Der Prolog des Johannesevangelium Teil 1

Teil 1
Am Anfang aller vier Evangelien wird Jesus in ein historisches Umfeld gestellt. Die Eröffnung des Johannesevangeliums nimmt dabei jedoch einen einzigartigen Platz ein. Das Matthäusevangelium beginnt mit dem Stammbaum Jesu und verfolgt Jesu Herkunft bis auf David und Abraham zurück. Das Markusevangelium setzt mit der Predigt Johannes des Täufers ein. Lukas widmet sein Buch Theophilus und schließt daran die Vorhersage der Geburt von Johannes dem Täufer an. Das Johannesevangelium aber beginnt mit einem theologischen Prolog. Es ist beinahe so, als ob Johannes gesagt hätte: „Ich möchte, daß Sie die Lehre und Taten Jesu näher kennenlernen. Doch Sie werden die gute Nachricht von Jesus nicht in ihrer ganzen Tragweite verstehen, wenn Sie nicht zugleich erkennen, daß Jesus Gott ist, der sich im Fleisch manifestiert hat, und daß alle seine Worte und Taten die Worte und Taten des Gottmenschen sind.“
Die wichtigsten Themen des Johannesevangeliums klingen bereits im Prolog an und werden später weiterentwickelt. Zu den Schlüsselbegriffen der johanneischen Sprache gehören „Leben“ (V. 4), „Licht“ (V. 4), „Finsternis“ (V. 5), „Zeugnis“ (V. 7), „wahr“ (V. 9), „Welt“ (V. 9), „Sohn“ (V. 14), „Vater“ (V. 14), „Herrlichkeit“ (V. 14) und „Wahrheit“ (V. 14). Zwei weitere entscheidende theologische Termini sind „das Wort“ (V. 1) und „Gnade“ (V. 14). Sie kommen allerdings trotz ihrer Bedeutung nur in der Einleitung vor. Der Begriff „Wort“ (Logos) steht zwar noch an anderer Stelle, dort aber nicht mehr als christologischer Titel.
In diesem ersten Kapitel werden vierzehn verschiedene Titel oder Herrlichkeiten des Herrn erwähnt: Er ist das Wort, Er ist Gott, der Schöpfer, das Leben, das Licht, der Eingeborene vom Vater, Jesus, Christus, der Herr (Jehova), das Lamm Gottes, der mit Heiligem Geiste Taufende, der Sohn Gottes, der König Israels, der Sohn des Menschen.
Die ersten achtzehn Verse des Vierten Evangeliums umfassen einen Abschnitt, den man als „PROLOG“ bezeichnet. In diesen Versen werden Handlungen und ihre Deutung in einen Rahmen von Meinungen und Gedanken gesetzt, und hierdurch wird es dem Durchschnitts-Christen möglich, die Tragweite und Bedeutung der großen Gegensätzlichkeit zu erkennen.
Die Aufgliederung dieses Prolog-Textes teilen den Text zunächst einmal in zwei größenmäßig unterschiedliche Sektionen die jeweils die Person zum Thema haben, die in ihnen vorkommt: einmal LOGOS, oder: das Wort, und zweitens Johannes der Täufer. Der erste Name bezieht sich auf den Herrn Jesus Christus, der das Hauptthema dieses Textes überhaupt ist. Der zweite steht in Relation zum ersten und ist nur von untergeordneter Bedeutung. Betrachten wir den Text also nach der Unterteilung, wer den diese beiden Aspekte sichtbar. Die Verse 1- 9-14, 16-48 handeln von dem Wort; die Verse 6-8 und 15 dagegen beschäftigen sich mit Johannes dem Täufer.
Klammern wir die Abschnitte, die sich auf Johannes den Täufer beziehen, einmal aus, fällt auf, daß der verbleibende Text zu einer Beschreibung des Wortes wird, der sich generell in dreizeilige Strophen gliedern läßt. Vers 1 liest sich zum Beispiel dann so:
Im Anfang war das Wort
und
Das Wort war bei Gott
und
Gott war das Wort.

Die natürliche Struktur des Prologs erlaubt eine Gliederung in sieben Abschnitte, die jeweils einen Aspekt des Begriffes LOGOS beleuchten. Diese Abschnitte beinhalten auch, kurzgefaßt und in meist abstrakten Formulierungen, die Hauptpunkte des gesamten Evangeliums. Der Bericht, der sich ihnen in den weiteren Kapiteln anschließt, erklärt und ergänzt diese Hauptpunkte nur durch historische Begebenheiten.
Somit bildet der Prolog also den Anfang einer Darstellung der Person Jesu Christi, der sich grundlegend von denen der an deren Evangelien unterscheidet. Er ist nicht so sehr biographisch oder geschichtlich, sondern vielmehr theologisch. Natürlich kann an der biographischen oder geschichtlichen Richtigkeit kein ernstzunehmender Zweifel bestehen, aber doch liegt der Hauptakzent des Prologs auf Interpretation nicht auf Chronik. Er stellt fest, daß Jesus nicht nur die von den Menschen anerkannte historische Persönlichkeit ist, sondern weit mehr: der Entscheidungsfaktor und Endpunkt des Universums.
Hier ist also eine wirklich poetische Struktur: eine dreizeilige Strophe mit jeweils in sich abgeschlossenen Aussagen, bei denen die zweite sich logisch und gedanklich auf die erste bezieht, und die dritte auf die zweite; alle zusammen bilden eine gedankliche Einheit. Einige dieser Strophen bestehen auch aus vier Zeilen, bedingt durch beigefügte Konjunktive, aber jeder dieser Drei- oder Vierzeiler repräsentiert einen bestimmten Aspekt der Beziehung des Wortes zum Universum.
Das Wort LOGOS, das viermal vorkommt, bedeutet weit mehr als die deutsche Übersetzung: „Wort“. Ein Wort ist ein Gedanke, der durch eine Kombination von Geräuschen und Buchstaben hörbar oder auf andere Weise der Umwelt verständlich gemacht wird. Ohne den Gedanken als Basis wird dieses Medium bedeutungslos. KXBZ mag vielleicht die Abkürzung eines Radio-Senders sein; aber als eine Kombination von Buchstaben und Geräuschen ergibt es, wenn es überhaupt aus gesprochen werden kann, keinen Sinn: es hat kein Konzept, keinen Gedanken zum Hintergrund. Der Begriff LOGOS umfaßt somit also die Intelligenz, die einen Gedanken plant, den Gedanken selbst und auch den übertragungsvorgang, durch den der Gedanke vermittelt wird. Dieser Begriff ist ein Terminus aus der griechischen Philosophie jener Zeit, der besonders von den Stoikern gebraucht wurde, um damit die kontrollierende Vernunft des Universums zu bezeichnen, den alles durchdringenden Geist, der regiert und jedem Ding auf Erden einen Sinn verleiht. LOGOS war eine der reinsten und gleichsam umfassendsten Bezeichnungen für diese Intelligenz, dieses Wesen oder diesen Willen, den wir Gott nennen. An diesem Punkt scheint es angebracht, auf den Unterschied hinzuweisen zwischen dem Gebrauch eines bekannten Wortes zur Erklärung einer bestimmten Wahrheit und der pauschalen Anerkennung einer ganzen Geistesströmung, die durch ein bestimmtes Wort repräsentiert wird. Der Autor des Vierten Evangeliums hat den Begriff LOGOS zweifellos mit vollem Wissen über seine Bedeutung in dem religiösen und philosophischen Vokabular jener Zeit gebraucht. Was konnte er denn Besseres tun, als das Vokabular seiner Zeit für seinen Zweck zu gebrauchen? Wenn er es benutzte, obwohl er die eigentlich gegensätzliche Bedeutung des Wortes kannte, war er ja gezwungen, durch seine eigene Definition den Mangel und die Fehler der allgemein üblichen Bedeutung aufzuzeigen: er wollte das Wort also ausschließlich mit seiner eigenen Definition verstanden wissen. Der Begriff LOGOS muß also in bezug auf die Person, die er bezeichnet, verstanden werden und nicht als ein Terminus der griechischen Religion, den der Autor willkürlich auf Jesus von Nazareth bezieht. Die Lehren des Johannes bilden den Beginn einer neuen Philosophie, die auf der Tatsache des auferstandenen Christus basiert und sich, zum besseren Verständnis, eines bekannten Begriffes bedient. Auf keinen Fall stellt sie aber den Versuch dar, durch den Gebrauch eines heidnischen Begriffes die Lehren von und über Jesus mit denen des Heldentums zu vermischen.


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