Glaube und Gehirn

Dass religiöse Menschen sich seit einigen Jahren aus einer ganz bestimmten weltanschaulichen Ecke pausenlos anhören müssen, sie seien dumm, irrational, ja: wahnsinnig (kurz: “Religioten”) und gehörten eigentlich in die Geschlossene (so wie in der guten alten Sowjetunion), ist das eine. Nun das andere: Die Zeitschrift Focus summiert die Erträge einer Studie der Case Western Reserve University (Cleveland, Ohio) wie folgt: “Wer an Gott glaubt, verwendet mehr Hirnzellen für Mitgefühl als für analytisches Denken. Das Gehirn von Atheisten arbeitet genau andersherum. Dadurch sind sie intelligenter, aber auch kaltherziger. Diese Eigenschaften definieren auch Psychopathen.”
Das können diejenigen, die sich angesprochen fühlen, natürlich nicht auf sich sitzen lassen und beschweren sich beim Presserat über den Focus, denn: “Die dramaturgische Gegenüberstellung des Atheisten mit ‘Psychopathen’ ist provozierend geeignet, die Weltanschauung einer bestimmten Personengruppe zu schmähen” (Humanistischer Pressedienst). Hier wäre nun zu fragen, wer diese “Gegenüberstellung” auf welcher Grundlage und mit welchen Motiven vornimmt: Bereits die Autoren der Studie (aufgrund der Ergebnisse) oder erst die Journalisten beim Focus (um Atheisten zu schmähen)? Geben diese die Quelle richtig wieder, rekonstruieren sie das Studienresultat korrekt? Das müsste man jetzt prüfen, so als Presserat.
Ich darf mir das sparen, denn erstens ist jetzt Wochenende und zweitens denke ich, ein solches Urteil kann in der allgemeinen Diktion nur falsch sein. Es kommt immer auf den Einzelnen an. “Wer an Gott glaubt” ist ebenso wenig eine sinnvolle wissenschaftliche Kategorie wie “das Gehirn von Atheisten”. Beides gibt es nicht im suggerierten Singular. Jeder kennt wohl Beispiele kaltherziger Katholiken, egoistischer Evangelikaler und scharfsinniger Juden, kennt Moslems ohne Mitleid, Atheisten mit Anstand und hochempathische Heiden. Und wenn nicht, wird es Zeit, sie kennenzulernen. Oder auch nicht. Und der Unglaube allein sorgt nicht notwendig für überragende Intelligenz. Umgekehrt auch nicht.
So wenig ich von Pauschalurteilen in die eine oder die andere Richtung halte und so sehr ich eine differenzierte Analyse von Studienergebnissen (einschließlich einer standesgemäßen methodologischen Kritik) schätze, so wichtig finde ich es, einmal festzuhalten, wie dünnhäutig bestimmte Menschen reagieren, wenn unvorteilhafte Zuschreibungen, deren Vornahme zur Diffamierung des weltanschaulichen Gegners sie üblicherweise applaudieren, sich plötzlich einmal gegen sie selbst richten. Wer sich erst dann empört, wenn er selbst von unsachlichen Zuspitzungen betroffen ist, darf sich nicht wundern, damit ganz unfreiwillig als sprechender Beleg für die Ohio-Focus-These zu gelten. Denn wer sich erst dann schlecht fühlt, wenn er selbst Opfer einer wilden Pathologisierung wurde, kann nicht gleichzeitig beanspruchen, über ein hohes Maß an Mit-Gefühl zu verfügen.
Die Frage, wer hier eigentlich das pathologisch relevante Hirn aufweist, sollte jedenfalls nicht allzu voreilig beantwortet werden. Vielleicht sollte man sich mit einer Antwort insgesamt und allgemein zurückhalten. Das ist die Lehre – für alle. Für die netten Gotteswahnsinnigen und die eiskalten Intelligenzbestien. Auch kein schlechtes Ergebnis einer US-amerikanischen Studie und ihrer deutschen Rezeption.  (Josef Bordat) https://jobo72.wordpress.com/2016/04/01/glaube-und-gehirn