Wie gehen wir mit dem Zweifel um?

Ich glaube an den Zweifel
Alles beruht auf Vertrauen. Von der Freundschaft unter Kindern bis hin zu Verträgen zwischen Völkern – das ganze Leben hängt ab vom Vertrauen. Wer sich auf Menschen verlässt, hat Vertrauen. Die höchsten Gefilde der Liebe und des Lebens sind nur mit Vertrauen zu erreichen. Kein Wunder also, dass uns die eine Frage immer wieder beschäftigt: Wem kann ich vertrauen? Wenn das Vertrauen schwindet und der Zweifel wächst, legt sich ein Schatten auf den Menschen.
Wer christliche Ratschläge erteilt, sollte dies stets in dem Bewusstsein tun, daß theoretisches Wissen allein überhaupt nichts nützt, wenn es getrennt wird vom Glauben und vom bewussten Vertrauen auf den Heiligen Geist.
1. Wenn man dem Zweifelnden helfen will, muss man ihm zunächst einmal zuhören.
Wir sind einfach zu sehr beschäftigt damit, um uns die Zeit zu nehmen, unserem Gegenüber zuzuhören. Zuhören ist ein Ausdruck der Liebe, nach der sich der Zweifelnde so sehr sehnt. Was am Zweifel so qualvoll ist, das ist das Bewusstsein, den Boden unter den Füßen weggezogen zu bekommen. Nicht selten kommt ein zweifelnder Mensche in seiner Isolation und Hoffnungslosigkeit zu dem Schluss, daß ihn niemand versteht. Wer aufmerksam zuhört, vermeidet „reaktionär” zu werden. Wenn wir anderen Menschen nicht zuhören, sondern nur spontan reagieren auf das, was sie sagen, werden wir sie niemals richtig verstehen. Aufmerksamkeit ist der Schlüssel zu wahrem Verständnis. Hören Sie zu mit allem, was Sie haben – mit Liebe, Anteilnahme, Konzentration und mit Stille. Das ist das Zuhören, das schweigt und doch so viel sagt.
2. Kühlen Kopf bewahren!
Nur klares Denken, das bewusst auf die Hilfe Gottes baut, verleiht uns die nötige Unterscheidungskraft, um überflüssige Aspekte ausscheiden zu können und die wesentlichen Probleme ins Auge zu fassen. Die Mehrzahl aller Probleme verlangt zunächst eine ganz nüchterne Analyse. Dabei müssen wir uns zwei wichtige Fragen stellten: Wo liegt die Wurzel des Zweifels? Und: Wer ist verantwortlich für den Zweifel? Und eine weitere Frage, die zuerst beantwortet werden muss, lautet: Ist dieser Zweifel überhaupt echt? (Z.B. ist es wirklich Zweifel an Gott, oder kann jemand nicht an Gott glauben, weil er seinem Vater, der an ihm schuldig geworden war, nicht verzeihen kann, also Groll vorhanden ist?). Sie sollten die Art und Weise, in der sich der Zweifel äußert, zwar sehr ernst, aber nicht wörtlich nehmen. Beim Zweifel kommt es nicht so sehr darauf an, in welchen Behauptungen und Aussagen er sich äußert, sondern wie der Zweifler diese Aussagen vorbringt. Inwieweit ist der Zweifler selbst verantwortlich, und inwieweit tragen andere die Verantwortung? Niemand ist vor Gott für das verantwortlich, was andere ihm angetan haben, ob durch Taten oder durch Worte; dafür sind allein die anderen verantwortlich, Doch jeder trägt vor Gott die Verantwortung dafür, was er mit dem, was andere ihm zugefügt haben, getan hat. Welchen Einfluss haben Sünde und Teufel auf den Zweifel? Die Bibel lehrt, daß Zweifel das Ergebnis von Sünde sein können, ja zuweilen können Zweifel selbst Sünde sein. Die Bibel bringt ganz klar zum Ausdruck, daß der Teufel Zweifel verursachen kann (Sündenfall). Aber wir müssen uns davor hüten, den Einfluss des Bösen auf den Zweifel zu sehr zu betonen. Ist es nicht ein Ausdruck dafür, daß man sich vor menschlicher Verantwortung drückt, wenn man alles nur dem Satan in die Schuhe schiebt?
3. Die Antwort wagen!
Wir werden dem Zweifler nur dann helfen, wenn wir ihm sagen, was er falsch gemacht hat und was er nun tun muss. Eine gute Antwort auf den Zweifel muss erkennen lassen, daß der Antwortende verstanden hat, wo die Ursachen des Zweifels liegen. Zweitens muss eine gute Antwort dem Zweifelnden vor Augen führen, welche Konsequenzen es für ihn haben würde, wenn er auch weiterhin zweifelt. Und drittens muss eine gute Antwort dem Zweifler zeigen, inwieweit er für seinen Zweifel selbst verantwortlich ist, damit er diese Verantwortung übernehmen und somit wirkliche Freiheit erlangen kann. Die erste Eigenschaft, die unsere Antwort auszeichnen sollte, ist das Mitleid mit dem zweifelnden Menschen. Je wichtiger der Glaube für einen Menschen ist, umso ernster wird auch der Zweifel. Es gibt kein Lösungsmittel für den Zweifel, das wirkungsvoller wäre als die Macht der Liebe und des Mitleids (siehe Hiob 6,14.15; siehe auch 1.Kor 13,1). Die zweite Eigenschaft ist Offenheit. Viele Versuche, anderen zu helfen, sind gepolstert mit frommen Verallgemeinerungen. Wenn wir unfähig sind zu helfen, sollten wir das offen zugeben. Wenn unsere eigene Hilfe versagt hat und wir niemanden kennen, der dem Betreffenden helfen kann, bedeutet das, daß dem Betreffenden im Moment niemand helfen kann. Es gibt in unserem Leben immer wieder Probleme, auf die es nicht gleich eine Antwort gibt. Man sollte warten, bis man auf die richtige Lösung stößt. Diese Geduld ist für einen Christen äußerst wichtig. Wir sollten nie glauben, daß es einfach sei, einen Zweifel aus der Welt zu schaffen.
4. Die Warnung vor dem letzten Schritt
Der Zweifler schwankt zwischen Sicherheit und Unsicherheit, zwischen Glaube und Unglaube, zwischen Gewissheit und Ungewissheit. Das eigentliche und größte Problem liegt jedoch nicht in dieser Ambivalenz, sondern in der Gefahr, daß die „Waage” des Zweifels sich langsam zur negativen Seite hin senkt. Der Zweifel wird sich nicht für immer in der Schwebe halten. Früher oder später ringt er sich zum Glauben durch oder gleitet hinüber zum Unglauben. Eine dritte Möglichkeit gibt es nicht. Wenn sich der Zweifel in diesem Endstadium befindet, wo er jederzeit in Unglauben umschlagen kann, haben wir die Verpflichtung, den Zweifler noch einmal eindringlich zu warnen. Der Zweifel mag ursprünglich durchaus echt gewesen sein; jetzt aber ist ein Stadium erreicht, wo jede rechtfertigende Begründung für den weiteren Verlauf des Zweifels entfällt. Wenn der Zweifler sich jetzt weigert zu glauben, trägt er ganz allein die Verantwortung dafür. Was er nun weiterhin als Zweifel bezeichnet, ist in Wahrheit gar kein Zweifel mehr, sondern Unglaube. Wie sollten wir uns denn nun gegenüber einem Menschen verhalten, wenn wir erkennen, daß er die Grenze zum Unglauben zu überschreiten droht? Folgende Checkliste kann uns helfen:
Sind wir ganz sicher, daß der Betreffende dieses Stadium erreicht hat?
Sind unsere Motive klar und ehrlich?
Wissen wir, was wir in der Situation zu sagen haben?
Unsere Warnung wird verantwortlich sein, wenn wir sie gleichsam aus vier verschiedenen „Strängen” knüpfen:
Der erste Strang sollte unserem Gegenüber klar machen, daß wir seine verstandesmäßigen Zweifel als solche erkannt haben. Der Zweifler muss wissen, daß uns sein Problem deutlich ist. Mit irgendwelchen Verschleierungstaktiken kann er jetzt nicht mehr durchkommen.
Der zweite Strang zeigt dem Betroffenen den wahren Grund für seinen Zweifel. Vorgeschobene Gründe können wir nun getrost beiseite legen und uns ganz auf die wahre Ursache konzentrieren. Warum zweifelt er? Ist der Zweifel vielleicht nur eine Maske, hinter der sich Schuld verbirgt? Wir müssen dem Zweifler die Illusionen rauben, er könne sich irgendwo vor der Wahrheit Gottes verstecken. Gott sprach durch Hesekiel zum Volk Israel: „Ihr sagt: Der Herr handelt nicht recht. – So hört nun, ihr vom Haus Israel: Handle ich denn unrecht? Ist’s nicht vielmehr so, daß ihr unrecht handelt?” (Hes 18,25).
Der dritte Strang einer Warnung weist auf die Folgen des Unglaubens hin: Abfall von Gott, Gottes Gericht und Verlust des Heils. Der letzte Strang ist ein Hinweis auf Gottes Versprechen, die Sünden in jeder Situation zu vergeben, wenn wirklich Buße und Glaube vorhanden sind. Vergebung und Rückführung sind ja letztlich der Sinn einer Warnung. Also nicht so wie Jona, der nur das Gericht verkündigen wollte, aber kein Interesse an der Rettung der Menschen hatte.
Auszüge aus: Os Guiness: Das Problem des Zweifels, TELOS, Hänssler-Verlag 1979; S.137ff.

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