Blutspende?

Eine unmittelbar anwendbare Bibelstelle zum medizinisch begründeten Blutspenden gibt es nicht. Ganz eindeutig wird sowohl im Alten wie auch im Neuen Testament der Konsum von Blut (z.B. 1. Mose 9,2-4; 3. Mose 7,26.27; 5. Mose 12,23-25; Apg. 15, 19-21; 21, 25 ) und das Vergießen von menschlichem Blut (z.B. 1Mose 9, 6) verboten. Auf eine Blutspende treffen beide Aussagen nicht zu. Zum einen wird dabei kein Blut gegessen; schon gar nicht aus religiösen Gründen, wie es zur Zeit des Alten Testaments weit verbreitet war. Zum anderen wird beim Blutspenden im alttestamentlichen Sinne kein „Blut vergossen“ (darunter wird im biblischen Zusammenhang die Tötung eines Menschen verstanden).
Manchmal wird in entsprechenden Diskussionen auch auf die Aussage „im Blut ist das Leben / die Seele“ (z.B. 3. Mose 17,11.12) hingewiesen. Auch hier besteht aber kein direkter Bezug zur Blutspende. Es geht an diesen Stellen ganz offensichtlich um den Verlust der Gesamtheit des Blutes, um die Tötung eines Menschen (z.B. Hes. 14, 19; 28, 23). Wenn ein Mensch alles Blut verliert, verliert er auch seine Seele. Da die Seele aber keine materielle, sondern eine geistliche Größe ist, kann man sie nicht vereinfacht mit der Materie Blut identifizieren. Mit einer kleinen Menge Blut, die man infolge eines Unfalls oder beim Blutspenden vergießt, verliert man eben nicht einen Teil seiner Seele. Im Alten Testament werden zahlreiche Kämpfe beschrieben, bei denen durch Verletzungen selbstverständlich auch eine gewisse Menge Blut vergossen wurde. An keiner Stelle aber wird in diesem Zusammenhang von einer Schädigung oder dem Verlust der Seele / des Lebens berichtet. Die Seele / das Leben des Menschen wird nur dann unwiederbringlich geschädigt, wenn jemand sein ganzes Blut verliert, bzw. den größten Teil.
Blutspenden kann aber auch als Akt christlicher Nächstenliebe gedeutet werden, mit dem Menschen in medizinischen Notlagen das Leben erhalten wird. In diesem Fall wäre sie sogar positiv zu werten, solange keine andere biblische Norm verletzt wird.
Bei der „Spende“ lebensnotwendiger Organe ergibt sich das schwerwiegende ethische Problem, der angemessenen Todesdefinition; weil der Körper des Hirntoten bis zur Explantation des Herzens abgesehen vom Gehirn eben noch lebt. Auf die Blutspende trifft dieser Sachverhalt natürlich nicht zu, weil hier das Leben des Spenders in keiner Hinsicht gefährdet wird. Insofern ist Blutspende aus christlicher Sicht durchaus legitim. Allerdings kann und soll niemand dazu gedrängt werden, weil es sich dabei um eine sehr persönliche Entscheidung handelt, nicht um eine biblische Verpflichtung. Michael Kotsch
https://www.facebook.com/michael.kotsch.9