„Wie man Freunde gewinnt“ — biblisch durchdacht

Vor 80 Jahren ist Dale Carnegies Klassiker Wie man Freunde gewinnt: Die Kunst, beliebt und einflussreich zu werden auf Englisch erschienen (1937). Seitdem ist dieses Buch fünfzehn Millionen mal verkauft, in unzählige Sprachen übersetzt und 2011 vom Time Magazine auf Rang #19 der 100 einflussreichsten Bücher eingestuft worden. Schon das kurze Überfliegen der dreißig Verhaltensregeln im Umgang mit Menschen(siehe am Ende dieses Artikels), bei denen man beliebt sein und die man beeinflussen will, zeigt dass Carnegies Grundtenor wie folgt lautet: „Bringe deinem Gegenüber Wertschätzung entgegen”. William James drückt den Grundgedanken, von dem Carnegies Ansatz entspringt, wie folgt aus:
„Das tiefste Bedürfnis im Menschen ist die Sehnsucht nach Anerkennung.” (Engl.: „The deepest principle in human nature is the craving to be appreciated.”)
Aus christlicher und biblischer Sicht wirft Carnegies Klassiker so einige Fragen auf und ist vielleicht so manchem suspekt: „Ich bringe meinem Gegenüber Wertschätzung entgegen, damit er mich mag und mich in meinen Vorhaben unterstützt?!” Dies ist vielleicht nur eine von vielen Fragen, die die unten aufgelisteten Umgangsregeln aufwerfen (und das nicht nur für einen Menschen, der sein Leben auf dem Fundament der Bibel ausrichtet). Andererseits liegt unserem christlichen Umgang miteinander der Gedanke des „einer den anderen Höher achten als sich selbst” (Phil. 2, 3) zu Grunde, der in vieler Hinsicht auf den zwischenmenschlichen Umgang hinausläuft, den Carnegie beschreibt.
Obwohl Carnegie nicht beabsichtigt, seinen Ansatz an einem biblischen Menschenbild auszurichten, trifft er jedoch im Kern etwas, was jeder Christ lernen sollte in seinem Umgang mit seinem Nächsten zu pflegen: Bestätigung, Affirmation und Zuspruch über positive Dinge, die man in dem Leben des anderen beobachten kann. Solch eine christliche Wertschätzung seinem Nächsten gegenüber sollte jedoch nicht dazu dienen, dass man sich versucht, bei dem anderen beliebt zu machen, oder man mit seinen eigenen persönlichen Vorhaben weiterkommt, sondern letztendlich der Ehre Gottes.
In seinem Buch Practicing Affirmation: God-Centered Praise of Those Who are Not God (Crossway, 2011) [dt.: Affirmation praktizieren: Gott-zentrierter Lob derer, die nicht Gott sind] behandelt Sam Crabtree eine oft übersehene und häufig nicht praktizierte Tugend, die so viele unserer zwischenmenschlichen Beziehungen verbessern, heilen und (noch) Gott wohlgefälliger machen würde: unseren Nächsten bewusst für die Eigenschaften und Taten zu loben, an denen man erkennen kann, dass Gott in seinem oder ihrem Leben am Wirken ist.
Crabtrees Buch hilft einem deshalb auch Carnegies Ansatz und Regeln aus biblischer Sicht zu überdenken und Evangelium-zentriert auszurichten. In dem was folgt einmal drei Gedanken zu Carnegies Wie man Freunde gewinnt, die mit einigen Zitaten (meine eigene Übersetzung) aus Crabtrees Buch untermauert werden.
(1) Lob, Bestätigung und positiver Zuspruch für andere ist nicht nur etwas, was anderen gut tut (weil sie es gerne hören), sondern auch etwas, was Gott verherrlicht (weil es Sein Wirken bezeugt).
John Piper erklärt in der Einleitung zu Crabtrees Buch:
„Der Grund im Ebenbild Gottes geschaffen worden zu sein ist, dass der Mensch dazu bestimmt ist Gott widerzuspiegeln. Das ist was Ebenbilder tun. Und der Grund von Jesus errettet worden zu sein und in dem Ebenbild unseres Schöpfers erneuert worden zu sein ist, dass diese Bestimmung zurückgewonnen wird. Aber warum? Sicherlich nicht, damit Gottes Werk in seinem Volk unbemerkt und ‚ungelobt’ [sic] bleibt. Wenn Gott souverän ist und jede gute Gaben von ihm herabkommt, dann ist es ein Sakrileg und eine Seelenkrankheit, das Gute in anderen nicht zu loben.”
(2) Lob, Bestätigung und positiver Zuspruch für andere nimmt nichts weg von dem Lobpreis Gottes, sondern fördert ihn geradezu, weil Gott dadurch letztendlich selbst gelobt wird.
Crabtree erklärt:
„Letztendlich gebührt aller Lob Gott. Aber ‚vorletztendlich’ kann und sollte Lob auch an Menschen gerichtet werden mit dem Ziel letztendlich Gott die Ehre zu bringen, der diesen Menschen die Gnaden, Gaben und den Charakter gegeben hat, den sie an Tage legen.”
Weiter sagt er: „Der Lob Gottes schliesst den Lob anderer nicht aus. Er verbietet nur den Lob anderer in Hinsicht auf Dinge, die Gottes Ehre mindern, wie z.B. ihren bösen Praktiken zuzustimmen oder ihre Sünde zu entschuldigen oder ihnen Ehre zuzuweisen, als ob sie diese intrinsisch inne hätten und nicht letztendlich von Gott erhalten hätten. Worum geht es mir? Gute Bestätigungen (eng. Affirmations) sind Gott-zentriert, weil sie auf Gottes Ebenbild in einem Menschen verweisen.”
(3) Lob, Bestätigung und positiver Zuspruch für andere nimmt in unserem Leben zu, wenn wir ein Auge dafür entwickeln, wo Gott überall am Wirken ist, und lernen, dies dann auch in Worte zu fassen.
Crabtree erläutert: „Bevor wir in der Lage sind Menschen Bestätigung entgegenzubringen, müssen wir lernen Gott Bestätigung entgegenzubringen, der die Quelle von allem ist, was in anderen zu bestätigen ist. Er ist die Quelle, die Schablone und die Messlatte. Um auf Ausschau zu sein, was in anderen lobenswert ist, sollten wir das Lobenswerte in Gott sehen.”
In Bezug auf den Lob, den wir anderen zubringen, weil Christus in ihnen am Wirken ist, hält Crabtree fest: „Christusähnlichkeit in transformierten Gläubigen zu bestätigen ist gleichzusetzen damit zu bestätigen, was Christus mit seinem Blut erkauft hat. Er hat sein Blut nicht für die Gemeinde vergossen, weil sie es wert war. Sondern sein Blut vergossen für sie schafft den Wert [der Gemeinde].”
Aber, wie Crabtree argumentiert, macht dieser Lob nicht vor Ungläubigen halt. Denn „Christusähnlichkeit in geistlich Toten zu bestätigen, würdigt abgeleitete Schönheit.”
Lob anderer, obwohl sie nicht Gott sind, ist also durchaus angebracht, solange der Lob und die Bestätigung Gott-zentriert sind. Ganz im Gegenteil sollte unsere Sicht von der Herrlichkeit unseres Schöpfers und Retters uns dazu animieren, sein Wirken in dem Leben unserer Mitmenschen zu erkennen und zu bestätigen. Dies ist eine Gott verherrlichende, christliche Tugend. Und was dieser Gott-zentrierte Lob in anderen zu tun vermag, davon weiss Carnegie ein Lied zu singen. Sicherlich sind damit nicht alle Fragen zu Carnegies Buch gelöst – aber es ist einmal ein Anfang Wie man Freunde gewinnt biblische zu überdenken. [Wie dieser Lob und diese Anerkennung gestaltet werden kann, damit sie in unserem Mitmenschen nicht das Falsche auslösen, dazu soll ein zweiter Blogartikel folgen].
Hier nun abschliessend noch die Liste von Carnegies dreißig Umgangsregeln. Für eine hilfreiche Zusammenfassung und kurze Erläuterung dieser Regeln siehe diesen hilfreichen Blogartikel.
Grundregeln für den Umgang mit Menschen (engl.: Fundamental Techniques in Handling People)
Regel Nr. 1 – Kritisiere, verurteile und klage nicht
Regel Nr. 2 – Gib ehrliche und aufrichtige Anerkennung
Regel Nr. 3 – Wecke in anderen lebhafte Wünsche
Sechs Möglichkeiten, sich beliebt zu machen
Regel Nr. 4 – Interessiere Dich aufrichtig für andere
Regel Nr. 5 – Lächeln!
Regel Nr. 6 – Vergiss nie, dass für jeden Menschen sein Name das wichtigste Wort ist
Regel Nr. 7 – Sei ein guter Zuhörer und ermuntere andere, von sich selbst zu sprechen
Regel Nr. 8 – Sprich von Dingen, die den anderen interessieren
Regel Nr. 9 – Trage stets dem Selbstbewusstsein des anderen Rechnung
Zwölf Möglichkeiten, die Menschen zu überzeugen
Regel Nr. 10 – Die einzige Möglichkeit, einen Streit zu gewinnen, ist, ihn zu vermeiden
Regel Nr. 11 – Achte die Meinung anderer
Regel Nr. 12 – Wenn Du Unrecht hast, gib es ohne zu zögern zu
Regel Nr. 13 – Versuche es stets mit Freundlichkeit
Regel Nr. 14 – Gib anderen Gelegenheit, „ja“ zu sagen
Regel Nr. 15 – Lass hauptsächlich den anderen sprechen
Regel Nr. 16 – Lass den anderen glauben, die Idee stamme von ihm
Regel Nr. 17 – Versuche ehrlich, die Dinge vom Standpunkt des anderen aus zu sehen
Regel Nr. 18 – Bringe den Vorschlägen und Wünschen anderer dein Wohlwollen entgegen
Regel Nr. 19 – Appelliere an die edle Gesinnung des anderen
Regel Nr. 20 – Gestalte Deine Ideen lebendig
Regel Nr. 21 – Fordern Sie die anderen zum Wettbewerb heraus
Neun Möglichkeiten, die Menschen zu ändern, ohne sie zu beleidigen
Regel Nr. 22 – Beginne mit Lob und Anerkennung
Regel Nr. 23 – Mach den anderen nur indirekt auf seine Fehler aufmerksam
Regel Nr. 24 – Sprich zuerst von Deinen eigenen Fehlern, ehe du andere kritisierst
Regel Nr. 25 – Mach Vorschläge, anstatt Befehle zu erteilen
Regel Nr. 26 – Gib dem anderen die Möglichkeit, sein Gesicht zu wahren
Regel Nr. 27 – Lobe jeden Erfolg, auch den geringsten
Regel Nr. 28 – Zeig dem anderen, dass Du eine gute Meinung von ihm hast
Regel Nr. 29 – Ermutige den anderen
Regel Nr. 30 – Es muss dem anderen ein Vergnügen sein, Deine Wünsche zu erfüllen Dr. Kai Soltau
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