Dreieinigkeit

„Man hat viel geklagt und gescholten über diese [nicaenokonstantinopolitanische] Formel und wahrscheinlich werden Sie früher oder später in Ihrem Studium auf Literaten und auch Lehrer stossen, die das auch tun und es schrecklich finden, dass diese Sache auf diese Formel gebracht wurde. Ich wollte wohl, dass Ihnen, wenn Sie auf solche Seufzer stossen, diese Kollegstunde in Erinnerung kommen und eine kleine Hemmung bei Ihnen auslösen möchte. Dieses Aufbegehren gegen die sogenannte ‚Orthodoxie‘ ist nämlich wirklich ein ‚Wolfsgeheul‘, das man schon als gebildeter Mensch nicht mitmachen sollte. Denn es liegt etwas Barbarisches in diesem Schelten über die Väter. Ich würde denken, selbst wenn man nicht Christ ist, müsste man so viel Respekt haben, zu erkennen, dass das Problem hier in einer grossartigen Weise umschrieben worden ist. Man hat von der nicaenokonstantinopolitanischen Formel gesagt, sie stünde so nicht in der Bibel. Aber es steht Vieles, was wahr und notwendig und zu erkennen ist, nicht wörtlich in der Bibel. Die Bibel ist kein Zettelkasten, sondern die Bibel ist das grosse Dokument der Offenbarung Gottes. Diese Offenbarung soll zu uns sprechen, daraufhin, dass wir selber begreifen. Die Kirche musste zu allen Zeiten antworten auf das, was in der Bibel gesagt wird. Sie musste antworten in anderen Sprachen als der griechischen oder der hebräischen und in anderen Worten als denen, die da standen. Eine solche Antwort ist diese Formel, die sich bewährt hat, als die Sache angegriffen wurde. Es musste wirklich um das Jota gestritten werden: entweder Gott selber oder ein himmlisches oder irdisches Wesen. Das war nicht eine gleichgültige Frage, es ging in diesem Jota um das Ganze des Evangeliums. Entweder wir haben es in Jesus Christus mit Gott zu tun oder aber mit einer Kreatur. Gottähnliche Wesen hat es in der Religionsgeschichte immer wieder gegeben. Wenn die alte Theologie hier bis aufs Blut gestritten hat, so wusste sie warum. Gewiss ist es manchmal recht menschlich zugegangen dabei. Aber das ist gar nicht so interessant, auch Christen sind keine Engel. Wo es um eine wichtige Sache geht, da darf man nicht kommen und ‚Friede, Friede, liebe Kindlein!‘ rufen, sondern da will der Streit mit aller Unerbittlichkeit zu Ende geführt sein. Ich würde sagen: Gott sein Dank haben die Väter damals in aller Torheit und Schwachheit und mit aller ihrer griechischen Gelehrsamkeit sich nicht gescheut, zu kämpfen. Alle diese Formeln sagen ja nur das Eine: der Eingeborene, der vom Vater vor aller Zeit Gezeugte, der Sohn, Licht vom Lichte, wahrer Gott vom wahren Gott, also nicht Kreatur sondern Gott selber, gleichen Wesens mit dem Vater nicht nur ähnlichen Wesens, Gott in Person. ‚Durch welchen das All geschaffen wurde und welcher um unseretwillen vom Himmel, von oben herabgestiegen ist.‘ Herab zu uns: dieser ist Christus. So hat die Alte Kirche Jesus Christus gesehen, so stand ihr seine Wirklichkeit vor Augen, so hat sie sich zu ihm bekannt in ihrem christlichen Glaubensbekenntnis, das eine Aufforderung an uns ist, dass wir es auch so zu sehen versuchen. Wer das begreift, warum soll der nicht einstimmen in den grossen Consensus der Kirche? Was ist es für eine Kinderei, angesichts dieser Sache über Orthodoxie und griechische Theologie zu seufzen! Das hat mit der Sache nichts zu tun. Und wenn es bei der Entstehung problematisch zugegangen sein mag, so wollen wir eben zugeben, dass alles, was wir Menschen tun, problematisch, beschämend und unerfreulich ist und dass es dann je und je dennoch so laufen darf, dass die Dinge genau so herauskommen, wie es notwendig und recht ist. Dei providentia et hominum confusione! – Es geht in diesem Bekenntnis ganz schlicht und ganz praktisch darum, dass wir unserer Sache sicher sein dürfen: In diesem Bekenntnis zu Gottes Sohn unterscheidet sich ja der christliche Glaube von allem, was man Religion nennt. Wir haben es mit Gott selber zu tun, nicht mit irgendwelchen Göttern.“ Karl Barth, Dogmatik im Grundriss, S. 99ff.
Eine Ermahnung die Karl Barth seinen Studenten 1946 zukommen ließ