Die sechste Bitte Und führe uns nicht in die Versuchung

154. wenn das Wort “ Versuchung “ oder “ Prüfung “ nicht so allgemein üblich wäre, so stünde es viel besser und wäre klarer, wenn man es so ausdrückte: „Und führe uns nicht in Anfechtungen“. In diesem Gebet lernen wir aber, wie elend das Leben auf Erden ist. Denn es ist lauter Anfechtung, und wer hiernach Frieden und Sicherheit für sich sucht, handelt nicht weise; er kann es auch niemals dazu bringen. Und wenn wir alle es begehrten, so ist es doch unmöglich. Es ist ein Leben der Anfechtung und bleibt es.
155. Darum sagen wir nicht: „Nimm die Anfechtung weg von uns“, sondern: „Führe uns nicht hinein“, als wollte man sagen: „Wir sind hinten und vorne von Anfechtungen umgeben und können uns nicht davon freimachen. Aber, o unser Vater, hilf uns, dass wir nicht hineingeraten, d. h. dass wir nicht dazu einwilligen und so überwunden und unterdrückt werden“. Denn wer in die Sünde einwilligt, der sündigt und wird ein Gefangener der Sünde“, wie Paulus (Römer 7,23) sagt.
156. Also ist dies Leben, wie es Hiob sagt (Kapitel 7,1), nichts anderes als ein Kampf und steter Streit gegen die Sünde, und der Drache, der Teufel, ficht uns ständig an und gibt sich Mühe, uns in seinen Rachen zu verschlingen. So sagt Petrus (1. Petrus 5,8): „o ihr lieben Brüder, seid nüchtern und wachet; denn euer Widersacher, der Teufel, geht umher wie ein brüllender Löwe, und sucht, ob er jemand verschlingen könne“. Sehet, unser lieber Vater und getreuer Bischof Petrus spricht: Unser Feind sucht uns; und zwar nicht bloß an einem Ort, sondern an allen Enden ringsum. Das heißt alle unsere Glieder und Sinnen reizt, bewegt und hindert er von innen her mit bösen Einflüsterungen, von außen her mit bösen Bildern, Worten und Werken durch Menschen und alle Geschöpfe zu Unkeuschheit, Zorn, Hoffart, Geiz und dergleichen; er gebraucht alle List und Bosheit, um den Menschen dazu zu führen, dass er einwilligt. Wenn man das fühlt, soll man schnell die Augen zu Gott aufheben: „O Gott Vater, sieh, wie werde ich zu dem und dem Laster getrieben und gereizt und an dem und dem guten Werk verhindert. Wehre dem, lieber Vater, und hilf mir, lass mich nicht unterliegen und hineingeraten“. O, wer diese Bitte recht gebraucht und übt, wie glücklich wäre der! Es gibt sehr viele, die nicht wissen, ob sie angefochten werden oder was sie in der Anfechtung tun sollen.
Was ist Anfechtung?
157. Zweierlei Anfechtung gibt es. Die einer auf der linken Seite, d. h. diejenige, welche zu Zorn, Hass, Bitterkeit, Unlust, Ungeduld reizt, wie Krankheit, Armut, Unehre und alles, was einem wehe tut, besonders wenn einem sein Wille, Vorhaben, Gutdünken, Ratschlag, Wort und Werk verworfen und verachtet wird. Diese Dinge sind ja etwas Geläufiges in diesem Leben, und Gott verhängt solches durch böse Menschen oder Teufel.
158.Wenn man dann fühlt, dass es sich regen will, so soll man Weise sein und sich nicht wundern lassen (denn das ist so die Art dieses Lebens!) – vielmehr soll man dieses Gebet hervor holen und das richtige Korn daraus abzählen und sprechen: „O Vater, das ist gewiss eine Anfechtung, die über mich verhängt ist; hilf, dass sie mich nicht verführe und versuche“.
159. In dieser Anfechtung wird man auf doppelte Weise zum Narren. Einmal, wenn man spricht: „Ja, ich wollte wohl rechtschaffen sein und nicht zürnen, wenn ich Frieden hätte“. Manche lassen so unseren Herrgott und seinen Heiligen keine Ruhe, bis er die Anfechtung von ihnen nimmt: diesen muss er das Bein gesund machen, den reich machen, dem soll er sein Recht werden lassen; und dabei tun sie auch selber so viel als sie können, um sich in eigener Kraft und mit Hilfe anderer herauszuwinden. so bleiben sie faule, ja fahnenflüchtige arme Ritter, die nicht angefochten sein noch streiten wollen. Darum werden sie auch nicht gekrönt (2. Timotheus 2,5), ja sie fallen in die andere Anfechtung zur rechten Seite, wie wir noch hören werden. Wenn es jedoch recht geht, so soll es sein, dass man nicht daran vorbei komme: die Anfechtung darf nicht aufgehoben werden, sondern man muss sie ritterlich überwinden. Von solchen Leuten spricht Hiob (7,1): „Des Menschen Leben ist ein Streit (oder Anfechtung)“.
160. Die andern, die nicht die Anfechtung überwinden, von denen sie aber auch nicht genommen wird, – die geratenen hinein in Zorn, Hass und Ungeduld, übergeben sich geradezu dem Teufel, verüben Worte und Werke, werden Mörder, Räuber, Verleumder und richten alles Unglück an; denn die Anfechtung hat sie überwunden und sie folgen allen bösen Willen. Der Teufel hat sie völlig in seiner Gewalt und sie sind seine Gefangenen; Sie rufen weder Gott noch seiner Heiligen an. Wenn aber unser Leben von Gott selber eine Anfechtung genannt wird und es so sein muss, dass wir an Leib, Gut und Ehre angegriffen werden und uns Gerechtigkeit widerfahren muss, sollen wir ohne sträuben darauf gefasst sein und es mit Weisheit annehmen, in dem wir sprechen: „Ei, dass gehört nun einmal zum Leben; was soll ich daraus machen? Es ist eine Anfechtung und bleibt eine Anfechtung. Es will nicht anders sein, Gott helfe, dass es mich nicht aufrege und umwerfe“.
161. Siehe, also kann sich niemand über die Anfechtung erheben. Man kann sich aber wohl wehren und dem allem mit Gebet und Anrufung der Hilfe Gottes abhelfen. So liest man in den Büchern der alten Väter, dass ein junger Bruder den Wunsch aussprach, seine Gedanken los zu sein; da sprach der Altvater: „Lieber Bruder, dass die Vögel in der Luft dir über dem Haupte fliegen, kannst du nicht verhindern; du kannst es aber hindern, dass sie dir in den Haaren ein Nest machen“. Genau so können wir uns wie Augustinus sagt, zwar der Anstöße und Anfechtung nicht erwehren; dass sie uns aber nicht überwinden, dem kann man mit Beten und Anrufen göttlicher Hilfe wohl wehren.
162. Die andere Anfechtung ist die auf der rechten Seite. Sie reizt zu Unkeuschheit, Wollust, Hoffart, Geiz und eitler Ehre, und zu allem, was wohl tut, besonders, wenn man einen seinen Willen lässt, Wort, Rat und Tat von ihm lobt, ihn ehrt und viel von ihm hält.
163. Dies ist die aller gefährlichster Anfechtung, die der Zeit des Antichrists zugeschrieben wird. In diesem Sinne sagt David (Psalm 91,7): „Wann tausend fallen auf deiner linken Seite, so fallen ihrer wohl Zehntausend auf deiner rechten Seite“ und jetzt hat sie überhand genommen; denn die Welt strebt nur nach Gut, Ehre und Wollust. Insbesondere lernt es die Jugend zur Zeit überhaupt nicht mehr, gegen die fleischliche Lust und Anfechtung zu streiten; sie fallen ihr zu, so dass es fernerhin keine Schande mehr ist, sondern das alle Welt voll ist mit Geschichten und Liedern von Buhlerei und Hurerei, als sei das wohlgetan. Das ist alles der grauenhafte Zorn Gottes, der die Welt so in Versuchung fallen lässt, weil ihn niemand anruft.
164. Es ist bestimmt eine schwere Anfechtung für einen jungen Menschen, wenn ihm der Teufel in sein Fleisch bläst, Mark und Bein und alle Glieder entzündet, und ihm dazu von außen her reizt mit Gesichtern, Gebärden, Tanzen, Kleidern, Worten und hübschen Frauen oder Männern. So sagt es Hiob (41,12): „Sein Atem macht die Kohlen glühend“. So ist zur Zeit die Welt ganz toll, um mit Kleidern und Schmuck Reize zu bieten. Trotzdem aber ist es nicht unmöglich, dass zu überwinden, wenn man sich daran gewöhnt, Gott anzurufen und dies Gebet zu sprechen: „Vater, führe uns nicht in die Anfechtung“. Genau so hat man es nun auch zu machen in Anfechtungen durch die Hoffart, wenn jemand gelobt oder geehrt wird und wenn ihm großes Gut oder andere weltliche Lust zuteil wird usw.
165. Warum lässt Gott denn dass zu, dass der Mensch so zum Sündigen angefochten wird? Antwort: Damit der Mensch sich und Gott erkennen lernt. Er soll sich selbst erkennen, dass er nichts kann als Sündigen und Übles zu tun; und er soll Gott erkennen, dass Gottes Gnade stärker ist als alle Geschöpfe. So soll er lernen, sich selber zu verachten und Gottes Gnade zu loben und zu preisen. Hat es doch Leute gegeben, die der Unkeuschheit mit ihren eigenen Kräften, mit Fasten und Arbeiten widerstehen wollten; sie haben ihren Leib darüber zerbrochen und dennoch nichts ausgerichtet. Denn die böse Lust löscht niemand als der himmlische Tau und Segen der göttlichen Gnade; Fasten aber, Arbeiten und Wachen muss zwar dabei sein, sind aber nicht genug.
Beschluss
166. Wenn Gott uns nun die Schuld vergeben hat, so ist auf nichts mehr zu achten als darauf, dass man nicht wieder falle. Gibt es doch, wie David sagt (Psalm 104,25), in dem großen Meer dieser Welt viel Gewürm (Gewimmel) das heißt viel Anfechtung und Anstoß, die uns aufs neue schuldig machen wollen; Darum haben wir es nötig, dass wir ohne aufhören mit dem Herzen sprechen: „Vater, führe uns nicht in die Anfechtung, nicht begehre ich, von aller Anfechtung los zu sein (denn das wäre schrecklich und viel schlimmer als zehn Anfechtungen von der Art, wie die Anfechtung zur rechten Hand ist); sondern ich möchte nicht fallen und wider meinen Nächsten oder dich sündigen“. In diesem Sinne sagt Jakobus (1,2): „O Brüder, wenn euch viele Anfechtungen zustoßen, so sollt ihr das für große Freude achten“. Warum? Weil es für den Menschen eine Übung ist, sie macht ihn in der Demut und Geduld vollkommen und Gott wohlgefällig wie die allerliebsten Kinder. Selig, wem solches zu Herzen geht! Leider sucht ja gegenwärtig jedermann Ruhe, Frieden, Lust und Behagen in seinem Leben. Darum naht sich die Herrschaft des Antichrists, sofern sie nicht bereits da ist.
http://www.maartenluther.info/Eine_Auslegung_Des_Vater_Unsers.pdf