Wissenschaft als Geisel der Ideologien

Zeitweilig bestimmte die Kirche über das was wissenschaftlich sein durfte und was nicht. Im 20.Jahrhundert übernahmen die großen Ideologien diese Aufgabe. Das große weltanschauliche Modell bestimmte, was erforscht werden durfte und wie man die Ergebnisse zu interpretieren hatte. Am intensivsten und längsten wurde die Wissenschaft in den sozialistischen Staaten verbogen. Auch heute besteht die Gefahr, dass durch erzwungene Meinungs- Tabus neue Einschränkungen wissenschaftlicher Arbeit aufgerichtet werden, beispielsweise bei der Gender- und Geschlechterforschung oder bei bestimmten ökologischen Fragen.
Mitte des 20.Jahrhunderts war Trofim Denissowitsch Lyssenko (1898-1976) der renommierteste russische Agrarwissenschaftler. Entsprechend ideologisch- sozialistischer Vorgaben begründete er eine neue, vorgeblich den kapitalistischen Staaten überlegene Form der Landwirtschaft. Und obwohl diese Konzepte vollkommen falsch waren, wurden sie in zahlreichen Ländern umgesetzt und führten zu Millionen von Toten.
Im Jahr 1958 war Mao Tse-tung bereits zehn Jahre Chef der chinesischen Kommunisten. In einer groß angelegten landwirtschaftlichen Reform wollte er die Versorgung des Landes grundlegend verbessern. Dabei stütze er sich auf die „wissenschaftlichen“ Erkenntnisse von Lyssenko.
Auf Maos Anweisungen hin wurden riesige, vollkommen ungeeignete Flächen mit Weizen bepflanzt. Bauern sollten statt bisher 1,5 Millionen Pflanzen je Hektar, 15 Millionen anbauen. Aufgrund der unsinnigen Dichte konnten die Samen nicht richtig keimen. Weil man verhindern wollte, dass die Körner von Vögeln gefressen wurden, töte man so viele wie möglich. Dadurch vermehrten sich allerdings die Insekten ungehindert und vernichteten einen großen Teil der Ernte.
Die gefeierten „rationalen Reformen“ standen zwar im Einklang mit der offiziellen sozialistischen Staatsdoktrin, die Wirklichkeit kümmerte sich aber herzlich wenig darum. Jahrelang gab es katastrophale Missernten. Bauern und Wissenschaftler, die diese Strategie zu kritisieren wagten, wurden als Verräter und Terroristen inhaftiert und getötet. Tausende von hungernden Bauern wurden hingerichtet, weil sie vorgeblich große Mengen Reis versteckt hätten. Da die Ideologie stimmen musste, suchte man intensiv nach anderen Schuldigen für die Misere.
Schlussendlich starben allein in China bis 1961 über 40 Millionen Menschen, weil die Ideologie bestimmte was wahr zu sein hat. Trotz dieser Misserfolge und obwohl man in China wieder zur normalen Landwirtschaft zurückkehrte, setzten andere kommunistische Regime Lyssenkos sozialistische Landwirtschaftsreform um. So mussten aufgrund einer wirklichkeitsfremden Ideologie auch in Kambodscha, Äthiopien, und Nordkorea weitere Millionen sterben.
Gottes Maßstäbe hingegen gelten absolut. Sie betreffen direkt aber keine medizinischen, technischen oder landwirtschaftlichen Methoden. Heute stehen säkulare Ideologien und vielfach publizierte Lieblingsmeinungen in Gefahr, den Blick auf die Realität einzuengen, das betrifft unter anderem Fragen des Glaubens und Fragen der Sexualität. Michael Kotsch FB