Endlose Unsicherheit

Bei weltlichen Christen ist häufig eine Verherrlichung des Zweifels zu finden. Frei nach Descartes: „Ich zweifle, also bin ich.“ Es gehört fest zum eigenen Selbstverständnis alles in Frage zu stellen. Verschiedene Positionen zu einem Sachverhalt einander gegenüberzustellen, nur um dann die Relativität von beiden zu behaupten. Der grundsätzliche Zweifel ist das erstrebte Lebensgefühl, obwohl er natürlich gleichzeitig beklagt wird. In keinem Fall will man irgendetwas einfach akzeptieren oder von anderen übernehmen. Als authentisch gilt der, der zu allem noch ein „aber“ formuliert und dann auf sein Bauchgefühl hört. Ganz allgemein wird der eigene Bauch, die Emotion, das irgendwo tief in einem liegende Ahnen als einzig verlässliche Instanz gelten gelassen. Man ist gefangen in einer endlosen Schleife des Zweifels und einer bitter-süßen Unsicherheit.
Natürlich wird auch jeder Aspekt des Glaubens und Gemeindelebens diesem grundsätzlichen Zweifel unterzogen. Und wer genügend sucht wird natürlich immer plausible Gründe zum Zweifeln finden. Nichts was Eltern oder Pastoren sagen oder tun hat da mehr Bestand. Der schon zu Beginn des Nachdenkens unterschwellig feststehende Schluss heißt: „Man kann es auch anders sehen.“
Warum sollte ich eine Gottesdienst besuchen, man könnte auch zuhause bleiben? Warum sollten Menschen verloren gehen, ich wünsche mir, dass alle gerettet werden? Warum sollte man Homosexualität kritisieren, ich finde Schwule auch ganz sympathisch? Warum sollte ich der Bibel vertrauen, wo es doch so viele andere Religionen und Philosophien gibt? – Klar, zweifeln ist einfach, und irgendwie hat man immer auch etwas Recht. Allerdings kommt man auch nie wirklich weiter, sondern bleibt ewig im hier und jetzt, im Zweifel und in der Gemeinschaft der miteinander Zweifelnden gefangen.
Die Pluralität der Welt wird benutzt, um alles zu relativieren und nichts mehr wirklich an mich herankommen zu lassen. Tragischer weise bleibt man dann aber glücklich, gelegentlich auch weniger glücklich sondern irritiert, bei dieser Feststellung stehen und weigert sich, etwas Neues aufzubauen, sich irgendwie festzulegen, für etwas einzusetzen, außer für die Relativität und den spontanen Genuss der weitgehend entleerte Gemeinschaft, die man sich aber als „echt“ verkauft, nur weil jeder fleißig mitzweifelt, natürlich ohne je an ein Ende zu kommen. Gefeiert wird die grenzenlose Subjektivität als ultimativer Ausdruck von Authentizität und Echtheit.
Manchmal wird auch das eigene Denken, Fühlen, Ahnen kritisch in Frage gestellt – wenn auch viel zu selten. Sowohl die eigene Erfahrung, als auch die anderer Menschen, logische Schlussfolgerungen und Aussagen von Jesus Christus machen ziemlich schnell deutlich, dass die als „echt“ und „authentisch“ gepriesenen, eigenen Erfahrungen, Gefühle, Ahnungen usw. genau das nicht sind, „wahr“ oder „richtig“.
„Wahr“ soll alles ein, was man gerade in diesem Moment fühlt bzw. denkt, mehr aber auch nicht. Ob das irgendetwas mit der in- und außerhalb von mir existierenden Realität zu tun hat, ist aber ziemlich fraglich. Jeder wird endlos von seiner Vergangenheit, seiner Persönlichkeit, seinen Erfahrungen, unterschwelligen Hoffnung, dem gerade herrschenden Zeitgeist und tausend anderen Faktoren bestimmt, ohne dass es ihm / ihr wirklich bewusst wird. „Echt“ oder „objektiv“ ist das natürlich nicht. Nur weil ich etwas denke oder fühle muss das eben noch lange nicht „wirklich“ so sein. Vielleicht sind gerade die von außen kommenden Beobachtungen und Feststellungen oftmals viel echter und vor allem weiterführender. Jesus zumindest behauptet, dass echte Wahrheit zumeist von außen kommt: „Alles ist mir von meinem Vater übergeben worden, und niemand erkennt den Sohn als nur der Vater; und niemand erkennt den Vater als nur der Sohn und der, welchem der Sohn es offenbaren will.“ (Mt 11,27) Auch eigene, bezweifelbare Erfahrung kann das immer wieder bestätigen. Gott ist rationalen Erwägungen und Bauchgefühlen nur sehr eingeschränkt zugänglich.
Momentan brauchen Christen und Gemeinden nach meiner Beobachtung keine weitere Runde des grundsätzlichen Zweifels, sondern Mut, nach Zielen zu suchen, Argumente zu vergleichen und zu prüfen ohne dann dabei stehenzubleiben, dass man sie auch bezweifeln kann. Stattdessen gilt es, Wahrscheinlichkeiten abzuwägen, Entscheidungen zu treffen und Verantwortung zu übernehmen für das eigene Denken und Handeln, sowie für die Welt in der wir leben. Wer immer nur zweifelt hat natürlich zum Teil Recht. Er hat einmal grundsätzlich festgestellt, dass nichts, auch die eigene gemeindliche Theologie und Tradition, absolut sicher und unbezweifelbar ist. Auf Dauer ist es aber wenig befriedigend, allein bei dieser Feststellung stehen zu bleiben. Mit der Zeit greift dann die Unzufriedenheit und Unsicherheit wie ein Krebs um sich; vor allem, wenn man wirklich ernsthaft dabei ist und der Zweifel nicht nur eine billige Ausflucht für Bequemlichkeit und Faulheit ist.
Bei allem Zweifeln und rhetorisch geschliffenen „in Frage stellen“ bleiben viele einfach im platten jetzt sitzen. Es gibt kaum noch wirkliche Überzeugungen und nur noch selten eine echte Zukunft, weil man sich weigert, etwas ernsthaft anzustreben, weil nichts unzweifelbar sicher ist. Also bleibt man in einer scheinbaren Gewissheit des Augenblicks, des Gefühls nicht alleine zu zweifeln, beim ewigen Reden und Chillen, beim Surfen und Grillen. Das hält man für außerordentlich echt und authentisch. Weil man ja nichts mehr behaupten muss, außer die Qualität des Grillfleisches oder die Notwendigkeit vegan zu essen. Aber auch das hört man sich nur an und verortet es dann bei einer weiteren Runde von Relativität und Beliebigkeit.
Leute, glaubt nicht jedem alles! Aber bleibt auch nicht beim Zweifel stehen! Meint nicht, euer Bauchgefühl, Ahnen und Wünschen sei irgendwie sicherer oder zuverlässiger als die von außen kommenden Aussagen und Beobachtungen. Hört euch viel an und entscheidet euch dann aufgrund von höherer Glaubwürdigkeit und Wahrscheinlichkeit. Wer dauerhaft nur im Zweifel und der Unsicherheit schwebt, wird irgendwann zutiefst frustriert. Oder er / sie wird zum Spielball totalitärer Mächte, die das Vakuum fehlender Überzeugungen benutzen, um ihre total egoistische Sicht der Dinge durchzusetzen, wenn nötig mit Gewalt.
Michael Kotsch 6. August 2015 https://www.facebook.com/michael.kotsch.9/posts/642493362557112 •