass man nun dauerhaft mit allen Rechten und Pflichten zusammengehört (Mt 22, 1-14; 25, 1-12; Joh 2, 1-11). Maria beispielsweise lebte nicht mit Joseph zusammen und hatte vor der Ehe auch keinen Sex mit ihm (Lk 1, 34; vgl. 1Kor 7, 36). Auch Paulus macht deutlich: entweder heiraten und zusammenleben oder alleine bleiben. In dieser Hinsicht soll es keinen Zwischenzustand geben (1Kor 7, 8f.). Der potentielle Partner sollte abgesehen von anderen positiven Eigenschaften gläubig sein (1Mo 28, 1ff.; 5Mo 7, 1-4; Spr 31, 30; 2Kor 16, 14; Jak 4,4). Außerdem untersagen zahlreiche Texte des Neuen Testamentes mit dem Begriff „Unzucht“ (Porneia) jeden Sex außerhalb der Ehe, also auch den vor der Hochzeit (1Kor 6, 15ff.; Eph 5, 3-8; Hbr 13, 4).
Wenn man wirklich eine Ehe nach Gottes Vorstellungen leben will, dann hindert auch nichts an einer offiziellen Hochzeit. Wenn man die Phase des Zusammenlebens aber eher als Probezeit versteht oder nur deshalb nicht heiratet, weil man keine dauerhafte Verpflichtung eingehen will, dann ist man offensichtlich nicht bereit, eine Beziehung in Treue und Liebe zu führen, wie Gott sie ursprünglich vorgesehen nat.
Evangelikale Christen bauchen wieder neu den Mut, Glauben nicht nur als Gefühl in einem Anbetungskonzert zu verstehen, sondern als konsequente und vertrauensvolle Beziehung zu Gott. Man muss Gott dann allerdings auch das Recht einräumen, mit Autorität ins eigene Leben hineinzusprechen. Gott ist aber schließlich auch derjenige, der den größeren Überblick hat, nicht wie ein Mensch mit seinem immer begrenzten Einschätzungsvermögen. Wenn Christen glaubhaft sein wollen, wenn sie Gottes Realität auch im Alltag erleben wollen, dann müssen sie sich von den ganz „normalen“ Vorstellungen des Zeitgeistes lösen und Gottes Maßstäbe akzeptieren, statt sie elegant wegzureden. Das ist dann eine echte Alternative, die vielleicht nicht kurzfristig jede Lust befriedigt, auf längere Frist hin aber erfüllend und erfolgreich sein wird. – Selbstverliebte Christen dürfen nicht erwarten, dass Gott sie auch noch in diesem eigensüchtigen Weg unterstützt. Am Ende werden sie halt leben wie Millionen anderer Zeitgenossen auch, durchschnittlich glücklich oder unglücklich, aber eben nicht mehr. Auch wenn es nicht populär wirkt, es lohnt sich, auch in ganz konkreten Fragen der Lebensführung nach Gottes Regeln zu fragen, statt immer nur das rechtfertigen zu wollen, wozu man gerade Lust hat.
„Und richtet euch nicht nach den Maßstäben dieser Welt, sondern lasst die Art und Weise, wie ihr denkt, von Gott erneuern und euch dadurch umgestalten, sodass ihr prüfen könnt, ob etwas Gottes Wille ist – ob es gut ist, ob es Gott gefallen würde und ob es zum Ziel führt!“ (Römer 12, 2) Michael Kotsch