Wohlstandsmarxismus

„Genialer Analytiker des Kapitalismus“
Vor zweihundert Jahren, am 5. Mai 1818, wurde in Trier Karl Marx geboren. Kein Wunder, dass über einen der bekanntesten deutschen Denker aller Zeiten in diesen Tagen und Wochen viel geredet und geschrieben wird. So auch bei „Anne Will“ in der ARD. Die Sendung vom 06.05. schlug natürlich auch die Brücke zur Gegenwart: „200 Jahre Karl Marx – wie sozial ist der Kapitalismus heute?“
Unternehmer Georg Kofler wies eingangs auf die schlimme Hinterlassenschaft in den exkommunistischen Ländern hin und bewertete das neue Marxdenkmal in dessen Heimatstadt – wen wundert‘s – negativ. Anschließend kam Sahra Wagenknecht von der Linken zu Wort und setzte – auch kaum verwunderlich – einen anderen Akzent. Marx müsse „nach dem beurteilt werden, was er geschrieben und analysiert hat, und da muss man sagen: er war ein genialer Analytiker des Kapitalismus“. An dieser Stelle stimmte ihr der Unternehmer Kofler, der gerade zuvor auf die fatalen Folgen des Marxismus hingewiesen hatte, kopfnickend eindeutig zu. Mit dem von Marx hinterlassenen Instrumentarium ließen sich, so die Abgeordnete, auch heute noch Krisen usw. besser verstehen „als mit der Mainstreamökonomie“.
An dieser Stelle hakte Moderatorin Will ein: „Mit was denn? Mit welchem Instrumentarium?“ Wagenknecht setzte gleich zur Antwort an, geriet aber dennoch offensichtlich etwas in Stutzen: „Ja mit seinen…, also mit seiner, äh, Wertlehre, mit seinem Dechiffrieren auch, Was ist Kapital?…“ Gleich fasste sie sich wieder und bekam ganz schnell den Bogen: „Und wenn ich immer höre, dass Marx für das verantwortlich gemacht wird, was in seinem Namen geschehen ist, dann finde ich, wenn das ein Grundprinzip wäre, wenn jeder für das haftbar zu machen ist, was andere in seinem Namen an Verbrechen begehen, dann dürfte heute in keiner Kirche mehr Jesus Christus hängen, weil… “ – und los geht‘s mit der Auflistung der Untaten der Kirchenleute. Bergpredigt als Maßstab für die Kirche. Entsprechend sollten wir „über das reden, was in seinem Werk steht“. Applaus.
Feiern sollte man Marx Geburtstag nicht, so Studiogast Kardinal Reinhard Marx aus München, aber seiner gedenken müsse man schon, da er eine „beeindruckende Analyse“ des Kapitalismus gegeben hat; da sei er ganz bei Wagenknecht. Man solle die Texte von Marx lesen und inhaltlich streiten. Der Leiter der katholischen Bischofskonferenz plädierte für eine „Einhegung des Kapitalismus“, und da sei Marx auf der richtigen Spur gewesen.
Laut Erzbischof wird die Dynamik unserer Wirtschaft damals wie heute „bestimmt durch die Kapitalverwertungsinteressen. Das ist das bewegende Moment für alles – so sagt er [Karl Marx]“.  Seit den 90er Jahren hieß es vielfach, man müsse sich dem Kapital anpassen (hier spielte der Kardinal natürlich an die „Neoliberalen“ an); man fragte nicht, wie man das Kapital gestalten könnte. Das sei ein „großer Irrtum“ gewesen. Marktwirtschaft könne nur dann für alle wirksam sein, „wenn sie eingeordnet ist; wenn sie gemeinwohlorientiert ist“. Dafür müsse eine „politische Rahmenordnungen“ – nun auch im globalen Rahmen – wirksam eingreifen können.
In der Mitte der Sendung gab Kofler ein recht emotional vorgetragenes, erfrischendes Plädoyer für das Unternehmertum, dessen Kern Mut und Risikobereitschaft ausmacht.   Kein Applaus. Kardinal Marx entgegnete ihm in gönnerischem Ton: Dagegen habe doch niemand etwas; „toll, wie Sie das schildern“. Erst da kommt der Applaus. Mehrfach sprach er von dem „System“, an dessen Vorgaben sich auch solche vorbildlichen Unternehmer wie Kofler halten, halten müssen. Irgendwie sei es aus dem Ruder gelaufen, ja fast schon böse. So wie Dinge laufen, dürfen sie nicht laufen; das sei „nicht akzeptabel“. Staatliches Handeln, so Marx, müsse korrigierend eingreifen. So auch Finanzminister Scholz, ein weiterer Studiogast; man muss „die Dinge politisch in Ordnung bringen“.
Das Genie lag daneben
Marx, der „geniale Analytiker des Kapitalismus“ – und niemand bei „Anne Will“ widerspricht. Dabei nannte Wagenknecht gleich genau das richtige Stichwort: die Marxsche Wertlehre. Sie ist ein Eckstein, wenn nicht der Eckstein im System des Trierers, und das fast schon Tragische war, dass Kofler ausgerechnet hier spontan zustimmte. (Er ist eben Unternehmer und nicht Ökonom; dass ein erfolgreicher Unternehmensführer nicht unbedingt viel Ahnung von grundlegenden Wirtschaftszusammenhängen hat, zeigt nun ja auch Donald Trump.)
Die marxistische Arbeitswertlehre geht davon aus, dass aller Wert der Produktion sich aus dem Faktor Arbeit generiert. Da im Kapitalismus dem Arbeiter jedoch Löhne gezahlt werden, die unterhalb des Verkaufswertes der Produktion liegen, kommt es nach Marx zur Ausbeutung der Arbeiter durch die Arbeitgeber oder Kapitalisten. Die Differenz des Verkaufspreises der Produktion und der gezahlten Löhne ist der Mehrwert, den der Kapitalist dem Arbeiter entzieht.
Kardinal Marx hakte hier nicht ein, und auch ein evangelikaler Theologe wie Helmut Burkhardt kritisierte im entsprechenden Abschnitt seiner Ethik (Band II/2) diese sog. „objektive“ Wertlehre mit keinem Wort. Auch er stellt sie als „einflussreiche Analyse“ einfach in den Raum! Dass die marxistische Arbeitswertlehre zwar gut klingt, aber selbst einer Analyse wahrlich nicht standhält und seit langem als widerlegt gelten muss (s.u.), erfährt der Leser nicht. Auch nicht, dass Neomarxisten verschiedener Couleur sie natürlich dennoch wie verblendet bis heute propagieren, Politiker der Linken natürlich eingeschlossen. Doch wer sich auf sie einlässt, hat dem Marxismus mehr als nur den kleinen Finger gereicht.
Natürlich hat Marx auch manches korrekt beschrieben (wobei vieler seiner Einblicke ja auf Friedrich Engels zurückgingen), auch von einigen seiner makroökonomischen Voraussagen kann etwas gelernt werden. Dennoch war das analytische Instrumentarium insgesamt keineswegs so genial, wie gern behauptet. Ja die wichtigsten Grundprinzipien des Denkens von Marx waren schlicht und einfach falsch.
Über Historizismus, Materialismus und Atheismus kann philosophisch und theologisch gestritten werden. Sie allein vergiften das gesamte Lehrsystem. Dass Marx aber auch die Arbeitsteilung als den großen Sündenfall des Menschheit ansah, war wohl einer seiner größten Fehler (Adam Smith sah dies ein Jahrhundert zuvor bekanntlich völlig anders).  Noch verletzbarer ist die Arbeitswertlehre: Ist sie falsch, bricht das gesamt Marxsche Lehr- und Theoriegebäude zusammen, und dann bleibt von dem angeblich bis heute nützlichem Instrumentarium so gut wie nichts übrig.
Vom Kopf auf die Füße
Vor allem die Denker der sog. Österreichischen Schule widerlegten mit ihrer „subjektiven“ Werttheorie einen der größten Schwachpunkte in Marx Lehre. 1896, nur einige Jahre nach dem posthum erschienenen dritten und letzten Band des Kapitals, gab der Ökonom (und seit 1895 Finanzminister Österreichs) Eugen Böhm von Bawerk (1851–1914) Zum Abschluß des Marxschen Systems heraus. Hätte Lenin seine Version des Marxismus nicht zur Staatsideologie gemacht und zu gewissen Erfolgen im 20. Jahrhundert geführt, wäre vor einhundert Jahre vielleicht schon Schluss mit dem kommunistischen Gespenst gewesen. Denn Böhm von Bawerk versetzte dem System tatsächlich einen intellektuellen K.O.-Schlag.
Einer der bekanntesten Vertreter der Österreichischen Schule ist in ihrem Heimatland heute Rahim Taghizadegan. In Wirtschaft wirklich verstehen stellt er die Zusammenhänge leicht verständlich dar.
Laut Marx sei aufgewandte Arbeit sei der „objektive Hintergrund aller Kosten und Werte“ in der Wirtschaft. „Lässt man das Geld unberücksichtigt, so müsste sich also die Arbeit direkt in die eingekauften Güter übersetzen. Der Gedanke ist jedoch verkehrt; die Denker der österreichischen Schule haben diese Argumentation mit einiger Mühe vom Kopf wieder auf die Füße gestellt. Wäre Arbeit wirklich der Wertmaßstab, dann würde mehr Arbeit eine Sache wertvoller machen. Das erinnert ein wenig an den Schüler, der beim Lehrer Einspruch gegen seine schlechten Note erhebt, weil er sich länger auf die Prüfung vorbereitet habe als andere.“
Auch klassische Ökonomen wie Smith und Ricardo vertraten Versionen der Arbeitswertlehre (ohne dabei aber Elemente wie Mehwert und Ausbeutung darauf aufzubauen). Taghizadegan  weiter: „Karl Marx versuchte die Arbeitswertlehre zu retten, denn er erkannte darin eine der wichtigsten Zutaten sener Ideologie. Wenn aller Wert aus der Arbeit entstünde, folgerte er, müsste auch aller Wert dem Arbeiter zustehen. Jeglicher Mehrwert, der dem Sparer, dem Geduldigen, dem Unternehmer, dem Ideengeber zufällt, wäre ungerecht. Marx‘ Rettungsversuch besteht darin, den Wert über die im Durchschnitt gesellschaftlich notwendige Arbeitszeit zu erklären. Doch auch der Behelf der Statistik kann diese Lehre nicht retten.“
Der Historiker und libertäre Journalist Thomas E. Woods betont in „Kirche und Wirtschaft: Der freie Markt und der katholische Glaube“ ebenfalls, dass die „subjektive Wertlehre auch zu einer direkten Widerlegung der Arbeitswertlehre führt“. Im dem Auszug aus Sternstunden statt dunkles Mittelalter: Die katholische Kirche und der Aufbau der abendländischen Zivilisation (das Buch erschien auch in litauischer Sprache) schreibt der katholische Christ aus den USA: Marx glaubte, „dass Wirtschaftsgütern ein objektiver Wert zugesprochen werden könne. Dieser objektive Wirtschaftswert basierte auf der Anzahl der Arbeitsstunden, die für die Produktion eines bestimmten Guts erforderlich waren. Marx’ Arbeitswertlehre besagte nicht, dass der Wert eines Produkts auf dem bloßen Arbeitsaufwand beruhe, das heißt, er sagte nicht, dass, wenn ich meine Tage damit zubrächte, leere Bierdosen aneinanderzulöten, das Ergebnis meiner Arbeit ipso facto wertvoll wäre. Die Dinge, so räumte Marx ein, würden nur dann als wertvoll betrachtet, wenn Individuen ihnen einen Gebrauchswert zuschrieben. Wenn aber einem Gut einmal von Individuen ein Gebrauchswert zugeschrieben worden sei, dann würde der Wert dieses Gutes durch die Anzahl der für seine Herstellung aufgewendeten Arbeitsstunden bestimmt.“
Woods stellt weiter dar, dass nach Marx Arbeiter ausgebeutet werden, „weil ihre Arbeit die Quelle allen Wertes sei, diese Leistung sich aber in den ihnen ausgezahlten Löhnen nicht ausreichend widerspiegele. Vom Arbeitgeber zurückgehaltene Gewinne seien, so Marx, vollkommen unverdient und würden zu Unrecht von dem abgezogen, was den Arbeitern rechtmäßig zustehe.“ Tatsächlich, so Woods, besteht oft ein Zusammenhang zwischen dem Wert eines Guts und dem Wert der bei der Herstellung dieses Guts geleisteten Arbeit. „Marx’ Fehler bestand nicht darin, dass er eine Beziehung postuliert hat… Sein Irrtum war, dass er den Kausalzusammenhang von der falschen Seite her betrachtet hat. Ein Gut leitet seinen Wert nicht von der Arbeit ab, die auf seine Herstellung verwendet worden ist. Die auf die Herstellung verwendete Arbeit leitet ihren Wert von dem Wert ab, den die Verbraucher dem Endprodukt beimessen.“ (Hervorhebung H.L.) Leugnet man letzteren Satz, wird man auch heute noch in die Falle der Marxschen Arbeitswertlehre tappen.
Wohlstandsmarxisten
Die Österreichische Schule verschwand wegen des Nationalsozialismus aus ihrer Heimat (Ludwig von Mises musste fliehen), hielt sich nach dem II Weltkrieg gerade so in den USA (Rothbard u.a.). Seit einigen Jahren erlebt sie auch im deutschsprachigen Raum eine Renaissance. In Wien wirkt Taghizadegan mit seinem „Scholarium“, und nun gibt es in der Stadt wieder einen Think-tank der der „Österreicher“: das Austrian Institute. Präsident ist Martin Rhonheimer aus der Schweiz, Philosoph und katholischer Priester, der hier schreibt:
„Für Marx war es die Arbeit des Arbeiters, die den Wert eines Produktes und seinen Mehrwert schafft, dessen er dann angeblich vom Kapitalisten beraubt wird. In Wirklichkeit jedoch schafft der Kapitalist den Mehrwert der Arbeit des Arbeiters. Das tut er nicht uneigennützig, denn er will Geld verdienen. Doch ohne die unternehmerische Vision des Kapitalisten, seine organisatorische Leistung, seine Antizipation von Bedürfnissen der Konsumenten und von Marktchancen, ohne die von ihm angestoßenen technologischen Neuerungen und schließlich ohne das von ihm getragene Risiko – Unternehmer, die sich verschulden, haben keine verborgene Schatztruhe – wäre die Masse der Menschen des 19. Jahrhunderts verhungert oder nie geboren worden.“
Rhonheimer betont wie schon die oben Zitierten: „Der Wert eines produzierten Gutes stammt nicht aus der dafür verwendeten Arbeit, sondern aus der Wertschätzung der Konsumenten. Ihre Bedürfnisse und Präferenzen zu entdecken und in produktive Arbeit umzusetzen, ist die Leistung des Unternehmers oder ‘Kapitalisten’. Der Arbeiter, der für diese vom Kapital geschaffene Arbeit einen Lohn erhält, ist der Nutznießer.“
Die allermeisten lehnen Marx Programm der Verstaatlichung der Produktionsmittel oder der Diktatur des Proletariats ab. Dennoch hat es Marx, so Rhonheimer, „auf geniale Weise das Kunststück geschafft, mit seiner aus Versatzstücken falscher ökonomischer Theorien zusammengezimmerten Geschichtsphilosophie das Denken… zu prägen.“ Die Ursache des modernen Massenwohlstandes, „die Kräfte, denen sich der Wohlstand verdankt“, hat er „als Triebkräfte der Verelendung der Massen beschrieben“.
Rhonheimer spricht von einem „modifizierten ‘Wohlstandsmarxismus’“, deren Anhänger in den Spuren Marx an dies glauben: „Die Ausbeutung der Lohnabhängigen durch das Kapital und deren zunehmende Verelendung konnten nur durch den Druck der Gewerkschaften und umverteilende Sozialpolitik gestoppt werden. So sei es möglich geworden, den Kapitalismus, seine inhärent unsoziale Tendenz zur Monopolisierung und Konzentration von Reichtum und wirtschaftlicher Macht zu korrigieren. Markt und Wettbewerb ‘sozial’ einzudämmen und zu zügeln: Das sei heute noch, auch auf globaler Ebene, der Weg zum sozialen Fortschritt.“ Wohlstandsmarxisten sind „von einem tiefen Misstrauen gegenüber Kapitalismus und freien Märkten durchdrungen und verkennen deren wohlstandschaffende Kraft, die historisch ausser Frage steht.“
„Intellektuelle Ernsthaftigkeit“
Natürlich werden „Österreicher“ nicht in Talksendungen der öffentlich-rechtlichen Sender geladen; sie würden den Konsens des Wohlstandsmarxismus nur stören. So konnte in einer „Scobel“-Sendung (3Sat) im April mit dem dramatischen Titel „Steht am Ende der Megamaschine eine gescheiterte Zivilisation?“ (nach dem Buchtitel Das Ende der Megamaschine: Geschichte einer scheiternden Zivilisation von Fabian Scheidler) wunderbar an dem Lehrer Marx anknüpft werden.
Marx habe nach wie vor viel zu dem Thema zu sagen, was unsere Welt so unfair macht, „vorausgesetzt, man unterschiedet seine eigenen Gedanken vom Marxismus“, so Presenter Gert Scobel. Mit ihm wolle man die Welt verstehen, sie verbessern und über eine gerechte Welt nachdenken. So wundert es nicht, dass Marx in keiner Weise einer auch nur in Ansätzen scharfen Kritik unterzogen wurde.
Schließlich wurden in einem Einspielfilm auch noch Christian Felber und dessen Konzept einer „Gemeinwohl-Ökonomie“ vorgestellt und in sehr schönes Licht gerückt. Felber fordert eine konsequente Orientierung alles wirtschaftlichen Handelns am Gemeinwohl, was auch gemessen werden müsse. „Statt Gewinnstreben den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt zu stellen“, „Kooperation statt Konkurrenz“, so die Thesen des Österreichers. Dass die freie Marktwirtschaft den Menschen und seine Bedürfnisse in den Mittelpunkt stellt und auf geniale Weise Konkurrenz und Kooperation verbindet, wird natürlich nicht diskutiert. Kurz wird erwähnt, dass es scharfe Kritik an Felber gibt (sein Modell der Gemeinwohl-Ökonomie führe in Armut) und dieser keinerlei formelle Ausbildung in Ökonomie habe. Anschließend heißt es: „Aber man muss nicht Ökonomie studiert haben, um zu sehen, dass das herrschende Wirtschaftsmodell der eigentlich Wegweiser in Armut und Chaos bedeutet.“
Am Ende der Sendung wird Marx für seine „intellektuelle Ernsthaftigkeit“ gelobt.  Und wieder: seine Analyse des Kapitalismus sei im Grunde richtig. Aber ist es intellektuell redlich, einfach nur zu behaupten, der Kapitalismus würde in Armut und zu Chaos führen? Gegen die historischen Fakten? Mit Felber wird gefragt, ob die Wende zurück zur Kooperation „noch zu schaffen“ ist. Wenn alles so düster ist, dann müsse man eben an Alternativen wie von Felber glauben.
Geradezu marxistisch wird an das Ende des Kapitalismus geglaubt, so auch die an sich kenntnisreiche Ulrike Herrmann in der Sendung. Ihrer Überzeugung nach wird der Kapitalismus gegen die Wand fahren. Wieso? Die Wirtschaftsjournalistin ganz neomalthusisch: die Rohstoffe gehen aus, die Umwelt wird zu stark belastet. Woher weiß sie das so genau? Bekanntlich irrte sich auch Thomas Robert Malthus (1766–1834), der vorhersagte, Produktionsfortschritte würde gleichsam von der steigenden Bevölkerung zunichte gemacht werden. Malthus unterschätzte den technologischen Fortschritt, Kreativität und Anpassungsfähigkeit des Menschen.
Nicht besser lief es in der SRF-Sendung „Marx und die Krise des Kapitalismus“ aus der Reihe „Sternstunde Philosophie“. Zu Gast war die in der Schweiz geborene und nun in Berlin lehrende Philosophin Rahel Jaeggi. Die gut vorbereitete Moderatorin mühte sich eifrig ab. Eine erste Frage, ob Marx sich geirrt habe, wurde nicht beantwortet. Nach einem Einspielfilm über den Wohlstandszuwachs noch einmal ihre Rückfrage der Moderatorin an Jaeggi: „Kann man da nicht sagen: ‘da irrt er sich wirklich’?“
Die Philosophin  sagt von sich, sie sei die Letzte, die behaupten würde, man müsse an allem festhalten, was Marx gesagt hat und er könne sich nicht geirrt haben. Konkreter wird sie aber nirgends. Sie will eben doch nicht die These unterschreiben, Marx habe sich geirrt, und zu Hilfe kommt dann immer auch „der Weltmaßstab“. Der Kapitalismus sei hingegen ein „dysfunktionales System“…
Was will man zu all dem sagen? So viele Professoren, Doktoren und schlaue Leute… Gerade deshalb so viel Blindheit? Besser, man weiß weniger, aber das Richtige; die einfachen Menschen mit ihrem gesunden Menschenverstand bewerten vieles gar nicht so falsch. Die Intellektuellen dagegen halten oft an vielen falschen Dingen fest. Das ist potentiell viel gefährlicher als die Dummheit der Nichtakademiker. Nicht zuletzt das Wirken des großen Intellektuellen Marx zeigte dies.   Holger Lahayne http://lahayne.lt/2018/05/15/wohlstandsmarxismus/