Camus im Widerspruch

Der französische Philosoph Albert Camus dachte die Vorstellung, dass es keine absoluten Werte gebe, zu Ende. Trotzdem blieben seine Thesen in sich widersprüchlich. Auch Camus konnte nicht ohne Werte Leben. Camus hat eine -absurde Philosophie geschaffen in der er ganz auf eint absolute Ethik und auf absolute Werte verzichten will. Er ist sich dabei durchaus im klaren, was eine relative Ethik mit sich bringt: «Wenn man an nichts glaubt, wenn nichts Sinn hat und wenn wir keinen Wert bejahen können, ist alles möglich und nichts von Wichtigkeit. Es gibt dann kein Für und kein Gegen, der Mörder hat weder unrecht noch recht. Man kann die Verbrennungsöfen schüren, so wie man sich der Pflege Leprakranker weiht. Bosheit und Tugend sind zufällig oder Launen.»

Schon mancher Christ hat den schleichenden Wechsel im Gespräch mit Freunden und Bekannten erlebt. Wenn er früher begründen wollte, welche Werte ihm als Christ sowohl im persönlichen Leben wie auch in Kirche und Gesellschaft besonders wichtig sind, konzentrierte sich die Diskussion meist auf einzelne Werte und Themen. Zunehmend sind diese uninteressant geworden. Denn heute steht mehr und mehr zur Debatte, ob man überhaupt seine eigenen Wertvorstellungen auf andere übertragen darf, ja ob es überhaupt gemeinsame Wertvorstellungen geben kann. Bevor man beim konkreten Wert gelandet ist, wird bereits in Frage gestellt, ob es solche Werte überhaupt geben kann und darf. Nun ist es leicht gesagt, dass es keine absoluten Werte gibt. Eine ganz andere Frage ist es jedoch, ob man dieser Forderung gerecht wird. Man muss meist nicht lange suchen, bis man die Werte des Gesprächspartners herausgefunden hat. Hinter seiner Kritik an den christlichen Werten verstecken sich oft einfach andere Werte. Nur wenige Denker haben sich getraut, den Gedanken, dass es keine absoluten Werte gibt und alles relativ ist, wirklich zu Ende zu denken. Der bedeutendste ist sicher der französische Philosoph Albert Camus (1913- 1960), der eine ganze Studentengeneration geprägt hat, auch wenn kaum einer seiner Schüler am Ende so weit gehen wollte, wie Camus selbst. Kaum ein Mensch der Gegenwart ist bereit, die Konsequenzen eines völligen Verzichtes auf absolute Werte zu ziehen – zum Glück! Doch mit diesem scheinbar konsequenten Schluss Camus‘ ist die Geschichte noch nicht am Ende. Kann nämlich ein Mensch wirklich ohne Werte leben? Nein, auch Camus nicht! In seinen Tagebüchern schreibt er nämlich: «Wenn ich hier eine Moral- lehre schreiben müsste, würde das Buch hundert Seiten umfassen, und davon wären 99 leer. Auf die letzte Seite würde ich schreiben: ‘Ich kenne nur eine einzige Pflicht, das ist die Pflicht zu lieben.‘ Und zu allem übrigen sage ich nein.» «Schliesslich habe ich die Freiheit gewählt. Denn auch wenn die Gerechtigkeit nicht verwirklicht wird, bewahrt die Freiheit das Vermögen, gegen die Ungerechtigkeit zu protestieren, und rettet so die Gemeinschaft.» Camus‘ Thesen sind in sich widersprüchlich. Wenn gemäss des ersten Zitates keinerlei Sinn und keinerlei Wert existiert, kann schon die Aussage, dass alles wertgleich sei, nicht gemacht werden, da sie wertet, wenn auch im negativen Sinn. Offensichtlicher wird der Widerspruch im zweiten Zitat. Die «Pflicht zu lieben» ist doch ein grundlegendes, absolutes, ethisches Prinzip. Es wird durch die Behauptung im voranstehenden Satz, keine Morallehre zu sein, aber der Diskussion und der Hinterfragbarkeit entzogen. Gerade durch den Hinweis, keine Ethik verkündigen zu wollen, wird die Ethik Camus‘ zur absoluten, nicht hinterfragbaren Ethik, seine «Pflicht» zum Ausgangspunkt alles Denkens. Im übrigen ist der Gedanke, dass die Liebespflicht die höchste Norm sei, das Grundprinzip der christlichen Ethik. Der Atheist Camus kommt am Ende über seine christlichen Gegner nicht hinaus, was immer er auch im unter «Lieben» verstehen mag. Erst recht im dritten Zitat wird deutlich, dass Camus eine Ethik hat, sie aber durch seine Theorie vom absurden Leben nicht hinterfragbar macht. Wäre wirklich alles relativ, könnte Camus die vorliegenden Urteile nicht abgeben, noch nicht einmal das Urteil, dass alles relativ ist. Denn auch diese Aussage wäre dann relativ. Nun spricht Camus aber von Ungerechtigkeit, «Pflicht zur Liebe» und «Freiheit», also eindeutig ethischen Prinzipien, die er dem Leser als nicht ethisch unterschiebt.

Camus ist ein Beispiel dafür, dass gerade ein Mensch, der behauptet, ohne Ethik auszukommen, eine besonders absolute Ethik vertreten kann. Er ist auch ein Beispiel dafür, dass jeder Mensch eine Ethik vertritt, auch wenn er meint, sie abgeschafft zu haben.

Moral und Ethik gehören notwendigerweise zum Menschsein dazu. Andernfalls müsste unser Denken als nicht existent betrachtet werden, da unser ganzes Denken aus inneren Diskussionen, Abwägungen und Entscheidungen besteht. Schliesslich ist Camus ein Beispiel dafür, dass eine ethische Absurdität zwar gefordert, aber noch nicht einmal gedacht, geschweige denn gelebt werd kann. Augenscheinlich zeigen alle Werke des absurden Theaters, die Camus‘ Philosophie literarisch umsetzen, wie sehr das Dasein des Menschen doch ohne Sinn ist. Ein sinnloses Leben muss jedoch in den Augen der Vertreter dieser absurden Philosophie nicht automatisch wertlos und ohne Glück sein. Albert Camus schreibt in seinem Buch «Der Mythos von Sisyphos«, in dem er Sisyphos, der zur Strafe einen Felsblock bergauf schieben muss, der dann kurz vor dem Ziel jeweils wieder zu Tale rollt, als Vorbild für die Menschen hinstellt: «Ich verlasse Sisyphos am Fusse des Berges! Seine Last findet man immer wieder. Nur lehrt Sisyphos uns die grössere Treue, die die Götter leugnet und die Steine wälzt. Auch er findet, dass alles gut ist. Dieses Universum, das nun keinen Herrn mehr kennt, kommt ihm weder unfruchtbar noch wertlos vor. Jedes Gran dieses Steines, jeder Splitter dieses durchnächtigten Berges bedeutet allein für ihn eine ganze Welt. Der Kampf gegen Gipfel vermag ein Menschenherz auszufüllen. Wir müssen uns Sisyphos als einen glücklichen Menschen vorstellen.» Kurzum, Sisyphos lebt für Camus vom Hass auf die Götter!

Der Atheist erfährt den Sinn seines Lebens im Kampf gegen die Religion. Das jedoch ist selbst wiederum eine sinnstiftende Religion.

Das spiegelt die Situation unserer Gegenwart wieder Aus der Ablehnung der christlichen Ethik heraus entstehen immer neue ethische Entwürfe, die neue absolute Werte setzen oder verkappt christliche Werte aufgreifen, die aber vehement vorgeben, sie setzten gar keine absoluten Werte voraus. Doch wie die Mathematik nur existieren kann, indem sie den unbewiesenen und unbeweisbaren Satz «1 + 1 = 2» voraussetzt (die Mathematik spricht von einem «Axiom»), kann der Mensch immer nur mit Voraussetzungen denken.

Jedes Denken setzt ethische Urteile bereits voraus. Jeder Mensch ist deswegen in bestimmten Fragen Fundamentalist, da er sonst sein Denken selbst in Frage stellen müsste.

Jeder Mensch kann jedoch auch in vielen Fragen tolerant sein, wenn sie nämlich seine unantastbaren Fundamente nicht in Frage stellen. Jeder Mensch geht einerseits von unantastbaren Werten aus, ist andererseits in anderen Fragen mehr oder weniger grosszügig und tolerant, auch der Christ. Die Menschen unterscheiden sich nur darin, was sie als absolut voraussetzen, nicht darin, ob sie es tun oder nicht. Überzeugte Christen sind nur in einigen Fragen nicht zum Kompromiss bereit, in vielen Fragen jedoch auch sehr flexibel und tolerant – zumindest, wenn sie die Bibel ernst nehmen. Ist es nicht eine der Grundlehren der Bibel, dass Gott die Welt und die Menschheit in einer unglaublichen Vielfalt geschaffen hat und keinen Einheitsbrei wünscht? Steht nicht der Ordnung Gottes eine ungeheure Freiheit gegenüber, das Leben frei zugestalten und immer neue Ideen zu verwirklichen? Nach einem Vortrag an der Universität Bremen warfen mir in der öffentlichen Diskussion ein liberaler Theologe und ein Buddhist vor, ich läge völlig falsch, indem ich einen absoluten Ausgangspunkt setzen würde. Ich sollte doch lieber alle Religionen und Weltanschauungen stehen lassen und davon ausgehen, dass alle auf ihre Weise recht hätten, weil sie letztlich alle dasselbe wollten. Nun denn, so mein Einwand, wenn alle dasselbe wollen, und gemeint ist ja wohl dasselbe Gute, dann gibt es ja doch etwas, woran sich alle Weltanschauungen messen liessen. Das, was ihnen allen gemeinsam ist, ist das eigentliche Ziel. Es ist der absolute Ausgangspunkt derer, die alle Religionen über einen Kamm scheren wollen. Kann ein Mensch wirklich ohne einen solchen Maßstab auskommen, anhand dessen er andere beurteilt? Können wir den Nationalsozialismus oder Stalinismus wirklich einfach tolerant als eine eben nur etwas andere Weltanschauung stehen lassen? Aber mein Einwand ging und geht noch weiter Wenn meine beiden Gesprächspartner wirklich davon ausgehen, dass man alles stehen lassen soll und alle irgendwie recht haben, dann gehen sie auch davon aus, dass ich mit meiner Aussage, Gott, der Schöpfer, und seine Offenbarung seien die absoluten Fixpunkte unseres Denkens, recht habe? Nein, natürlich nicht, sonst hätten sie mich ja nicht in Frage gestellt. Aber warum? Weil eben ihr Toleranzverständnis ihr absoluter Fixpunkt ist. Jeder hat irgendwie recht, solange er ihrem Verständnis von Toleranz nicht widerspricht. Der Mensch kann ohne einen absoluten Ausgangspunkt für die Maßstäbe seines Denkens und Handelns nicht leben. Ein Christ unterscheidet sich nicht darin von seinen säkularisierten Zeitgenossen, dass er im Gegensatz zu ihnen einen absoluten Ausgangspunkt hat. Nein, den haben alle. Er unterscheidet sich aber darin, dass er die Karten offen auf den Tisch legt und kein Versteck spielt. Ausgangspunkt und verbindlicher Maßstab für ihn ist der Schöpfer und seine Offenbarung. Factum September 1996 Prof. Dr. mult. Thomas Schirrmacher http://www.factum-magazin.de/wFactum_de/

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