„Gott tut nichts, ist ja kein Gott.“

Im Psalm 10 heißt es: der Frevler spricht: „Gott tut nichts, ist ja kein Gott.“ Die Beter der Psalmen sagen: Gott tut es doch. Er setzt das Recht durch und gibt der Gerechtigkeit gebührenden Raum.
Und das Erstaunliche ist: von Gott als dem Richter zu sprechen, der die Gerechtigkeit durchsetzt, ist keine Drohbotschaft, sondern eine Frohbotschaft.
Ein Salzburger Theologieprofessor hat einmal versucht, das heilende Gottesgericht im Spiegel eines irdischen Gerichtsverfahrens zumindest ansatzweise zu erkennen:
Eine SS-Division hatte am 10.Juni 1944 als Vergeltungsaktion gegen die französische Widerstandsbewegung den Ort Oradour-sur-Glane vollständig zerstört. 600 Männer, Frauen und Kinder wurden dabei verbrannt oder erschossen. Einer der Offiziere, die diese Liquidierung kommandierten, lebte später in der DDR als angesehener Angestellter in einem Betrieb und war ein liebevoller Familienvater und Opa. 1980, 36 Jahre nach seiner Tat, wurde er verhaftet, angeklagt und zu lebenslanger Haft verurteilt. Eine Reporterin durfte ihn besuchen und konnte ein langes Gespräch mit ihm führen. Dabei weinte er immer wieder. Auf die Frage: Warum weinen Sie jetzt? antwortete er: Ach, ich habe so glücklich gelebt, und nun nimmt das solch ein Ende. Die Journalistin fragte weiter: Haben Sie auch schon einmal geweint über die Kinder, Frauen und Männer, die Sie damals umgebracht haben? Antwort: Nein. Haben Sie nie daran gedacht, dass Sie an jenen Menschen ein furchtbares Unrecht begangen haben? Antwort: So lange ich in Freiheit war, nicht. Es war doch alles ganz normal. Aber jetzt denke ich doch oft, da muss was nicht gestimmt haben, da war ich selber irgendwie verwickelt, da war wohl alles falsch. Tränen und ein leiser Ansatz zur Reue, überhaupt zur Erkenntnis des Tatbestandes stellten sich für den Mann erst dann ein, als das Gericht dafür sorgte, dass er sich dem Geschehen stellen musste, als die Tat wieder auf ihn zurückkam, an seinen Leib und an sein Leben. Nun war er dabei, aufzuwachen aus der stumpfen, glücklichen Befangenheit in seinem eigenen Wohlbefinden und Rechthaben, begann er ein Mensch zu werden, der seine Taten sieht. Das Gericht hat ihm das möglich gemacht.
Soweit der Bericht des Salzburger Theologen.
http://www.dietrich-bonhoeffer-gemeinde.de/gottesdienste/predigtreihe-2012-psalmen/rachepsalm-psalm-58-pfr-ulrich-wehmann-am-29072012/