Gibt es Wunder?

„Ich kann sie gut verstehen, die Menschen, die sich schwertun mit der Vorstellung eines Gottes, der in den Gang der Natur eingreift. Es ist nicht einfach, an Wunder zu glauben, und das soll auch so sein. In Matthäus 28 lesen wir, wie die Apostel auf einen Berg in Galiläa gehen, um Jesus zu treffen. „Als sie ihn dort sehen, vielen sie vor ihm nieder. Einige aber zweifelten, ob es wirklich Jesus war.“ (V. 17). Ein bemerkenswerter Satz! Der Verfasser eines der frühesten Dokumente des christlichen Glaubens teilt uns mit, dass mehrere der Gründer dieses Glaubens das Wunder der Auferstehung schier nicht glauben konnten, obwohl sie Jesus mit ihren eigenen Augen vor sich sahen und mit den Händen greifen konnten. Es gibt keine Erklärung dafür, warum dieses Detail in dem Bericht enthalten ist, außer dass es wirklich so war. Dieser Bibelabschnitt zeigt uns mehreres. Erstens: wir sollten uns nicht einbilden, dass nur wir modernen, wissenschaftlich aufgeklärten Menschen Probleme mit Wundern haben, während die primitiven Menschen der Antike dieses Problem nicht hatten. Die Apostel reagierten gerade so wie die meisten Menschen heute: die einen trauten ihren Augen, die anderen nicht. Zweitens macht uns die Szenen Mut zu mehr Geduld. Alle Apostel wurden später bedeutende Führungspersönlichkeiten der Alten Kirche, aber einigen fällt das glauben halt schwerer als anderen.
Der Sinn der Wunder und Heilungen
Doch das Eindrücklichster an diesem Text ist, was er uns über den Sinn der Wunder in der Bibel verrät. Wunder führen nicht los zum Glauben im Sinne von Für–wahr–halten, sondern zur ehrfürchtigen Anbetung. Die Wunder Jesu waren nie magische Tricks, die die Menschen beeindrucken oder manipulieren sollten. Wir lesen nirgends, dass Jesus sagte: „Seht ihr den Baum da drüben? Wartet, den lass‘ ich gleich in Flammen aufgehen!“ Er benutzte seine Wundermacht viel mehr dazu, Kranke zu heilen, Hungrige zu speisen und Tote aufzuerwecken. Warum das? Wir Heutigen stellen uns Wunder so vor, dass sie die Natur außer Kraft setzen; Jesus wollte mit Ihnen die Natur wiederherstellen und heilen. Die Bibel berichtet uns, dass Gott die Welt ursprünglich ohne Krankheit, Hunger und Tod erschuf. Jesus kam in die Welt, um zu erlösen, wo sie erlösung bedürftig ist, und um zu heilen, was zerbrochen ist. Seine Wunder sind nicht nur Erweise seiner Macht, sondern ein greifbarer Vorgeschmack darauf, was er einmal mit dieser Macht tun wird. Die Wunder Jesu sind nicht nur eine Herausforderung unseres Denkens, sondern ein Zuspruch an unsere Herzen – das die Welt, nach der wir uns alle sehnen, kommen wird.“
Dr.Timothy Keller, Warum Gott?, (Brunnen Verlag, Gießen 2010), S. 124-125