Das Leben des Pilatus

Über die Zeit vor seinem Wirken, seine Herkunft, Familie etc., ist nicht viel bekannt. Man kennt nicht einmal seinen Vornamen. Das „Pontius“ in seinem Namen ist ein sogenannter „nomen gentile“, also ein Geschlechtsname. Dieser nomen gentile weist darauf hin, dass Pilatus aus dem samnitischen Geschlecht stammt. Der Beiname „Pilatus“ wird verschieden interpretiert. Die Spanne reicht von „der Haarige“, über „Hut der Freiheit“ bis „der Speerträger“. Eine weitere Sache, die wir über Pilatus wissen, ist, dass er dem Ritterstand angehörte. Es war üblich, dass der Prokurator von Judäa aus dem Ritterstand kam, so wie wahrscheinlich auch alle anderen Prokuratoren. Darüber hinaus wissen wir noch, dass er verheiratet war (Mt 27,19). Bei einigen apokryphen Schriften und Kirchenvätern werden verschiedene Namen gehandelt, die alle nicht gesichert sind.

Die Zeit in Judäa

Er war der fünfte Statthalter der Provinz Judäa. Er trat die Nachfolge des Valerus Gratus an. Sowohl Pilatus als auch Gratus waren Schützlinge des mächtigen Sejan. Dieser vertrat eine Politik der Strenge gegen die Juden, was sich auch auf die Art der Herrschaft der beiden Prokuratoren auswirkte. Pilatus wurden zuweilen sogar antisemitische Züge angekreidet. Datiert wird seine Regierungszeit auf 27 – 37 n. Chr.20. Durch sein Handeln zog er sich immer wieder den Zorn der Juden auf sich, sei es nun, um zu provozieren, oder teilweise aus Unwissenheit. Er galt als bestechlich und gewalttätig. Hier eine Darstellung der gröbsten Skandale während der Amtszeit des Pilatus.

Feldzeichen in Jerusalem

Kurz nach seinem Amtsantritt sandte er über Nacht Soldaten nach Jerusalem. Die Soldaten hatten ihre Feldzeichen dabei, die das Abbild des Kaisers trugen. Das aber war bei den Juden verpönt, und Augustus hatte es zu seiner Zeit aus Rücksicht auf die Empfindungen der Juden ganz verboten gehabt. Diese Aktion verursachte einen Volksauflauf in Cäsarea, der erst nach fünf (oder sieben) Tagen abebte, als Pilatus nachgab und die Feldzeichen entfernte.

Wasserleitung mit Tempelgeldern erbaut

Der nächste Skandal war der Bau einer Wasserleitung in Jerusalem. Um das zu Finanzieren bediente er sich am Tempelschatz. Zu dieser Zeit war das wohl normale römische Praxis gewesen, traf bei den Juden aber auf erbitterten Widerstand. Diesmal aber blieb Pilatus standhaft und zerstreute eine sich bildende Volksmenge.

Die Weiheschilde im Palast des Herodes

Ein weiterer Skandal waren die goldenen Weiheschilde, die eine Inschrift zu Ehren des Kaisers trugen, und die er hat im Palast des Herodes aufstellen lassen. Das hat den Juden nicht gepasst und so beschwerten sie sich, vertreten durch vier Söhne des Herodes, direkt beim Kaiser Tiberius. Dieser schlichtete den Streit, indem er anordnete, die Schilde sollten in den Augustustempel in Cäsarea gebracht werden.

Das Passah-Massaker nach Lukas 13,1

Im Neuen Testament wird von einem Massaker berichtet, dass Pilatus angeordnet haben soll. Er ließ wohl Festpilger während des Opfers niederschlagen.

Das Massaker auf dem Garizim

Dieser Skandal bedeutete das politische Ende des Pilatus. Er ließ eine Menge von Samaritern niedermetzeln, die sich auf den Garizim stiegen, weil sie dort hofften, goldenen Gefäße des Mose zu finden. Das führte dazu, dass der „Landtag“ von Samaria beim Legaten von Syrien, Vitellius, eine Beschwerde gegen Pilatus einreichte. Dieser setzte ihn daraufhin ab und schickte ihn nach Rom, wo er sich verantworten sollte. Neben all diesen Skandalen spielten sich noch ein weiteres, wichtiges Ereignis während der Regierungszeit des Pilatus in Judäa ab, die Kreuzigung Jesu. In diesem Zusammenhang wird Pilatus im Neuen Testament auch am häufigsten erwähnt. 47 von 49 Bibelstellen, in den Evangelien, in denen Pilatus erwähnt wird, stehen in Verbindung mit Jesu Kreuzigung. Sein unsicheres Verhalten als Richter bei diesem Ereignis wird verschieden erklärt. Zum einen ist seine Weigerung, den Juden gleich nachzugeben, ein Ausdruck seines Antisemitismus, zum anderen ist der Grund, wieso er bestrebt war, die Juden nicht ganz vor den Kopf zu stoßen, und wieso er am Ende gegen seinen eigenen Willen doch nachgab, darin zu sehen, dass er es sich bei den Juden nicht ganz verscherzen durfte. Nach dem Sturz Sejans verlor er seinen Rückhalt in Rom, so dass er vorsichtiger agieren musste. Nach den oben erwähnten Skandalen hatte er sowieso keinen guten Stand bei den Juden. So war sein Einlenken im Prozess gegen Jesus wohl auch ein politischer Schachzug gewesen.

Nach der Zeit in Judäa

Pilatus wurde nach dem Massaker auf dem Garizim seines Amtes enthoben und nach Rom geschickt, um sich zu verantworten. Das spielte sich ungefähr in den Jahren 36/37 ab. Verschiedene Historiker gehen davon aus, dass er nach dem Tod des Tiberius in Rom eintraf und sein Verfahren deshalb ausgesetzt wurde. Nach Meinung der meisten Autoren beging Pilatus unter Caligula, ca. im Jahr 39 n. Chr., Selbstmord. Angeblich starb er in Vienne in Südfrankreich, wohin er verbannt worden war. Pilatus ist eine interessante Person. Er ist in der fast ganzen Welt bekannt, fest verwurzelt mit dem Tod Jesu, und doch wissen wir nicht viel über ihn. Am Besten ist uns noch seine Wirkungszeit in Judäa überliefert, und das auch nur von zwei selbst betroffenen Autoren. Es ist sicher: Pilatus war kein Freund der Juden. Er handelt mehrmals grob fahrlässig, wenn nicht sogar bewusst provozierend. Er scherte sich nicht viel um das religiöse Empfinden der Juden. Das er nicht schon früher abgesetzt wurde verdankt er wahrscheinlich nur seinem Unterstützer Sejan. Pilatus ist aber auch eine traurige Persönlichkeit. Er stand vor dem „Gott Menschen“ Jesus, um über ihn zu urteilen. Er war so nah am ewigen Leben und ließ sich doch von politischen Bedenken leiten und verurteilte Jesus zum Tode, gegen besseres Wissen, nicht ahnend, dass seine scheinbare „Fehlentscheidung“ den Menschen das Heil schenkte. Nach seinem großen Sturz in die Bedeutungslosigkeit starb Pilatus den Freitod. Wären da nicht zwei Juden und die Nachfolger dieses Jesus, so wüsste man heute praktisch gar nichts über Pilatus.

 

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