Religiöser Stumpfsinnigkeit entfliehen

In ein oder zwei Generationen wird das, was jetzt noch Evangelikalismus ist, zu Liberalismus werden.
Die Gemeinde Christi lechzt heutzutage nach Menschen, die zur Lösung geistlicher Probleme ihren durchläuterten, engagierten Verstand gebrauchen. Unglücklicherweise hat der Fundamentalismus niemals einen großen Denker hervorgebracht. Wenn man das Werk der religiösen Presse seit der Jahrhundertwende überprüft, wird man nicht ein einziges Buch von einem Fundamentalisten finden, das den Beweis unabhängigen Denkens erbringt. Und was jene christlichen Gelehrten anbetrifft, die, obwohl orthodox, keinen besonderen Wert darauf legen, mit den Fundamentalisten in einen Topf geworfen zu werden, so haben sie es nicht viel besser gemacht.
Ich bin immer ein Evangelikaler gewesen und bin auch jetzt einer. Ich akzeptiere die Bibel als das wahre Wort Gottes und glaube felsenfest, dass sie alles zum Leben und zur Gottseligkeit Notwendige enthält. Ich stehe auf den Grundsätzen des historischen christlichen Glaubens und bin mir keiner geistlichen Sympathie mit dem Liberalismus in irgendeiner Form bewusst.
Doch ist es meine bittere Pflicht, festzustellen, dass ich nicht nur völlig kalt gelassen wurde von der intellektuellen Arbeitsleistung der Evangelikalen, sondern dass ich auch noch Beweise dafür gefunden habe, dass echtes religiöses Denken fast ausschließlich auf der Seite derjenigen geschieht, die sich aus dem einen oder anderen Grunde gegen den Fundamentalismus auflehnen. Wir, in den Evangeliumsgemeinden, haben still dabeigesessen und denen auf der anderen Seite das Denken überlassen. Wir haben uns damit zufrieden gegeben, die Worte anderer Männer nachzuplappern und religiöse Klischees ad nauseam [bis zur Seekrankheit] zu repetieren. Obwohl meine geistlichen Sympathien ganz auf der Seite des orthodoxen christlichen Glaubens stehen, muss ich dennoch bemerken, dass der Evangelikalismus, wie er im letzten halben Jahrhundert verfochten und gelehrt worden ist, die Tendenz hat, kritischgeistige Fähigkeiten zu paralysieren und konkretes Denken zu verhindern. Moderne Evangeliumschristen sind Papageien, keine Adler, und anstatt auf und ab zu segeln, um die grenzenlose Weite des Himmelreichs Gottes zu erforschen, sind sie damit zufrieden, auf ihren vertrauten Ästen zu sitzen und mit Fistelstimmen religiöse Worte und Phrasen nachzuplappem, deren Bedeutung sie kaum verstehen. In ein oder zwei Generationen wird das, was jetzt noch Evangelikalismus ist, zu Liberalismus geworden sein. Kein lebendiges Wesen kann lange von seiner Erinnerung existieren.
Die Christen dieser Generation müssen selbst hören und sehen, wenn sie der religiösen Stumpfsinnigkeit entfliehen wollen. Abgenutzte Schlagworte können sie nicht retten. Wichtige Gedanken werden in Worten ausgedrückt, doch ist es eine der Tragödien im Leben, dass Worte selbst dann noch widerhallen, wenn ihre Bedeutung schon lange verblasst ist. Das führt zudem Ergebnis, dass gedankenlose Männer und Frauen glauben, die Realität gepachtet zu haben, nur weil sie sich der Worte noch bedienen. Genau an diesem Punkt befinden wir uns heute. A. W. Tozer(1897-1963) Gott liebt keine Kompromisse.
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