Wesen und Wirklichkeit der Sünde

Die Sünde ist überall verbreitet. Das zu wissen, bedarf es keiner himmlischen Offenbarung. Es ist eine Tatsache, der wir täglich gegenüberstehen. Wir brauchen nur die Zeitung zu lesen oder uns mit der Geschichte zu befassen. Sünde begegnet uns bei anderen wie bei uns selbst. Ein Großteil unserer Gesetzgebung geht darauf zurück, dass man den Menschen nicht zutrauen kann, ihre Angelegenheiten ehrlich selbst zu regeln, ohne zu versuchen, andere zu übervorteilen.
Viele Einrichtungen der sogenannten zivilisierten Welt tragen allein dieser Tatsache Rechnung. Ein Versprechen genügt nicht -wir brauchen einen Vertrag. Türen genügen nicht – wir brauchen Schlösser und Riegel. Ein festgesetzter Fahrpreis genügt nicht -wir brauchen Fahrscheine und Kontrollen. Verfassung und Gesetze genügen nicht – wir brauchen Gerichte und Polizei, um sie durchzusetzen. All das und noch vieles andere, woran wir längst so gewöhnt sind, dass es uns selbstverständlich vorkommt, ist Folge der Sünde. Wir können einander nicht trauen. Wir müssen uns voreinander schützen. Das ist eine bedauerliche Tatsache. Aber was ist Sünde eigentlich?
Die einen beschreiben sie als einen Mangel oder einen Fehler tritt. Andere sprechen von einer inneren Fehlhaltung, einer Neigung zum Bösen. Wieder andere Bezeichnungen sind direkt dem juristischen Bereich entnommen: Übertretung, Ungerechtigkeit, Gesetzlosigkeit, Unrecht. Alle diese Wörter gehen von einem Maßstab aus, der nicht erreicht, oder einer Grenze, die überschritten wurde. »Wer also das Gute tun kann und es nicht tut,. der sündigt« (Jak. 4,17). »Wer Sünde tut, der tut auch Unrecht, und die Sünde ist das Unrecht« (1. Joh. 3,4). Der Satz bei Jakobus sieht Sünde als Mangel, der bei Johannes als Tat.
Die Bibel berücksichtigt, dass die Menschen verschiedene Maßstäbe haben. Die Juden haben das mosaische Gesetz (die fünf Bücher Mose). Die übrigen Völker haben das Gesetz ihres Gewissens. Aber alle Menschen sind, gemessen an ihren eigenen Maßstäben, unzulänglich. Jeder hat sein Gesetz gebrochen. Das gilt auch von uns. Unsere Norm mag das Gesetz des Mose oder die Ethik Jesu sein. Oder die Moral unserer Schulen und unserer Gesellschaft, oder was wir sonst unter Anständigkeit verstehen. Es mag der achtfältige Pfad des Buddhisten sein oder die fünf Säulen des Lebenswandels im Islam. Was immer unsere Maßstäbe sein mögen, immer werden wir hinter ihnen zurückbleiben.
Wir haben alle, wenn wir ehrlich sind, etwas an uns auszusetzen. Manche gutmeinenden Leute haben sich mit einem »mehr oder weniger« abgefunden. Sie halten nicht viel von Gewissenserforschung und sind nicht sehr kritisch gegen sich selbst. Sie kennen ihre Schwächen und wissen, dass sie gelegentlich danebengreifen oder aus der Rolle fallen. Aber das alarmiert sie nicht. Sie trösten sich damit, dass sie letzten Endes nicht schlechter und nicht besser sind als alle anderen Menschen. Das ist nur zu verständlich. Aber dieses Denken hat selbst seine Schwächen und seine Grenze.
Erstens hängt das Bewusstsein des Versagens von der Höhe des angelegten Maßstabs ab. Man kann sich schon für einen guten Springer halten, wenn man die Latte nicht mehr als einen Meter hoch legt.
Zweitens fragt Gott tiefer als wir Menschen. Ihm geht es um die Gedanken und Motive unseres Verhaltens. Jesus hat diesen Gesichtspunkt in der Bergpredigt ganz klar herausgestellt, und wir tun gut, das zu beachten. Grundkurs christlicher Glaube – John R. W. Stott Seite S58-60
Zum Thema http://bibelkreis-muenchen.de/?p=1786