„Mein Wille geschehe …“

Jeder Mensch sieht die Welt aus seiner ganz eigenen Perspektive. Natürlich geht das auch nicht wirklich anders. Keiner kann sich ganz in einen anderen Menschen oder gar in ein Tier bzw. eine Pflanze hineinversetzen. Keiner weiß wirklich wie es ist, schwanger zu sein, alt zu werden oder einen Herzinfarkt zu bekommen, eher er es nicht selbst erlebt hat. Es ist wichtig sich dieser Distanz immer wieder bewusst zu werden, wenn man über Menschen in anderen Lebenszusammenhängen nachdenkt oder über sie urteilt.
Es ist auch unmöglich, sich wirklich in das Denken und Empfinden eines anderen Menschen hineinzuversetzen. Allerdings gibt es Personen, die probieren zumindest ihr Gegenüber zu verstehen. Andere entwickeln sich zu unverbesserlichen Egozentrikern, die immer nur ihren Vorteil oder ihre Probleme im Blick haben. Im Extremfall hat man irgendwann einen Soziopathen vor sich, der gar nicht mehr in der Lage ist, sich auch nur teilweise in Andere hineinzuversetzen. Solche Leute können anderen ohne jegliche Gewissensbisse Schmerzen zufügen oder ihr Gegenüber schamlos betrügen.
Ihre egozentrierte Denk- und Lebensweise wenden viele Menschen auch auf Gott an. Glaube, Gemeinde und Bibel beziehen sie dann lediglich auf ihr eigenes Leben. „Die Gemeinde muss mir etwas bringen!“, „Die Bibel muss mir in meinen persönlichen Fragen weiterhelfen!“, „Der Glaube an Gott muss mir konkrete Vorteile bieten!“ Gott wird als eine Art Dienstleister begriffen, der gute Gefühle, Schutz vor Krankheit und Schmerzen, sowie Erfolg in eigenen Lebensplänen garantieren soll. Sündenvergebung und ewiges Leben werden gerne als Zugabe genommen, auch wenn diese Ereignisse für die meisten viel zu weit in der Zukunft zu liegen scheinen. Der Glaube soll die eigenen Minderwertigkeitsgefühle wegnehmen, einen tollen Partner vermitteln, Selbstbewusstsein aufbauen, trösten, aufbauen, belustigen, unterhalten usw. usw. Die Gemeinde wird als beste betrachtet, die am wenigsten persönliche Veränderung erwartet und deren Gottesdienst am coolsten scheint; insbesondere wegen entsprechender Musik, Bühnenshow und unterhaltsamer Ansprache. Die Bibel wird nur noch herangezogen, wenn sie einem zuspricht, wie schön, gut, mitfühlend, begabt, erfolgreich usw. ich bin. Jeder ist dann ganz toll und von Gott geliebt, ganz gleich was er tut oder sagt, meint man.
Diesen weit verbreiteten Trugschluss nennt man die „anthropologische Wende“. Im Mittelpunkt des Glaubens steht nicht mehr Gott, sondern der einzelne Mensch. Die zentrale Geschichte ist die eigene, und Gott wird darin höchstens eingebaut, wenn es eben passt. Der Gott, der sich in der Bibel offenbart ist aber kein Statist im Spielfilm des eigenen Lebens. Er ist die zentrale Person des ganzen Universums. Um ihn hat sich in der Realität schon immer alles gedreht. Er ist auch dann doch unendlich wichtig, wenn sich längst kein Mensch mehr an mich erinnert.
Obwohl ein selbstverliebter und genussorientierter Zeitgeist mir jeden Tag vermittelt, wie sichtig mein Wille, meine Entscheidung oder mein Wohlergehen ist; die Realität sieht anders aus. Jedem Menschen tut es gut, diese Wirklichkeit zu akzeptieren und sich von Gott etwas sagen zu lassen. Letztlich ist eben nur ein Leben, das die Wahrheit Gottes akzeptiert, wirklich sinnvoll. Wer sich einen eigenen, immer nur segnenden und jasagenden Gott entwirft, geht an der Realität vorbei und wird gewöhnlich im Leben eines Besseren belehrt; weil Gott sich eben nicht als privater Wunscherfüller missbrauchen lässt.
Im Vaterunser heißt es: „Dein Wille geschehe wie im Himmel, so auf Erden!“ (Mt 6, 10) Viele Christen beten stattdessen insgeheim: „Mein Wille geschehe!“ Danach sollen sich die anderen Menschen richten und die eigenen Bedürfnisse erfüllen. Auch von Gott wird erwartet, dass er sich nach meinen Wünschen richtet. Dabei sollte sich das Gebet des Christen aber eher an dem von Jesus orientieren, der in Todesangst Gott bittet, ihm diese Qualen zu ersparen, dann aber anfügt: „Doch nicht wie ich will, sondern wie du willst!“ (Mt 26, 39)

„Mein Wille geschehe …“Jeder Mensch sieht die Welt aus seiner ganz eigenen Perspektive. Natürlich geht das auch nicht…

Gepostet von Michael Kotsch am Mittwoch, 2. Mai 2018