Warum glaubt der Mensch? Ein Artikel aus „National Geographic“

„National Geographic – Dez 2015 – Warum glaubt der Mensch? Text: Teja Fiedler.“
Vorbemerkung: Als National Geographic als deutschsprachige Zeitschrift erschien, hatte ich mich sehr gefreut: fundierte Texte kombiniert mit hervorragenden Bildern. Zehn Jahre lang hatte ich sie gelesen. Allerdings nervte mich zunehmend die antichristliche Einstellung der Zeitschrift, die bis zu einer wissenschaftlich getarnten Überheblichkeit über religiöse Menschen ging. Daher bestellte ich sie wieder ab. Kurz vor Weihnachten entdeckte ich im Zeitschriftenhandel dann die Ausgabe Dezember 2015. Auf der Titelseite dieser Ausgabe steht in weißer Schrift: Warum glaubt der Mensch? Die Frage (und natürlich auch die Antworten) interessieren mich sowohl aus theologischer als auch sozialwissenschaftlicher Sicht. Also die 5,50 € investiert und mehrmals gelesen. Eigentlich wollte ich eine Rezension schreiben. Aber es wurden nur ein paar Anmerkungen. Zumindest weiß ich jetzt wieder, warum ich diese Zeitschrift nicht mehr lese.
„Ratlos und und ohnmächtig stand er [der Urmensch, Anm, von mir] vor den Naturgewalten … Woher kamen sie? Das überstieg seinen praktischen Verstand, und er warf sich ehrfürchtig vor dem Unbegreiflichen nieder in der Hoffnung, es wenigstens so besänftigen zu können.“
Der Verfasser zitierte davor den verstorbenen Archäologen Klaus Schmidt (Grabungen im türk. Göbekli Tepe, die Funde stammen aus dem 10. Jahrtausend v. Chr.). K. Schmidt konnte feststellen, dass es bereits in der Jungsteinzeit einen geregelten religiösen Kult gab. Über die Ursprünge bestehen aber nur Vermutungen, die sich nicht auf Fakten oder Funde beziehen. Also: Woher weiß T. Fiedler, dass der Steinzeitmensch so dachte wie im Zitat? Der Artikel in NG gibt darauf leider keine Antwort.
Aber der Verfasser lässt seinen Leser nicht weiter im Dunkeln:
„Die Menschen mussten sich Regeln für ihr eigenes Zusammenleben geben, um die latente Gewaltbereitschaft in ihrer Gemeinschaft einzudämmen. Um diesen Regeln unveränderliche Gültigkeit zu verschaffen, schrieb man sie den Göttern zu. Nicht zum eigenen Schaden: Gemeinschaften mit einem kultischen Zusammenhalt bewältigen den Überlebenskampf besser als ein loser Haufen – ein Selektionsvorteil ganz im darwinschen Sinne.“
Das nenne ich eine steile These! Wenn „man“ etwas den Göttern zuschreibt, kann „man“ es auch den Göttern wieder abschreiben. Eigentlich ist damit der Willkür Tür und Tor geöffnet. Außerdem: Wer zwang den Menschen dazu, sich Regeln zu überlegen? Im Zitat werden die Menschen als gewalttätig beschrieben. Auch dafür gibt es keinerlei Funde. Ganz im Gegenteil! Wenn ich wirklich von einem Selektionsvorteil und dem Darwinismus ausgehe, muss ich feststellen, dass soziale Gemeinschaften ohne religiöse Elemente seit Millionen von Jahren funktionieren, ohne dass sich die Mitglieder der Gemeinschaft gegenseitig zerfleischen. Mein Lieblingsbeispiel sind hier die afrikanischen Wildhunde. Säugende Weibchen dieser Art beteiligen sich an der Jagd, um das Überleben der Gruppe zu sichern. Gleichzeitig bleibt aber eines dieser Weibchen – sie wechseln sich darin ab – bei den Jungen zurück und säugen diese, sowohl die eigenen als auch die fremden Jungen. Das ist ein hochgradig soziales Element. Brauchen die afrikanischen Wildhunde dazu Religion? Jeder Verhaltensforscher wird bestätigen, dass bei allen sozialen Lebewesen Mechanismen vorhanden sind, die sowohl das Überleben der Gruppe als auch das Überleben in der Gruppe sichern (z. B. Welpenschutz, Beihemmungen, Demutsgesten …). In diesem Sinne ist Religion also überflüssig, das Argument von T. Fiedler hinfällig.
Damit kommen wir zum Hauptargument des Verfassers. Für ihn sind religiöse Menschen unfähig bzw. überfordert, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen.
„Auch heute noch wollen die meisten nicht akzeptieren, dass die Zusammenhänge der Weltläufe ihr Verständnis überfordern und dass Grund und Zweck menschlichen Daseins nichts weiter ist als die Erhaltung der Art Homo sapiens im darwinschen Sinn.“
Es gibt also keinen höheren Sinn. Religion ist nur etwas für unvernünftige, ängstliche und unwissenschaftliche Menschen.
Aber wie steht es mit dem Christentum im Speziellen?
„Angesichts etwa der historisch-kritischen Analyse der Bibeltexte oder der erdrückenden Beweislast der Evolutionstheorie halten nur noch fundamentalistische Randgruppen an dem Buchstabenglauben fest, die Heilige Schrift sei in weiten Teilen Gottes direkte Offenbarung.“
Hier ‚trieft‘ dem Verfasser regelrecht die Wissenschaftsgläubigkeit aus jeder Pore. Ich gehöre damit zu einer fundamentalistischen Randgruppe. Nun gut – damit kann ich leben.
„Atheisten können die Behauptungen und Widersprüche der Offenbarungsreligionen schlüssig ad absurdum führen.“
Richard Dawkins oder Stephen Hawking können das nicht. Von welchen Atheisten spricht T. Fiedler dann?
Fazit: Die Frage „Warum glaubt der Mensch?“ wurde leider nicht schlüssig beantwortet. Das, was der Verfasser anbietet (Darwinismus), lässt sich leicht mit ein wenig biologischen Kenntnissen aus der Ethologie widerlegen. Insgesamt ist dieser Artikel eine Abrechnung mit religiösen Menschen und stellt nur eine persönliche Meinung des Verfassers dar. Schade, dass sich eine internationale Zeitschrift mit einem gewissen wissenschaftlichen Renommee dafür hergibt. http://www.himmelsgetrei.de/?p=159