Sind Glauben und Erkennen Gegensätze oder gehören sie zusammen?

  1. Die heutige Trennung von Glauben und Erkennen
    Auf der Titelseite einer Weihnachtsausgabe des „Spiegel“ konnte man vor einigen Jahren die Leitfrage lesen „Warum glaubt der Mensch?“
    Ganz im Vordergrund stand die Themaformulierung „Jenseits des Wissens“. Damit war die Ausrichtung vorgegeben: Was auch immer die Gründe für den Glauben an eine göttliche Wirklichkeit sein mögen, sie befinden sich jenseits dessen, was der Mensch zuverlässig erkennen kann. Diese prinzipielle Trennung von Glauben und Wissen ist typisch für die moderne und erst Recht die postmoderne nachchristliche Gesellschaft. Glaube gilt weithin als bloß „subjektive“ Meinung, die im Unterschied zum „objektiven“ Wissen oder zur Wissenschaft nicht wirklich begründet werden kann.
    Die Folgen dieser Trennung von Glauben und Wissen für die säkulare Gesellschaft sind von kaum zu überschätzender Tragweite:
    Während das „Wissen“ und erst recht die „Wissenschaft“ öffentliche Geltung beanspruchen, gilt der „Glaube“ als rein private Angelegenheit, die keinen öffentlichen Geltungsanspruch erheben darf.
    Während „Wissen“ und „Wissenschaft“ rational begründbar und insofern auch nachprüfbar sind, ist der Glaube außerhalb jeder rationalen Überprüfbarkeit.
    Auch viele Christen haben sich dieser Überzeugung angeschlossen, denn die Trennung von Glauben und Erkennen ist für die Gläubigen zunächst einmal sehr bequem. Gilt diese Trennung, dann braucht sich der Christ den vielfältigen Fragen nach den Gründen seines Glaubens durch Nichtchristen oder durch die Wissenschaft nicht mehr zu stellen, weil der Glaube ohnehin außerhalb jeder rationalen Erkennbarkeit steht. Dann würde es genügen, den Nichtglaubenden einfach nur zu bezeugen, dass wir Christen eben an das Evangelium glauben, und den Menschen die Frohbotschaft verkündigen – eine Botschaft, die sich zwar in keiner Weise begründen oder argumentativ verteidigen lässt, die sich aber immer wieder durch das übernatürliche Wirken des Heiligen Geistes bei den Menschen durchsetzen wird.
    Doch so einfach geht es nicht! Der biblische Glaube an Jesus entsteht nicht einfach „ohne“ oder gar „gegen“ das menschliche Erkennen. Zwar sind Glauben und Erkennen zu unterscheiden, sie dürfen aber nie voneinander getrennt werden. Die heute gängige Ansiedlung des Glaubens „jenseits“ des Wissens und des Erkennens lässt sich weder auf die Bibel noch auf die Reformatoren zurückführen, sondern ist ein Ergebnis der neuzeitlichen, sich vom Christentum lösenden Philosophie, die in der sog. „Aufklärung“ des 17. und 18. Jahrhunderts ihren Ausgangspunkt hatte.
    2. Die Verbindung von Glauben und Erkennen in der Bibel
    Die Heilige Schrift kennt keine grundsätzliche Trennung von Glauben und Erkenntnis. Sie verbindet im Gegenteil beide Vorgänge so, dass der Glaube aus der Wahrnehmung – und damit aus der Erkenntnis – entsteht. Konkret bedeutet dies: Aus dem Sehen und Hören der Taten und Worte des sich bezeugenden Gottes entsteht der Glaube an diesen Gott. Bei den Augen- und Ohrenzeugen der Offenbarungsgeschichte geschieht dies durch das unmittelbare Erleben, bei den nicht unmittelbar Beteiligten der nachfolgenden Generationen auf mittelbare Weise durch das Hören und Lesen der biblischen Zeugnisse. Der aus der biblischen Offenbarung entstehende Glaube ist kein unbegründeter, „blinder“ Glaube, sondern beruht auf dem „Sehen“ (a) und „Hören“ (b) von Augen- und Ohrenzeugen und ist insofern bestens begründet!
    a) Das Sehen als Voraussetzung des Glaubens
    Schon wenn man sich in die Offenbarungsgeschichte des ATs vertieft, fällt auf, wie stark hier die Bedeutung des Sehens betont wird. Gott offenbart sich in Israel in der Regel nicht durch „mystische“ Erscheinungen, die einigen „Erleuchteten“ jenseits aller sinnlichen Erfahrung zuteil werden, sondern durch geschichtliche, manchmal sogar alltäglich anmutende Ereignisse, die vor den Augen der Beteiligten geschehen.
    Aus der Wahrnehmung des Offenbarungshandelns Gottes erwächst schon im AT immer wieder die ausdrückliche Aufforderung zum Sehen. Eine ähnlich starke Betonung des Sehens als Voraussetzung des Glaubens liegt im Neuen Testament vor. Lukas 1,2 betont, dass das Lukasevangelium auf diejenigen Zeugen zurückgeht, „die es von Anfang an selbst gesehen haben“. Angesichts der schlechterdings fundamentalen Bedeutung des Sehens für den Glauben im Neuen Testament kann die Aufforderung zum Glauben in den schlichten Appell gefasst werden: „Komm und sieh!“ (Joh 1,46)
    b) Das Hören als Voraussetzung des Glaubens
    Der hohen Bedeutung des Sehens entspricht in der Bibel der nicht minder hohe Rang, den das Hören für den Glauben besitzt. Die sichtbaren Geschichtstaten Gottes sind alle mit einem göttlichen Reden verbunden, das diesen Taten die rechte Deutung gibt. Die großen Gestalten des ATs zeichnen sich dadurch aus, dass sie in besonderem Masse Hörende waren. Geradezu klassisch kommt die Haltung des Hörens im Gebet des jungen Samuel zum Ausdruck: „Rede Herr, denn dein Knecht hört …“ (1 Sam 3,9).
    Das Reden Gottes und die Bedeutung des Hörens kommt im Neuen Testament zum Höhepunkt. Jesus Christus hat die überragende Bedeutung des Hörens gegenüber seinem Offenbarungswort immer wieder nachdrücklich betont (Mt 5,21ff; 7,24-27; Lk 10,38-42). Und Gott hat als Vater diesen Anspruch seines Sohnes vor den Ohren der Zeitgenossen auf eindrucksvolle Weise bekräftigt: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe; den sollt ihr hören!“ (Mt 17,5). Dies zeigt, in welch fundamentaler Weise der Glaube nach dem biblischen Verständnis auf dem Hören beruht, und zwar auf dem Hören des Wortes Gottes. Jesus Christus ist nach dem Zeugnis der Bibel Gottes gnädiges Wort an die Menschheit, und zwar nicht nur durch seine explizite Verkündigung und Lehre, sondern auch durch seine gesamte Wirksamkeit einschließlich seines Leidens, Sterbens und seiner Auferstehung.
    3. Christlicher Glaube als bestens begründeter Glaube
    Der christliche Glaube ist nicht „blind“ – und damit unbegründet und unbegründbar, sondern baut als „sehender“ und „hörender“ Glaube auf einem festen Fundament auf, nämlich auf dem, was Gott in seiner Offenbarung selbst gesagt und getan hat. Deswegen ist der christliche Glaube wohlbegründet und grundsätzlich auch Nichtglaubenden gegenüber begründbar. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes bestens begründet, weil er nicht nur auf fraglichen menschlichen Einsichten und Gedanken beruht, sondern auf dem sich selbst offenbarenden verlässlichen Reden und Handeln Gottes. Deshalb schafft Gottes Offenbarung im Menschen eine Gewissheit, die sich im Denken und im Leben gleichermaßen bewährt und sogar im Sterben durchträgt, auch wenn sie immer wieder durch Zweifel oder Anfechtung herausgefordert wird.
    3.1. Der Glaube ist in der sinnlichen Erfahrung der göttlichen Offenbarung begründet.
    Gottes Offenbarung wohnt eine Universalität inne, die grundsätzlich jeden Menschen zu erreichen vermag, d.h. Menschen aller Altersgruppen, psychischen Beschaffenheit und Volks- und Sprachzugehörigkeit. Dies hängt damit zusammen, dass sie uns Menschen nicht nur in einer bestimmten Hinsicht (intellektuell, emotional o.ä.) anspricht, sondern als sehende, hörende, denkende, fühlende, glaubende und handelnde Personen. Schon im AT vollzieht sich die Wahrnehmung der Liebe Gottes nicht nur durch das Sehen und Hören, sondern z.B. auch durch den Geschmacksinn: „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist, wohl dem, der auf ihn sein Vertrauen setzt“ (Ps 34,9). Diese Dimension der Gotteserfahrung ist uns als Christen insbesondere durch das Sakrament des Heiligen Abendmahles gegeben, durch das wir tatsächlich mit unserem Geschmacksinn die Erlöserliebe und Freundlichkeit Gottes „schmecken“ dürfen!
    3.2. Der Glaube richtet sich auf den unsichtbaren Gott, der alle Sinne überragt.
    Natürlich ist das „Sehen“ und „Hören“ in der Bibel nicht nur sinnlich zu verstehen. Es handelt sich in beiden Fällen um Vorgänge, die zwar durch die Sinne vermittelt sind, aber stets eines geistigen (d.h. die Vernunft einbeziehenden) Vernehmens und Verstehens bedürfen, um zum Ziel zu gelangen. Das sichtbare Handeln und hörbare Reden Gottes offenbart ja den Gott, der zwar aus seiner Verborgenheit, aber noch nicht aus seiner Unsichtbarkeit herausgetreten ist. Der durch das Reden und Handeln Gottes entstehende Glaube aber ist ein Akt des Vertrauens auf die (noch) unsichtbare Person des lebendigen Gottes. (Hebr. 11,1). Christlicher Glaube ist daher immer begründeter Glaube an den unsichtbaren Gott, der sich für den Menschen wahrnehmbar geoffenbart hat. Was zutiefst schon für das zwischenmenschliche Vertrauen wahr ist, gilt erst recht für das Vertrauen auf den unsichtbaren Gott, den zu sehen dem Menschen vor der Vollendung prinzipiell verwehrt ist.
    3.3. Der Glaube ist ein ganzheitlicher Vertrauensakt, der bloße Erkenntnis übersteigt.
    Der Glaube betrifft mich stets als ganze Person einschließlich meines Wollens, während die Erkenntnis im eigentlichen Sinn zunächst nur das Denken betrifft. Wir müssen also aus biblischen Gründen der eingangs geschilderten modernen Trennung von Glauben und Erkennen entschieden widersprechen. Als Christen können, dürfen und sollen wir wissen, warum wir glauben! Wir sollten gerade in der missionarischen Situation der Gegenwart fähig sein, unseren Glauben gut zu begründen und gegenüber Einwänden zu verteidigen (1.Petr. 3,15). Je mehr wir uns als Christen oder Theologen mit den Grundlagen unseres Glaubens befassen, umso mehr können wir die staunende Entdeckung machen, wie unermesslich viele hervorragende Gründe es im Hinblick auf unsere Vernunft und unser Leben gibt, dem Gott das Vertrauen zu schenken, der sich uns in Jesus Christus als liebender Vater, Sohn und Heiliger Geist geoffenbart hat!
    3.4. Der Glaube ist ein menschlich-persönlicher Akt und doch ein unverfügbares Geschenk des Heiligen Geistes.
    Dass der Glaube im Neuen Testament ein menschlich-persönlicher Akt ist des Vertrauenfassens zur Person Jesu und zum dreieinigen Gott ist, ist offensichtlich. Schon die neutestamentlichen Aufforderungen zum Glauben zeigen (vgl. z.B. Mk 1,15; Joh 9,35ff. Apg 8,37; Röm 10,9), dass der Mensch in seiner Personmitte, d.h. in seinem Denken und Wollen, angesprochen ist. Und doch macht das NT ebenso unmissverständlich klar, dass der Glaube ein Geschenk des Heiligen Geistes ist (Lk 17,5; Röm 10,17; Eph 1,21; Kol 2,12). Dass beide Aussagen kein Widerspruch sind, sondern sich sogar ergänzen, hat der Apostel Paulus deutlich gemacht: „Denn Gott ist es, der in euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen“ (Phil 2,13). Gottes Wirken schaltet unser menschliches Wirken nicht aus, sondern ermöglicht, entfaltet und vollendet es! Zusammenfassend können wir also sagen, dass der christliche Glaube ein durch das Erkennen bestens begründeter und zugleich durch den Heiligen Geist geschenkter Vertrauensakt des Menschen auf den Gott ist, der sich in der Bibel und der von ihr bezeugten Geschichte geoffenbart hat. Doch mit dieser Feststellung haben wir die biblische Zuordnung von Glauben und Erkennen noch nicht zureichend bestimmt. Die Bibel zeigt nämlich darüber hinaus, dass der christliche Glaube seinerseits auch zur Quelle und Grundlage für das Erkennen wird, indem er das Erkenntnisvermögen des Glaubenden befreit, erweitert und auf eine neue Grundlage stellt. Es ist erkennbar, dass sich das Verhältnis von Glauben und Erkennen nicht in einer einzigen Aussage formulieren lässt, ohne den Sachverhalt unzulässig zu vereinfachen. Adolf Schlatter (Das christliche Dogma, Stuttgart 1981, 112) hat die Komplexität dieses Verhältnisses in seiner Dogmatik einfach und doch treffend in dem Satz zusammengefasst:
    „Wir haben zu erkennen, um zu glauben, und zu glauben, um zu erkennen.“
    Ausgabe Februar / März 2014 – Dr. Werner Neuer, St.Chrischona Gekürzter Aufsatz aus „Diakrisis 2011“
    http://www.lkg.de/verbandszeitschrift-blickpunkt-lkg/blickpunkt-artikel-archiv/artikel-archiv-detail/artikel/Sind-Glauben-und-Erkennen-Gegensaetze-oder-gehoeren-sie-zusammen.html