Winni Mandela – rücksichtslos und machtverliebt

Winnie Mandela galt lange als schillernde Symbolfigur des Anti-Apartheid-Kampfes in Südafrika. Am 2.April 2018 starb die Ex-Frau des ersten schwarzen Präsidenten Sudafrikas, Nelson Mandela (1918-2013). Von Gegnern der Apartheit wird sie bis heute als „Mutter der Nation“ idealisiert.
Die studierte Sozialarbeiterin Nomzamo Winnifred Madikizela lernte 1957 in Soweto den jungen Juristen Nelson Mandela kennen. Nur ein Jahr später heirateten die beiden und bekamen zwei Töchter. Winnie wurde engagierte Aktivistin des Afrikanischen Nationalkongresses (ANC). 1962 wurde ihr Mann wegen Landesverrats verhaftet und wenig später zu lebenslanger Haft verurteilt. Immer wieder besuchte sie Nelson Mandela im Gefängnis. Gleichzeitig hatte Winnie Mandela aber auch verschiedene Geliebte. Zwei Jahre nachdem Nelson Mandela aus dem Gefängnis entlassen wurde, reichte er die Scheidung von seiner ehemaligen Frau ein (1992).
In der Öffentlichkeit stilisierte Winnie Mandela sich gerne als furchtlose Freiheitskämpferin: „Ich habe auch physisch gegen den Feind gekämpft, zum Beispiel Steine geschmissen. Ich bin stolz auf das, was ich getan habe. Auch im Untergrund. Ich bin eine von denen, die das Regime in die Knie gezwungen haben.“ Tatsächlich hatte sie unter den Schikanen der südafrikanischen Polizei zu leiden und saß mehrfach wegen ihres politischen Engagements im Gefängnis.
In ihrem politischen Kampf beschränkte sich Winnie Mandela allerdings nicht aufs „Steinewerfen“. Unverblümt rief sie öffentlich zur Gewalt auf: „Es ist Zeit, dass wir unser Land zurückholen. Wir nutzen dieselbe Sprache, die die Buren uns gegenüber nutzen. Sie kennen nur eine Sprache: die der Gewalt. Wir haben zwar keine Waffen, aber wir haben Steine und Streichhölzer. Und mit unseren Halskrausen werden wir das Land befreien.“ Als „Halskrausenmethode“ (Necklacing) wurde damals eine fürchterliche Art des Lynchmordes bezeichnet. Dabei wurde dem Opfer ein mit Benzin getränkter Autoreifen um den Hals gehängt und dieser angezündet. Winnie Mandela gab persönlich Aufträge, der Kollaboration verdächtige Schwarze und gegnerische Weiße umbringen zu lassen. Der „Mandela United Football Club“, eine marodierende Gang von Jugendlichen, die Winnie als Leibwächter dienten, entführte mehrere Jugendliche. Einer von ihnen, der 14-jährige Stompie Seipei, wurde in Winnie Mandelas Haus missbraucht und ermordet, weil er angeblich ein Polizeispitzel war. Bis heute wird über ihre genaue Rolle bei diesem Mord spekuliert. Ein Gericht verurteilte sie wegen Entführung zu einer Bewährungs- und Geldstrafe.
Wegen Korruption und Amtsmissbrauchs wurde Winnie Mandela 1995 als Vize-Ministerin entlassen. Die Wahrheits- und Versöhnungskommission machte sie mitverantwortlich für Korruption und Menschenrechtsverletzungen bis hin zum Mord. 2003 wurde sie wegen Betrugs und Diebstahls zu einer fünfjährigen Gefängnisstrafe verurteilt, die später auf Bewährung ausgesetzt wurde. Trotz aller Skandale hielt sich Winnie Mandela jahrelang als Präsidentin der einflussreichen ANC-Frauenliga und bis zuletzt Mitglied im ANC-Parteivorstand sowie Parlamentsabgeordnete. Auch weiterhin stilisierte sie sich in der Öffentlichkeit als zu Unrecht verfolgte Freiheitskämpferin.
Ganz sicher trug Winnie Mandela mit ihrem Engagement zum Ende des südafrikanischen Apartheits- Regimes bei. Gleichzeitig unterschied sie sich in der Wahl ihrer Methoden nur unwesentlich von den bekämpften Rassisten. Sie scheute nicht davor zurück, Lüge, Verleumdung, Erpressung und Mord zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele einzusetzen. – Für überzeugte Christen kann ein solches Auftreten kaum als vorbildlich angesehen werden. Ein positives Ziel rechtfertigt eben nicht alle Mittel. In der öffentlichen Idealisierung Winnie Mandelas nach ihrem Tod sollten diese dunklen Aspekte nicht vorschnell relativiert oder gar vergessen werden.  Michael Kotsch