Die Realität des Bösen

Kann es einen guten und allmächtigen Gott geben, wenn es in der Welt so viel Böses, Leidvolles und Ungerechtes gibt? Philosophen und Theologen aller Jahrhunderte haben ganze Bibliotheken zu dieser Frage gefüllt. Es gibt keine einfache Antwort auf das Problem des Bösen. Die Bibel zeigt Grundsätze auf. Sie helfen, dieses elementare Thema zu ordnen. Das Problem des Bösen für den gläubigen Menschen Der altestamentliche Prophet Habakuk stand mitten im Spannungsfeld der einen grossen Frage: Warum und wie wirkt das Böse auch im Leben eines gläubigen Menschen? Habakuk beobachtete, wie die Gesetze pervertiert wurden. Gewalt ging vor Recht. Die Gerechten wurden von den Gottlosen übervorteilt. Es wurden verkehrte, falsche Urteile gesprochen (vgl. Habakuk 1,2-4). Habakuks Gebet war ein Aufschrei: „Wie lange soll ich schreien, und du willst nicht hören?(…) Warum lässt du mich Bosheit sehen und siehst dem Jammer zu?“ Wie konnte Gott so viel Böses tolerieren, zuerst in seinem eigenen Volk und dann in der ganzen Welt? Dasselbe Problem, das den Propheten damals bewegte, fordert gläubige Menschen bis heute immer wieder heraus. Die Entscheidung, Gott zu vertrauen angesichts einer uns unverständlichen Situation, fordert den Glauben heraus. Während es Christen aufgetragen ist. Gutes zu tun und gegen Bosheit und Ungerechtigkeit anzukämpfen, scheint es manchmal, wie wenn Gott angesichts von Ungerechtigkeit und Bosheit einfach schweigen würde. Die Herausforderung des gläubigen Menschen liegt darin, drei biblische Wahrheiten zusammenzuhalten:

1. die Güte Gottes

2. die Allmacht Gottes

3. die Realität des Bösen

Wer eine dieser drei Wahrheiten verneint, hat angesichts des Bösen in der Welt keine Schwierigkeiten mehr. Wenn jemand sagt: «Gott ist gut, aber schwach», dann ist Gott gar nicht in der   Lage. gegen das Böse in der Welt einzuschreiten, Ein anderer sagt: «Gott hat alle Kraft, aber er ist nicht gütig», dann wird Gott das Böse   unberührt lassen, oder er ist vielleicht sogar dessen Verursacher. Und ein Dritter sagt: «Gott ist gütig und allmächtig, aber das Böse ist keine Realität; was wir als wirklich böse annehmen, ist gar nicht böse; wenn wir die richtige Sicht hätten, würden wir feststellen, dass in der Welt alles richtig läuft.

Die Realität des Bösen

Gerade der dritte Punkt, das Herabsetzen der Wirklichkeit des Bösen, schleicht sich gerne auch in christliche Argumentationen ein, wenn es darum geht, eine Antwort auf die Frage nach dem von den Medien täglich in die Stube gelieferten Leid und Elend zu geben. Krankheit, Leiden, Tragik und Tod werden «verharmlost» und als nicht so schlimm dargestellt, wie sie tatsächlich sind. Daher rührt auch die Vorstellung, es gehört sich für einen Christen nicht, sich über den Verlust eines geliebten Menschen zu grämen. Einige Christen sind überzeugt, dass die einzige angemessene Antwort auf das Ableben eines christlichen Bekannten darin bestehe, Gott dafür zu preisen, dass der Bekannte jetzt beim Herrn sein darf. Sicher ist das ein Teil der christlichen Antwort, aber die Bibel zeigt klar, dass es nicht die einzige angemessene Reaktion ist. Trauer, Tränen, sogar Zorn, sind ebenso angemessene Antworten auf den Tod und all seinen Schrecken. Wenn wir das Böse, das Leid und den Tod vergeistlichen und sagen, das alles sei letztlich eigentlich gut, verschleiern wir die in der Bibel deutlich gemachte Unterscheidung zwischen Gut und Böse, und zwar auf   eine Art und Weise, wie sie östlicher Philosophie eher entspricht denn christlicher Überzeugung. Der Prophet Jesaja warnt: «Weh denen, die Böses gut und Gutes böse nennen» (5,20). Gut und Böse sind real. Sie stehen einander grundsätzlich und immer feindlich gegenüber, und es wird einmal eine letzte Trennung von Gut und Böse geben.

Gottes Allmacht

Die zweite biblische Grundwahrheit, die manchmal kompromittiert wird im Bestreben, eine logisch befriedigende Antwort auf die Frage nach den Bösen zu geben, ist Gottes Allmacht. Es wird versucht, das Theodizee – Problem zu lösen, indem gesagt wird, manche Dinge ereigneten sieh ausserhalb der Kontrolle Gottes. Die Natur Gottes und sein Wirken in der Welt bleiben zwar unerklärlich. Die Heilige Schrift lehrt aber, dass Gott der souveräne Herr ist, und dass sich nichts außerhalb seiner Kontrolle ereignet; die Bibel lehrt zudem, dass Gott nicht für das Böse verantwortlich ist. Wenn wir nun sagen, Gott habe nicht alles unter Kontrolle, dann bedeutet das, dass noch etwas hinter Gott stehen muss – das Chaos, das Schicksal, der Zufall oder der Teufel persönlich, der die Kontrolle hat und deshalb grösser ist als Gott. Doch dieses Denken hat Konsequenzen. Wenn wir meinen, etwas oder jemand neben Gott übernehme in gewissen Fällen die Kontrolle, dann verlieren wir die Hoffnung und das Vertrauen in die biblische Verheissung, nach der Christen in Gottes Händen sicher   sind. Römer 8,28 sagt z.B.; «Wir wissen aber dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Besten dienen, denen, die nach seinem Ratschluss berufen sind. » Diese Aussage ist nur deshalb wahr, weil Gott die Kontrolle über das Geschehen besitzt, weil er souverän ist und hinter allem Leben auf‘ eine Art und Weise steht, wie wir sie nicht immer verstehen können. Es wäre eine leere Hoffnung, wenn Gott nicht wirklich souverän wäre und hinter Tod und Bosheit als die stärkere Kraft stünde, die uns sogar im Tod beschützen kann. Zu dieser Art von Vertrauen fand Habakuk zurück, als er sich an Gottes Treue in der Vergangenheit erinnerte, und er sich ehrlich seiner Angst und seinem Schmerz angesichts des Bevorstehenden stellte.

Gottes Güte

Die dritte Wahrheit, die im Zusammenhang mit der Frage nach dem Bösen manchmal zerredet wird, ist Gottes Güte. Wer überzeugt ist, dass alles, was geschieht, das Ergebnis direkten göttlichen Wirkens und Willens ist, und dass wir deshalb für alles danken sollten, der verzerrt, die biblischen Leitlinien. Die Bibel mahnt, wir sollen Gott zu jeder Zeit und in allen Umständen, selbst wenn diese schlimm sind, danken. Aber ein Christ wird nirgends angehalten, dass er Gott für schreckliche Situationen danken solle, wie wenn sie direkt von Gott geschickt worden wären. Wir sollen Gott nicht für die schlimmen Ereignisse danken, sondern vielmehr für seine angebotene Kraft, Liebe und Güte trotz und mitten in den schlimmen Ereignissen. Gott ist nicht der einzige, bedeutende Akteur in der Welt. Sowohl menschliche wie satanische Aktionen sind real und haben Auswirkungen. Wenn wir die Wirklichkeit menschlicher (und dämonischer) Ursachen herabsetzen, sind wir nah daran, Gott für all das Teuflische in der Welt die Schuld zuzuschieben. Das Problem der Frage nach den Bösen wird nur grösser, wenn wir beginnen, einer der drei biblischen Grundwahrheiten –   Gottes Güte, Gottes Macht, Realität des Bösen – aus dem Weg zu gehen.

Wenn Leid alles wäre….

Wenn Leid und Schmerz alles wären, was es auf der Welt gibt, gäbe es kein verstandesmäßiges Problem. Aber es ist eine Tatsache, dass sich im Laufe der Geschichte Hinweise auf einen guten Gott finden lassen. Ja, warum bringen Menschen diese Welt überhaupt Verbindung mit einem freundlichen und guten Gott? Fest steht, dass die Bejahung eines guten Gottes nicht allein auf der Beobachtung von Natur und Geschichte und ohne weitere Information von außen beruhen kann. Dieses Vertrauen ist nur möglich, weil Gott selbst sich als guter und liebender Gott in dieser zerbrochenen und leiderfüllten Geschichte gezeigt hat. Der Höhepunkt seiner Offenbarung geschah in seinem Sohn Jesus Christus und dessen Opfertod.

Eine Entscheidung und ihre Folgen

Die Bibel beginnt nicht mit der Erlösung, sondern mit der Schöpfung und dem Sündenfall. In ihren ersten Kapiteln bestätigt die Heilige Schrift, dass Gott die Erde schuf, und dass diese Schöpfung «sehr gut» war; das ist ihr gottgewollter Zustand, das ist die Normalsituation. Erst später kam es zu einschneidenden Veränderungen Die ersten Menschen kehrten Gott den Rücken. Ihre Entscheidung gegen das Wort ihres Schöpfers erschütterte und veränderte die Erde auf furchtbare Weise. Die Verantwortung für das Böse, für Schmerz, Sünde, Krankheit   und Tod geht zurück auf die menschliche Rebellion gegen den Schöpfer und auf die Rebellion der Engel und Satans. Die Bibel betont wiederholt die Wichtigkeit menschlicher Wahl und Entscheidung. Gute Entscheidungen beeinflussen die Geschichte für immer, aber genauso tun es die schlechten. Wir möchten nur allzu gerne in einer Welt leben, in der es nur einen Weg gäbe, wo sich unsere Entscheidungen nur positiv auf das Leben unserer Kinder und unserer Enkelkinder auswirkten. Die schlechten Entscheide hingegen sollten sich nicht auswirken. Doch Gott hat verantwortliche Menschenwesen geschaffen, deren Entscheidungen sich in jedem Fall auswirken. Der Sündenfall ist das erste Beispiel dafür wie sich falsche Entscheide auf die ganze nachfolgende Geschichte ausdehnen. Diese Sicht ist für einige Menschen schwer zu akzeptieren, weil unsere Kultur vom Determinismus geprägt ist. Deterministisch denkende Psychologen erklären das menschliche Verhalten als Resultat von Einflüssen, die wir nicht bestimmen könnten. Sie sagen, unser Umfeld, unsere Kindheit und unsere Gene legen fest, wer wir sind und was wir tun. Wenn wir dieser Theorie glauben, scheinen wir zwar jeder Verantwortung für das Böse ausweichen zu können, aber es würde gleichzeitig bedeuten, dass es so etwas wie menschliche Grösse oder Heldentum nicht geben würde. Denn solche Züge müssten ebenfalls programmiert sein. Wenn wir die menschliche Verantwortung bezüglich des Bösen ablehnen und sagen, alles Schlechte, was wir tun, seien eigentlich Fehler der Eltern oder der Gene oder der Umgebung, dann müssen wir auch zugeben, dass alles Gute, was wir jemals getan haben, nicht selbst gewählt, sondern bestimmt war. Aufgrund der Bibel lernen wir, dass Menschen wirklich durch viele Dinge beeinflusst werden, sie aber trotzdem für ihre Entscheidungen verantwortlich bleiben. Wenn wir davon ausgehen müssten, dass Gott sich das Antlitz der Erde so gedacht hat, wie es sich heute präsentiert, dann wäre es tatsächlich nicht möglich, an die Güte Gottes zu glauben.

Nicht alles ist kausal begreifbar

Das Wissen um die Tatsache des Sündenfalls ist für einen Christen grundlegend. Es bedeutet nämlich, dass Gott nicht der Urheber des Bösen ist. Die Quelle des Bösen ist die rebellische menschliche Wahl. Weil Gott nicht der Urheber des Bösen ist, können wir das Böse bekämpfen, ohne gegen Gott zu streiten. Wir müssen nicht angesichts der Folgen des Sündenfalls aufgeben, sondern sollen kämpfen gegen Dornen und Disteln, Sünde und Leid, Krankheit und Tod. Obwohl alles, was an Leidvollem geschieht, auf die menschliche Sünde und im speziellen auf den Sündenfall zurückgeht, gibt es nicht immer einen klaren Zusammenhang zwischen einer bestimmten Sünde und einem bestimmten Leiden. In Lukas 13 wird uns von Galiläern berichtet, deren Blut Pilatus mit deren Opfern vermischt hat. Jesus fragt: «Meint ihr, diese Galiläer seien mehr als die anderen Galiläer Sünder gewesen, weil sie dies erlitten haben? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht Busse, tut, werdet ihr alle auf gleiche Weise umkommen. Oder jene achtzehn, die der Turm am Teich von Siloah bei seinem Einsturz tötete, meint ihr sie seien schuldiger gewesen als alle anderen Menschen, die in Jerusalem wohnen? Nein, sage ich euch, sondern wenn ihr nicht Busse tut, werdet ihr alle auf dieselbe Weise umkommen. » Jesus weist die Vorstellung zurück, dass jede Qual verdient und Leid stets die Folge persönlicher Sünde sei. Er geht weiter und greift zwei damals aktuelle katastrophale Ereignisse auf, um die Menschen daran zu er innern, dass sie sterblich und Sünder sind, ja. dass alle eines Tages dem Tod ins Gesicht sehen müssen. Niemand besitzt von vorneherein einen Garantieschein für sein Leben.

Der Blick nun Kreuz

Wenn wir den Ursprung des Bösen im Sündenfall und im menschlichen Ungehorsam sehen, dann müssen wir unseren Blick auf das Kreuz richten, um sicher zu werden, dass Gott beides ist: liebevoll und gerecht. Die gute Botschaft lautet: Gott hat aufgrund seiner Gnade das Nötige getan, die zerbrochene Welt zu retten, d.h. einzelne Menschen von ihrer eigenen Sünde und den Folgen des Sündenfalls zu befreien. Wie sehr liebt Gott die Menschen? Johannes sagt, Gott habe die Menschen so lieb, dass er seinen einzigen Sohn auf die Erde sandte und dass jeder, der an ihn glaube, nicht ins Gericht komme, sondern ewiges Leben habe. Das Böse und das Leid sind real, aber sie sind nicht das ganze Bild der Wirklichkeit. Wir wären verrückt, wenn wir die historischen Fakten rund um Tod und Auferstehung von Jesus ignorieren würden. Das Christentum ist kein religiöser Leerlauf. Es basiert auf tatsächlich passierten Ereignissen. Wenn wir die Wahrheit erkennen wollen, müssen wir diese Fakten beachten, denn dort sehen wir, dass Gott gleichzeitig gut und so stark ist, um uns von den Folgen des Bösen zu retten.

Umgang mit Zweifeln

Obwohl manche Menschen den Ursprung des Bösen im Sündenfall sehen und die Güte Gottes in Kreuz und Auferstehung beachten. zweifeln sie immer wieder daran, ob Gott wirklich gut sei. Selbst biblische Vorbilder kämpften mit diesem Problem. Abraham, Mose, Habakuk, Jeremia, Maleachi und Jesus selbst, als er am Kreuz schrie; «Warum hast du mich verlassen?» Sie alle rangen darum, mit dem Bösen klarzukommen. Es waren Menschen des Glaubens. Als sie von Zweifeln befallen wurden, brachten sie diese vor Gott. Sie kämpften im Gebet, indem sie sich in Erinnerung riefen, was sie einmal als wahr erachtet hatten. Psalm 73 ist ein gutes Beispiel. Hier ringt ein Gläubiger mit seinen Zweifeln an Gottes Güte. Die Antwort bricht durch, als er sich bewusst wird, was er einst als wahr erkannt hat, und als er wieder an die grossen Zusammenhänge und ans ewige, göttliche Bild erinnert wird. Er erkennt, dass seine Lehensanalyse fehlerhaft ausfallen muss, wenn er sich nicht klarmacht, dass es eine letzte Bestimmung gibt, dass Gott ein gerechter Richter ist. Was wir sehen, ist nicht alles. Es spielt eine Rolle, was wir glauben und wie wir leben. Der Psalmist war zu gefangen gewesen im unmittelbar Sichtbaren, Erst allmählich war er wieder in der Lage, das ganze Bild von der Ewigkeit her zu sehen. Wir leben nur für eine sehr kurze Zeit hier. Keine Stelle der Bibel verheisst uns absolute Gerechtigkeit in der Welt.

Hiobs Wende

Es gibt auf die gestellte Frage keine Antwort, die ohne den Ruf nach Demut und Vertrauen in Gott auskommt. Hiob fand nie heraus, warum er derart leiden musste. Erst nachdem Gott fragte: « Wo warst du, ‚als ich die Fundamente der Erde legte?», war Hiob in der Lage, sein vermeintliches Recht, eine Antwort auf das Warum zu erhalten, loszulassen. Dann und nur so, wurde er fähig, Gott anzubeten – ohne Antwort auf seine Frage, einfach weil Gott Gott ist, der grosse und aller Anbetung würdige Schöpfer.

Handeln, statt debattieren

Wir sind angesichts des Bösen aufgerufen zu handeln und nicht nur zu argumentieren. Gott heisst sein Volk, seine Liebe, seine Heiligkeit und Gute in der Welt zu demonstrieren. Ihm vertrauende Menschen sollen eingebunden sein in Aktionen gegen die Ungerechtigkeit, und sie sollen Gutes tun. Christen, die so leben, werden für sich persönlich eine Antwort auf die Frage nach dem Bösen haben. Sie sehen Gott durch seine Menschen und sind sicher. dass er gut und gerecht ist.

Gekürzte Fassung des «L‘Abri Lecture No 4 von Mardi Keyes ». Mit freundlicher Genehmigung abgedruckt.

Übersetzung: Rolf Höneisen Factum Januar 1995 http://www.factum-magazin.de/wFactum_de

3 Gedanken zu “Die Realität des Bösen

  1. Hi!

    Das passt nun nicht direkt zum Thema.
    Wollte mich nur bemerkbar machen, dass ich nun weiß, welchen Beruf Du hast! 🙂

    Auf jeden Fall:
    Tolle Seite von Dir.
    Habe auch mal überlegt, speziell einen Blog über Apologetik zu starten.
    Aber warum das Rad neu erfinden?

    Sei gesegnet – Du bist gesegnet!
    Dirk.

  2. Alice Schwarzer schrieb ein Lesebuch zum 100. Geburtstag vom Simone de Beauvoir. Ein Kommentar von Gabriele Kuby.

    Gedenktage zeigen etwas über die Identität einer Nation. Ein Volk gedenkt jener, deren Wirken zu seinem Gedeihen oder Verderben in hervorragender Weise beigetragen hat. Derzeit wird anlässlich ihres hundertsten Geburtstages an Simone de Beauvoir gedacht, weil sie die Wertematrix der westlichen Gesellschaft wesentlich verändert hat.

    Alice Schwarzer, Beauvoirs Kampfgenossin der nächsten Generation, feiert ihre Lehrerin mit einem Lesebuch, erschienen im Rowohlt-Verlag, der in den siebziger Jahren Hunderttausende Exemplare von Beauvoirs Hauptwerk, Das andere Geschlecht, an die Frau gebracht hat.

    Es war eine gelehrte Aufforderungen an die Frauen, die Fesseln der patriarchalen Unterdrückung zu zerreißen, weil „man nicht als Frau geboren, sondern zur Frau gemacht wird“, durch Verhütung und Abtreibung „der Sklaverei der Mutterschaft zu entfliehen“, und „die Erziehung der Kinder außerhalb des Hauses zu sichern“.

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    Alice Schwarzer bezeichnet Beauvoir als „einflussreichste weibliche Intellektuelle des 20. Jahrhunderts“. Es seien „Werk und Leben“, die sie „zum „Role-Model für mehrere Frauengenerationen gemacht haben.“ Sehen wir dieses Lebens-Modell näher an.

    Beauvoir wurde gutbürgerlich, katholisch erzogen. Mit 15 Jahren verliert sie ihren Glauben an Gott, weil sie entdeckte, „dass Gott auf mein Verhalten keinerlei Einfluss nahm“. „Im Grunde war ich recht froh, dass er nicht existierte.“ Sie will „eine berühmte Schriftstellerin“ werden. Sie empört sich über die Ansicht ihrer Freundin Zaza, dass „neun Kinder in die Welt setzen, wie Mama es getan hat, ebenso viel wert [ist] wie Bücherschreiben“.

    Die Entdeckung schockiert sie, dass Abtreibung ein Verbrechen sei. „Was sich in meinem Körper zutrug, ging doch niemanden außer mir etwas an; kein Gegenargument brachte mich von meinem Standpunkt ab“ – bis zum Tod. In Das andere Geschlecht, wird sie die Schwangerschaft als „Verstümmelung“ bezeichnen und den Fötus als „Parasit“ und „nichts wie Fleisch“.

    Mit zwanzig Jahren geht sie nach Paris und schreibt über ihren Einstieg in die existentialistische Boheme: „Ich war noch immer überzeugt, dass das Laster die für Gott vorgesehene Stelle im Menschen sei, und schwang mich mit dem gleichen Eifer auf den Barhocker, mit dem ich als Kind vor dem Allerheiligsten in die Knie gesunken war.“

    Mit 21 Jahren lernt sie Sartre kennen. Die beiden schließen einen „Pakt“. Er erklärte Simone, dass es sich bei ihnen um eine „notwendige Liebe“ handle, es aber unerlässlich sei, „dass wir auch Zufallslieben kennen lernen“. Der Bund (!) der Ehe, Kinder, ja selbst eine gemeinsame Wohnung, sind damit ausgeschlossen. „Ich hatte nicht den Wunsch, dass Sartres Existenz sich in der eines anderen Wesens spiegeln und fortsetzen solle: Er genügt sich, er genügte mir. Und ich genügte mir.“

    Der Pakt ist inspiriert von der Idee, „der Mensch müsse neu erschaffen werden…eines Tage würden die Menschen ihre Sklerose abschütteln, sie würde ihr Leben frei erfinden – genau das war unser Bestreben.“

    Schon bald wird Olga die Dritte im Pakt. Simone hat Weinanfälle und Angstzustände, „aber das hielt ich für Schwäche und bemühte mich, sie zu unterdrücken“. Sie schreibt ihren ersten Roman über das „infernalische Trio“, Sie kam und blieb, der damit endet, dass Françoise/Simone die Dritte umbringt.

    Das Beziehungskarussell der beiden dreht sich immer wilder, kein Wunder, denn keiner erlebt die Sexualität als erfüllend, obwohl oder besser weil sich alles darum dreht. Schülerinnen werden mit hineingezogen und erleiden psychischen Zusammenbruch, Simone sucht Abwechslung bei Frauen. „Ich bin schrecklich gierig“, schreibt sie, „Ich möchte vom Leben alles….Und wenn es mir nicht gelingt, werde ich wahnsinnig vor Zorn.“

    Während sie Das andere Geschlecht schreibt, hat sie eine leidenschaftliche Beziehung zu dem amerikanischen Schriftsteller Nelson Algren. Ihre Liebesbriefe an „Nelson, meine einzige und wahre Liebe“ oder „Nelson, mein Gatte“ unterschreibt sie mit „Ich bin für immer deine Frau“. Er will sie heiraten, doch da ist der Pakt mit Sartre, den sie nicht aufkündigen will, weil „Sartre mich braucht“.

    Aber es steht mehr auf dem Spiel, nämlich ihre weltweite feministische Führungsrolle: Täte sie es, würde sie wirklich Nelsons Frau, wäre sie als Role-Model für die Feministinnen aller Länder erledigt.

    Am Ende des Lebens, als es ans Erben geht, verfällt das kinderlose Paar darauf, jeweils ihre mehr als dreißig Jahre jüngeren weiblichen Geliebten zu adoptieren. Für Beauvoir hat das eine unangenehme Folge: sie bekommt beim Tod Sartres von der „Adoptivtochter“ nicht einmal mehr ein Erinnerungsstück.

    Beauvoir rühmt sich zweier Abtreibungen und richtet in ihrem Pariser Salon eine Abtreibungsstation ein. Die Kampagne, in der sich prominente Frauen der Abtreibung bezichtigen, um das Verbot zu Fall zu bringen, importiert Alice Schwarzer nach Deutschland und erreicht, was sie wollte: die Straffreiheit für die Tötung des ungeborenen Kindes im Mutterleib – wodurch der Rechtsstaat im Kern demontiert ist.

    Ein erheblicher Teil der Frauen ist diesem Rollenmodell gefolgt. Es ist salonfähig, wird medial gefeiert. Wie lange noch bleiben die Folgen ausgeblendet? Acht Millionen Abtreibungen seit 1973; sexuelle Verwahrlosung der Gesellschaft; Zerstörung der Familie; psychische Schäden bei einem Fünftel der jungen Generation mit der Folge von Leistungsverweigerung, Sucht, Kriminalität; Gender-Mainstreaming als Leitprinzip des Staates; das Elend der unaufhaltsamen demographischen Katastrophe. Gedeih oder Verderb?

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