Gedanken zum Kreuzesgeschehen

Der Beitrag ist eine Antwort auf folgenden Artikel:
Karfreitag: Warum hing der Sohn Gottes am Kreuz?
http://www.aufnkaffee.net/2016/03/karfreitag-warum-hing-der-sohn-gottes-am-kreuz/
Dass die ersten Christen dafür bekannt waren, den Bedürftigen und Fremden Gutes zu tun, jedem mit Liebe zu begegnen und ihren Feinden bedingungslos zu vergeben, ist kein glückliches Nebenprodukt des Evangeliums.
1. Ein Denkfehler liegt bereits darin, dass angedeutet wird, dass „verschiedene Deutungen“ des Kreuzestodes im NT vorlägen. Dies ist aber irreführend. Vielmehr sind es unterschiedliche soteriologische und christologische Aspekte, die gleichzeitig das „eine“ Kreuzesereignis Christi beschreiben, wie Gott es wollte, dass es zu verstehen sei. Hier ist von Komplementarität zu reden, nicht von (möglicherweise unterstellten) Alternativen.
2. Die christologische Deutung des Kontextes von Jes. 53,5 erläutert, dass die Strafe (Gottes) auf „ihm“ (dem Gottesknecht – Jesus-Deutung vom NT her) liege, auf dass wir Frieden (mit Gott) hätten. Was „Strafe“ im Gottesknechtslied ist, ist gewiss von Anselms Lösungsansatz her unterschieden zu deuten. Doch den „Strafe-Gedanken“ des Kreuzestodes Jesu ausblenden zu wollen, ist soteriologisch fragwürdig. Das lässt sich sühne- und opfer-theologisch vom AT her näher bestimmen, erweitert durch Offenbarungen Gottes dazu im NT.
3. Die „Sühne“ lediglich als Illustration damaliger jüdischer Opfervorstellungen des kultischen Opferbetriebs zu sehen, ist ungenügend und – wie es im Text klingt – abwertend. Der AT-Opfergedanke (Stellvertretung, Sühne, Sündenvergebung, Blut etc.) in seinen Facetten ist zentral notwendig, das Kreuzesgeschehen im NT zu begreifen (Joh. 3,14-18.36 – erhöhte Schlange; Hebräerbrief, z.B. Kap. 9 usw.).
4. Christus trägt die „Sünde“ der Welt ans Kreuz, erleidet den Fluch (des mosaischen Gesetzes) und die Gottverlassenheit des am Holz Gekreuzigten stellvertretend für Sünder (Röm. 5 usw.).
5. Den Akzent darauf zu legen, dass es beim Kreuzesgeschehen um das Plädoyer für Gewaltlosigkeit oder um eine Zeichenhandlung der Feindesliebe als Vorbild „für uns“ gehe, ist neu-theologisch ausgedacht worden, aber kaum biblisch-theologisch plausibel. Das ist „Möchte-Gern-Theologie“, nicht besser als Anselm verdrehte Satisfaktionstheorie.
6. Die Liebe Gottes gibt den Sohn am Kreuz hin, dass jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht, sondern ewiges Leben hat (Joh. 3,14-16). Das Kreuz Christi demonstriert die Liebe Gottes zur verlorenen Welt (kosmos). Wer der Liebesdemonstration Gottes in Jesus glaubt, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht (Joh. 5,24). Wer nicht an den Sohn glaubt, BLEIBT unter dem Zorn Gottes (und kommt ins Gericht Gottes). Ob paulinisch oder johanneisch oder lukanisch etc., wie auch immer, das soteriologische Ergebnis der Kreuzigung Jesu ist insgesamt das Gleiche, jeweils unterschiedlich akzentuiert.
7. Anselms Satisfaktionslehre muss man in wesentlichen Gesichtspunkten kritisieren. Luther, Calvin und andere seit dem haben es sinnvoll getan und Alternativdeutungen des biblischen Befundes vorgestellt. Doch die hier im Artikel vorgetragene Lösung überzeugt in den wesentlichen theologisch substantiellen Behauptungen nicht. Die theologiegeschichtlich relevanten Grundlagen dieser hier vertretenen Gedanken erwachsen teilweise aus den liberal-theologischen Theologien des 19. und 20. Jahrhunderts heraus. Sie tragen aber nicht wirklich durch, den „Karfreitag“ zu verstehen. Damit kann man weder richtig leben, noch richtig sterben (Heidelberger Katechismus, Fr. 1). Und ob theologisch etwas „heutzutage intuitiv einleuchtet oder nicht“, das spielt letztlich entscheidend keine Rolle in der christlichen Lehrbildung. Solche Überlegungen gehören vielleicht in den Bereich der Vermittlung des Evangeliums (praktische Theologie, Predigtlehre, Seelsorge), sie sind jedoch dogmatisch geurteilt kein Kriterium zur Urteilsbildung, was denn nun der Kreuzestod Jesu bedeutet und was nicht (vgl. z.B. Reinhard Slenczka, Kirchliche Entscheidung in theologischer Verantwortung, Göttingen 1991)
Gottfried Sommer