Coke is life oder die Absolutheit des Christentums

Auf dem heutigen Markt bieten viele ihr Produkt als Lebenserfüllung an. Von Coca Cola bis zum Yoga für Manager. Sie wollen punktuelle oder umfassende Sinnstifter sein. Die christliche Kirche ist längst nicht mehr die einzige Anbieterin. Solange Christen ihren Glauben im Privaten leben und sich in den dafür vorgesehenen Gebäuden versammeln, wird diese Form des Glaubens toleriert. Eine Nationalfondsstudie sagt, dass Religion im Leben vieler Menschen gar nicht mehr so wichtig sei. Das alles sind Symptome unserer postmodernen Gesellschaft. Wie sollen sich «überzeugte» Christen in diesem Umfeld bewegen?
Anfangs des letzten Jahrhunderts entfachte der deutsche Theologe Ernst Troeltsch eine Debatte über die Absolutheit des Christentums. Diese Diskussion war damals nicht neu, aber die wissenschaftliche Beschäftigung mit anderen Religionen drängte dieses Thema auf. Was soll absolut sein am Christentum? Troeltsch sieht im Christentum die höchste Religion, aber nichts Absolutes. Darf eine Religion behaupten, sie sei die einzig wahre? Heute ist das meist gar kein Thema mehr, weil Religion eher zur Kategorie der «Hobbys» gehört. Die einzige wahre Religion ist für viele Menschen die Wissenschaft, besonders die Naturwissenschaft – oder der freie Markt.
Die Naturwissenschaften erklären die Welt. Tatsache ist, dass sich die Wissenschaften auch immer wieder geirrt haben. Das ist kein Problem, sondern gehört zum Wesen der Wissenschaft. Sie sucht nach Wahrheit, sie garantiert aber keine Wahrheit. Die Wissenschaft versucht, die bestmögliche Erklärung für die Daten zu liefern. Trotz dieser Qualifikationen glauben viele Menschen an die Wissenschaften wie an eine Religion. Wir halten dagegen: Die Wissenschaften haben sich bewährt in der Erklärung der Welt, aber sie eignen sich nicht als Religionsersatz.
Eine Stimme unter vielen
In der öffentlichen Wahrnehmung ist der christliche Glaube höchstens noch eine Stimme unter vielen. Er kann moralische Appelle ausrichten oder «spirituelle Wellness» anbieten. In der Wahrheitsdiskussion, sofern sie noch geführt wird, ist der christliche Glaube aber kein Partner. Diese postmoderne Situation kann man bedauern. Ich sehe zwei mögliche Strategien, um darauf zu reagieren: Wir können entweder dieser Gesellschaft zeigen, dass ihre Grundannahmen philosophisch nicht haltbar sind. Hier gibt es eine ganze Reihe von wichtigen und hilfreichen Argumenten, die in eine Diskussion eingebracht werden könnten, die gar nicht stattfindet. Im Alltag – auch im Studienalltag – wollen viele Menschen die Grundlagen ihrer Weltanschauung gar nicht hinterfragen. Diese Strategie ist ein spannendes Feld für Interessierte. Sie kann dort gute Früchte tragen. Die zweite Möglichkeit ist, dass wir uns an das postmoderne Klima gewöhnen und hier unser Christsein leben. Was bedeutet das?
Drei Varianten
Christen haben auf drei verschiedene Arten auf die religiöse Vielfalt in der Gesellschaft reagiert. Erstens mit Exklusivität: Das ist die klassische Position der meisten christlichen Kirchen und Denominationen. Jesus Christus ist der einzige Retter der Welt und kein Weg zum Heil führt an ihm vorbei. Ausserhalb von Christus gibt es kein Heil. Die Überzeugungen, die sich zum Beispiel im apostolischen Glaubensbekenntnis artikulieren, werden übernommen. Zweitens mit Inklusivität: VertreterInnen dieser Richtung halten daran fest, dass Jesus Christus die Selbstoffenbarung Gottes ist. Die nichtchristlichen Religionen bieten aber auch gangbare Wege zum Heil an. Jesus Christus hat für alle das Heil erworben, das heisst auch für Anhänger anderer Religionen. In dieser Richtung gibt es Christen verschiedener Schattierungen. Die katholische Kirche hat diese Position so formuliert, dass auch in anderen Religionen Strahlen der Wahrheit gefunden werden können. Es gibt auch «evangelikale» Theologen, die diese Position vertreten. Drittens mit Pluralismus: Es gibt eine Fülle von Religionen, die alle vollwertige Heilsangebote machen. Sie alle bieten einen gültigen Weg zum einen Gott an. Hier kann und darf man nicht mehr zwischen den Heilsangeboten unterscheiden. Der amerikanische Theologe John Hick ist ein bekannter Vertreter dieser Richtung. Die Positionen zwei und drei entsprechen der Atmosphäre in einer postmodernen Gesellschaft. Die exklusive Haltung wird heute meist als intolerant beurteilt. Bei genauerem Hinsehen erweist sich die pluralistische Position aber als arrogant. Hier stellt sich jemand über alle Religionen und beurteilt ihre Heilswege. Er oder sie schwingt sich zum Richter über Gott und die Religionen auf. Das ist weder eine tolerante noch eine postmoderne Haltung.
Ist die Exklusivität haltbar?
Christen, die sich auf die Bibel berufen, sind mit folgender Aussage konfrontiert: «Und es gibt in keinem anderen die Rettung, denn es gibt auch keinen anderen Namen unter dem Himmel, der gegeben wurde den Menschen, durch den wir gerettet werden sollen» (Apg. 4.12).
Diese Aussage machte Petrus als Gefangener vor dem Hohen Rat bei seiner Verteidigung. Die jüdischen Führer ärgerten sich über diese Worte. Sie akzeptierten den exklusiven Anspruch, den die Jünger für Jesus von Nazareth erhoben, nicht. Auch im damaligen religiös pluralistischen Umfeld des Hellenismus waren diese Worte anstössig. Man konnte glauben, was man wollte, nur nicht exklusiv. Der Satz passte also auch im 1. Jahrhundert nicht in die Gesellschaft.
Ein moderner Ausleger will uns helfen, wenn er sagt, dass Petrus mit dieser Aussage natürlich nicht die damals unbekannten Weltreligionen gemeint habe. Natürlich hat er das nicht. Aber hilft uns das? Wie sollen wir diesen Anspruch interpretieren? Im Neuen Testament finden sich sogar noch mehr «exklusive Aussagen» (Joh. 14.6 / 1 Tim 2.5f / Hebr 2.2 – 4). Vom Umgang des Alten Testaments mit anderen Religionen ganz zu schweigen. Petrus drückt hier etwas aus, was tief im Neuen Testament verwurzelt ist.
Wir leben in einer Gesellschaft, die den Pluralismus für den richtigen Weg hält. Die Bibel führt uns zu einer exklusiven Position. Das Wahrheitskriterium für den christlichen Glauben ist nicht der gesellschaftliche Trend, sondern die Bibel und ihre Interpretation. Das öffnet einen Spielraum, aber keine Beliebigkeit. Die ersten Christen waren in ihrem Zeugnis für Jesus eindeutig: Er ist Herr (1 Kor 12.3). Somit stehen wir vor der Herausforderung: Wie können wir eine exklusive Haltung in einer postmodernen Gesellschaft vertreten?
In der Vergangenheit sind Christen oft mit grosser Überheblichkeit aufgetreten. Sie spielten sich als Verwalter der Wahrheit auf. Die Geschichte zeigt leider auch das Scheitern der Kirche. Etwas Demut stünde uns gut an. Es ist höchste Zeit, dass wir die Menschen als vollwertiges Gegenüber ernst nehmen. Wir sind hoffentlich überzeugt von der Wahrheit unseres Glaubens. Diese Überzeugung dürfen wir Menschen ohne Überheblichkeit anbieten.
Die Grundlage unseres Glaubens sind die biblischen Geschichten. Seit Tausenden von Jahren werden diese wunderbaren und herausfordernden Geschichten überliefert. Das Nachdenken darüber hat zu den grössten Kunstwerken der Welt geführt. Wir gehören zur Kette der Zeugen dieser biblischen Geschichten. Gott hat uns diese Geschichten anvertraut, damit wir sie weitererzählen.
Die lebendigen Bibeln
Viele Menschen lesen die gedruckte Bibel nicht. Die Bibel, die die Menschen auch heute noch lesen, ist unser Leben. Wir sind Zeugen für die Wahrheit des christlichen Glaubens. Mit unserem Lebensstil sollen wir nicht nur die Modetrends abbilden, sondern unserem Glauben ein Aussehen geben.
Die postmoderne Gesellschaft schwimmt auf vielen «Wahrheitsinseln». Jeder hat seine eigene Wahrheit: «Stimmt es für dich?» Das Fundament fehlt einer solchen Gesellschaft. In vielen politischen und ethischen Diskussionen wird deutlich, dass die Grundwerte fehlen. Der christliche Glaube bietet solide Grundwerte an. Christen müssen die Relevanz dieser Grundwerte in ihrer Gesellschaft aufzeigen.
Bei vielen Zeitgenossen – auch bei Christen – ist «Mission» ein Unwort. Sie ist Ausdruck von Intoleranz und Fundamentalismus. Das sind Killerargumente. Mission gehört aber zum Wesen des Christentums. Sie ist kein Extra für ein paar Angefressene. «Gott will, das alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen» (1 Tim 2.4). Vielleicht können wir die Menschen nicht überzeugen, dass wir die Wahrheit haben. Das ist vielleicht auch gut so. Genuiner christlicher Glaube hat aber eine missionarische Dimension. Gott möchte Menschen durch uns erreichen, manchmal erreicht er sie auch trotz unserer Bemühungen. Von Martin Forster | 20.09.2012
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