Kunst und Kirche, Teil 2

Nachdem dargelegt wurde, dass immerhin eine gewisse Verschmähung von Kunst in der Kirche die evangelischen und die evangelikalen Christen eint, und auch wo dies geschichtlich verortet werden kann (Teil 1), hier nun die Weiterführung, wie Kunst und Kirche vermehrt zusammengedacht und zusammengebracht werden könnte.
Francis Schaeffer, evangelikaler Apologet, hat sich 1973 unter dem Titel „Kunst und die Bibel“ mit der Einstellung der Christen zur Kunst befasst. Selbstkritisch kam er zu folgendem Schluss:
„Wir evangelikalen Christen neigen dazu, die Kunst an den äussersten Rand unseres Lebensbereiches zu verdrängen. Wir halten den Rest des menschlichen Lebens für wichtiger. Obwohl wir ständig über die Herrschaft Christi reden, haben wir ihren Wirkungsbereich auf ein sehr kleines Gebiet der Wirklichkeit eingeschränkt. Wir haben das Konzept der Herrschaft Christi über den ganzen Menschen und über das ganze Universum missverstanden…“[1]
Schaeffer bezeichnet das, was die evangelikalen Christen auf dem Gebiet der Kunst hervorgebracht haben, als nicht viel mehr als „romantische Sonntagschulkunst“ und erinnert sich dabei wahrscheinlich an die, im ersten Teil dieses Blogs genannten grauen Bodenfliessen (welche in Freikirchen der Schweiz vielleicht allgegenwärtiger sind als die Gegenwart… lassen wir das):
„Wir haben anscheinend nicht begriffen, dass die Künste ebenfalls unter die Herrschaft Christi gestellt werden sollen.“[2]
Gerade ein Christ sollte jedoch, so Schaeffer, ein Interesse an der Kunst haben:
„Er sollte diese Künste nämlich gebrauchen, um Gott die Ehre zu bringen und Werke zu schaffen, die Gott durch ihre Schönheit preisen. Ein Kunstwerk kann in sich selbst eine Doxologie sein.“[3]
Oft weisen Leute, welche die Meinung vertreten, dass Kunst etwas Verbotenes sei für einen Christen, oder denen die Kunst aufgrund ihrer Prägung mindestens etwas suspekt vorkommt, vorschnell auf das zweite Gebot im Dekalog (2Mo 20,4f) hin. Betrachtet man dazu jedoch auch 3Mo 26,1, so wird schnell klar, dass es Gott darum geht, dass sich der Mensch nicht anbetend vor einem menschlichen Werk niederwirft.
„Nur Gott allein soll angebetet werden. Deshalb verbietet das Gebot nicht die Anfertigung von Kunstwerken, sondern die Anbetung von irgend etwas anderem als Gott und vor allem die Anbetung von Kunstwerken. Die Anbetung der Kunst ist falsch, nicht aber ihre Schaffung.“[4]
Und ich würde hier Anfügen: auch nicht ihre Betrachtung oder dass sich der Mensch an der Kunst erfreut. Betrachten wir an dieser Stelle doch nur die Anweisung Gottes für die Gestaltung der priesterlichen Gewänder: „An seinem unteren Saum sollst du Granatäpfel aus violettem und rotem Purpur und Karmesinstoff anbringen, ringsum an seinem Saum…“ (2Mo 28,33) Auch zu biblischen Zeiten waren Granatäpfel nicht blau. Nein, nein. Purpur wohl und Scharlach, als natürliche Färbungen, einverstanden. Dazu Schaeffer:
„Das bedeutet, dass wir die Freiheit haben, Dinge darzustellen, die durch natürliche Gegebenheiten inspiriert sind, die es so in der Natur aber gar nicht gibt… In anderen Worten: Kunst braucht keine photographische Nachahmung der Natur zu sein!“[5]
Und seien wir doch ehrlich: Wer kann sich vorstellen, dass sich die Gottesdienstbesucher und Kirchgänger am Sonntagmorgen ehrfurchtsvoll auf die Knie werfen, wenn sie einen etwas kreativer gestalteten Kirchenraum sehen würden (zumal die grauen kalten Fliessen nicht gerade dazu einladen).
Immer mehr künstlerisch begabte Christen haben diese beschriebenen Umstände längst erkannt und möchten ihre Gaben auch im Bereich der Kirche einsetzen können. Mit gutem Beispiel voran geht hier zum Beispiel ein Kollektiv um den Winterthurer Roland Krauer. Er ist Begründer und Initiator der Zeitschrift „Bart, Magazin für Kunst und Gott“:
„Es erscheint halbjährlich und thematisiert zeitgenössische Kunst aus einer offenen christlichen Perspektive. Kunst­schaffende werden mit ihren Arbeiten vorgestellt, begleitet von Texten und Gesprächen zu Kunst, Gesellschaft und Glaube.“[6]
Bei dieser Art von Kunst geht es nicht darum, wer die schönste Friedenstaube kreiert oder den saftigsten Rebstock zeichnet. Hier wird „moderne Kunst“ aus einer christlichen Perspektive betrachtet. Christliche Künstler aus dem In- und Ausland sollen vernetzt und die Aufmerksamkeit der Kirchen vermehrt auf die Kunst als Gabe Gottes gelenkt werden. Dazu gehört auch die philosophische Auseinandersetzung mit dem Kunstwerk.  Interessant wäre nun, Schaeffers Kommentar zu dieser Form von Kunst zu hören, welcher sich, trotz aller Liebe zur Kunst, doch differenziert zur „totalen Freiheit“ äussert, welche die Realität fragmentiert und der sich über Marcel Duchamp oder Jackson Pollock eher kritisch verlauten lässt…[7]
[1]Francis Schaeffer, Kunst und die Bibel: 2 Essays (Neuhausen-Stuttgart: Hänssler, 1981), 4. Original: Art and the bible, 1973.
[2]Ebd. 7. [3]Ebd. 8. [4] Ebd. 9. [5] Ebd. 11.
[6] www.bartmagazin.com
[7]Francis Schaeffer, Wie können wir denn leben: Aufstieg und Niedergang der westlichen Kultur, 5. Aufl. (Holzgerlingen: Hänssler, 2000), 189ff.
http://sola-scriptura.ch/?p=244